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2022-11-07 Stadtgeflüster Illustration Ekki kurz.tif

Tom Feuerstacke und Ede Wolff auf einer verbalen Liegeradfahrt

PUNK, LIEGERAD, VÖLLIGER WAHNSINN

Hier sitzt er also wieder vor mir, Ede Wolf, Gitarrist, Journalist, Schließmuskel-Urgestein und wandelnde Geschichtsschleuder des Niederrheins. Einer, der es schafft, in einem Satz sowohl Münsteraner Liegeradfahrer als auch die Punkvergangenheit von Hamminkeln ordentlich durchzuschütteln – und dabei trotzdem freundlich zu lächeln. Wir reden über 40 Jahre Bandgeschichte, über Namen, die damals verboten gehörten und heute auf Spotify aufploppen, über Boxersequenzen in Musikvideos und den erstaunlichen Umstand, dass selbst Liegeradfahrer ihren Spaß an einem Song haben, der sie eigentlich anblafft. Ede trinkt Kaffee, erzählt ohne Punkt und Komma und wirkt dabei wie einer, der nie aufgehört hat, Flausen zu haben. Und genau deshalb sitzt Schließmuskel plötzlich wieder mitten im Leben – räudig, laut, hungrig.

Ede, seit wann gibt es Schließmuskel – und wie ist die Band eigentlich entstanden?


1983 hat alles angefangen, ohne Plan, aber mit viel Langeweile am immer gleichen Baum, an dem wir uns als Jugendliche trafen. Einmal kam die Idee auf, dass das, was Exploited oder die Sex Pistols konnten, in Hamminkeln doch auch gehen müsste. Also zogen wir in Helmuts Kinderzimmer, fanden dort ein Schlagzeug, stellten fest, dass Helmut es tatsächlich spielen konnte, ich schloss eine E-Gitarre an die Kompaktanlage an und mein Zwillingsbruder brüllte in den Kassettenrekorder. Damit war die Aufteilung klar und ist es bis heute geblieben. Für die Nachbarn war das weniger schön, aber immerhin machten wir plötzlich etwas, das man mit etwas Wohlwollen Musik nennen konnte.

Wusstet ihr damals eigentlich selbst, welche Musik ihr macht – und wie reagierte deine Familie darauf?


Meine Familie wusste anfangs nur, dass wir Musik machten. Welche, war ihnen nicht klar. Das änderte sich schnell, weil sie unsere Platten kannten. Sie sind dem Ganzen mit erstaunlicher Toleranz begegnet.

Stimmt es, dass euer Sänger dein Zwillingsbruder ist?


(Lacht) Ja, er ist mein zweieiiger Zwillingsbruder. Er wiegt 30 Kilogramm weniger und war früher eindeutig der Hübschere. Heute trägt er Mütze.

Ede, wenn du sagst, die Platten verkauften sich wie geschnitten Brot – was bedeutete das damals in der Punkrockszene wirklich? Ging es um ein halbes Hähnchen am Imbiss oder schon um Urlaub?


Das bedeutete höchstens neue Gitarrensaiten oder ein Mittelklassehotel bei einem Auftritt. Leben konnte man davon nicht. Gelegentlich gab es einen Obolus, mehr nicht. Wir waren in den Achtzigern auch so blöd, öffentlich zu erzählen, wie viele Platten wir verkauft hatten, und hatten sofort Ärger mit dem Finanzamt. Seitdem reden wir über Zahlen lieber nicht mehr…

…okay, das erklärt, warum ihr euch so ungern in Charts listen lasst?


Ganz einfach: Wir waren einmal in den deutschen Independent-Charts, mit Weniger Fett, mehr Muskeln. Damals haben wir so viele Platten verkauft, dass wir heute damit locker in den offiziellen Charts landen würden. Verkauft haben wir also ordentlich, aber es reichte nicht, um eine ganze Weltreise zu finanzieren. In der Punkrock-Logik würde ich sagen: nicht Bundesliga, nicht Regionalliga – eher zweite Liga Relegation.


Ede, du warst also schon Journalist beim WDR, während du am Wochenende noch mit Schließmuskel auf der Bühne standest – wie lief das gleichzeitig?


Das lief alles parallel. Wir waren im Grunde Werksamateure: unter der Woche Ausbildung und später WDR, am Wochenende Band. Wir standen Mitte der Neunziger kurz vor einem Major-Deal bei EMI, der aber platzte. Eigentlich hätten wir ins Profilager wechseln müssen. Da das nicht gelang und auch Miete bezahlt werden wollte, sind wir ins bürgerliche Leben gerutscht – ein gefühlter Abstieg.

Warum habt ihr den Major-Deal damals nicht gemacht?


Der Typ, der zu uns kam, war so zugekifft, dass er uns tatsächlich für Die Ärzte hielt. Da war klar, dass da etwas nicht stimmt. Heute weiß ich, dass EMI wahrlich Interesse hatte und wir zur richtigen Zeit unterwegs waren. Wir hatten einiges vorzuweisen: Touren mit den abstürzenden Brieftauben, mehrfach in der Bravo, Support für die Toten Hosen in Coesfeld, Bochum und Düsseldorf. Ein Deal wäre also nicht abwegig gewesen, aber aus einem Grund scheiterte es. Und bevor wir ewig auf ein Wunder warteten, haben wir gesagt: Break. Danach sind wir im Berufsleben abgetaucht.

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Wir reden heute nicht mehr über Zahlen

Gab es bei Schließmuskel eigentlich Besetzungswechsel oder wart ihr immer in der gleichen Formation unterwegs?


Wir hatten nur eine Ergänzung: Dirk Gerlach. Heute betreibt er das Secondhand Music Land und verkauft Gitarren. Ein großartiger Gitarrist, witziger Typ, sah gut aus und hat unseren Altersschnitt ein wenig nach unten gedrückt. Er hat ein paar Jahre die Solo-Gitarre übernommen. Ansonsten blieb alles beim Alten: Volker Hachenberg am Bass, Reinhard Wolf – Schlaffke – am Gesang, Helmut Tettmeyer – Techt – am Schlagzeug und ich, Ede Wolf, eigentlich Ekkehard Wolf, an der Stromgitarre. Dirk war für ein paar Jahre unser Ergänzungsspieler, mehr nicht.

Und wie fühlt es sich an, dass ihr in der Wikipedia-Liste deutscher Punkrock-Bands auftaucht?


Besser dort als auf einer Schlagerseite. Und natürlich ist es schön, überhaupt geführt zu werden. Eine gewisse Relevanz hatten wir ja tatsächlich. Es gab nicht viele Bands, die Heinrich Heine vertont haben, und jemand schrieb mal, wir hätten mit Kulturbeflissenheit kokettiert. Wir waren nie die reinen Assi-Punks. Wir mussten unser Elternhaus verarbeiten. Unser Vater hat uns mit Kafka, Brahms und Schubert gequält – und unsere lyrische Antwort auf den Bildungskanon unseres Vaters war Schließmuskel.


Ihr seid nach all den Jahren wieder aufgetaucht, habt noch einmal richtig losgelegt, sogar ein Video gedreht und haut einen Song raus, der da lautet: Liegeradfahrer, halt’s Maul. Wie zum Teufel kam es zu diesem unglaublichen Smash-Hit?


Die Idee entstand ganz unspektakulär auf meinen Fahrten nach Münster. Ich fahre rein, sehe Liegeradfahrer, Lastenradfahrer, ganze Prozessionen von Leuten, die aussehen, als hätten sie ihre komplette Identität auf zwei oder drei Räder verteilt. Und ich merke dabei jedes Mal, dass mich das nicht immer in Begeisterungsstürme versetzt. Eine gewisse Aversion gegen dieses sehr missionarische Auftreten mancher Liegeradfahrer ist einfach da. Gleichzeitig mögen wir Leute, die ein wenig anders sind. Freaks haben bei uns immer einen Stein im Brett. Deshalb ist der Liegeradfahrer für uns nicht das reine Feindbild, sondern eher eine Figur, an der man wunderbar zeigen kann, wie unsere Gesellschaft tickt. Genau daraus ist der Song entstanden. Für uns ist er eine Metapher. Wir erleben im Moment enorm viel Ideologie, sehr viel Verbissenheit und sehr wenig Humor. Der Liegeradfahrer steht in diesem Lied für all das, was uns an gesellschaftlicher Verkrampfung nervt. Wenn man öfter mal übereinander lachen würde und sich nicht sofort in Weltanschauungen einmauert, würde der Schrecken verschwinden – auf beiden Seiten. Dann wäre der Liegeradfahrer nur noch ein Typ auf einem etwas seltsamen Gefährt, und der Boomer müsste auch keine Angst mehr vor ihm haben. Der Song ist also beides: Klamauk und Kommentar. Und ja, wir haben uns dabei tatsächlich etwas gedacht.

Wie seid ihr auf genau den Liegeradfahrer als Symbol für Ideologisierung und gesellschaftliche Verkrampfung gekommen?


Der Liegeradfahrer ist uns aufgefallen, weil er eine solche seltsame Mischung aus Spartensport, Sendungsbewusstsein und Albernheit verkörpert. Man sieht diesen Wimpel, diese spezielle Haltung, und sofort entsteht ein Bild, das gleichzeitig jämmerlich und burschikos wirkt. Lastenradfahrer gibt es viele, aber Liegeradfahrer sind eine eigene Spezies. Genau deshalb taugt er als Metapher. Er ist ungewöhnlich, auffällig, leicht überhöht und damit perfekt, um gesellschaftliche Haltungen zu spiegeln. Außerdem funktioniert der Satz „Liegeradfahrer, halt’s Maul“ einfach besser als jede andere Variante. Auf Englisch würde das nie laufen. Der Begriff trägt so viel Klang, Witz und Absurdität in sich, dass Deutsch dafür die ideale Sprache ist.

Im Video zum Song gibt es ja sogar eine Gewaltszene, und ihr warnt vorher nicht einmal. Wie seid ihr damit umgegangen?


Die Szene ist bewusst abgedunkelt, fast wie ein kleines Delirium. Mein Zwillingsbruder, der im echten Leben tatsächlich mal ein sehr ordentlicher Boxer im Weseler Boxclub war, verteilt dort ja vermeintlich einen Schlag. Aber genau deshalb ist die Sequenz wie ein Traum gestaltet. Es passiert nicht real, es ist eher ein Fieberwahn, eine kurze Eingebung, eine überzeichnete Fantasie. Danach sieht man ja, dass alles normal weiterläuft und er sogar noch den Reinhard ins Liegerad verfrachtet. Die Szene ist also keine echte Gewalt, sondern ein stilisierter Moment, ein innerer Film, der einmal kurz aufblitzt.

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Besser auf Wikipedia als auf einer Schlagerseite

Nach dem Video kam ein richtiger Boom. Fernsehbericht, hohe Streamingzahlen, geheime Gerüchte über Charts – habt ihr mit so einer Resonanz gerechnet?


Überhaupt nicht. Wir haben neben Liegeradfahrern, halt’s Maul, ja, wir können es noch herausgebracht, und viele sagen sogar, das sei die eigentliche Rückkehrer-Hymne. Der Song läuft bei Spotify fast genauso gut wie der Liegeradfahrer. Aber dass das alles so durch die Decke geht, hätten wir nie erwartet. Ein Grund war sicher, dass Olli Schulz uns bei Fest & Flauschig erwähnt hat – der ist tatsächlich alter Schließmuskel-Fan. Auch Ingo von den Donots hat uns bei Radio Bob geteasert. Es gab also ein paar alte Sympathisanten, die das gefeiert haben. Das hat uns enorm gefreut und natürlich auch geholfen, dass die Sache richtig Fahrt aufgenommen hat.

Mal ganz ehrlich: Als ihr nach all den Jahren noch einmal losgelegt habt – das Video, die neuen Songs, der ganze Wirbel –, hast du da insgeheim gehofft, dass das noch einmal knallt? Oder war das einfach ein „Wir haben Bock, wir machen’s jetzt“-Ding, ohne jeden Gedanken an Erfolg oder Resonanz?


Wir hatten nichts mehr zu verlieren. Wir sind so alt und so raus gewesen, dass niemand ernsthaft damit gerechnet hat, dass wir noch mal auftauchen. Das wäre ungefähr so, als würde Luis Trenker plötzlich wieder auf die Bühne kommen. Aber wir haben gemerkt: Das kreative Potenzial ist noch da. Wir haben uns getroffen und sofort gemerkt, dass es musikalisch immer noch funktioniert. Deshalb gehen wir im Frühjahr wieder ins Studio und nehmen neue Songs auf. Wir haben einen aktuellen Deal mit Sterbt Alle Records in Hamburg. Da kommen noch alte Sachen aufs Vinyl, aber auch neue Tracks. Es wird also nicht lange dauern, bis weitere Schließmuskel-Songs erscheinen – in derselben Qualität wie Liegeradfahrer oder Wir können es noch. Für uns war wichtig, endlich so zu klingen, wie wir immer klingen wollten. Früher hatten wir nicht das Budget, nicht die Erfahrung und auch nicht den Standortvorteil. Wir kamen aus Hamminkeln, nicht aus Düsseldorf oder Berlin. Mein Zwillingsbruder hat inzwischen mit Zwakkelmann viele Produktionen gemacht und bringt das Know-how mit. Und mit Kurt Ebelhäuser in Koblenz, der auch die Donots produziert, hatten wir jemanden, der genau verstanden hat, wie wir klingen sollen. Er sagte immer: räudig. Und genau das wollten wir. Aufgenommen haben wir in Haldern, mischen lassen bei Ebelhäuser – und das Ergebnis gefällt uns. Ob’s allen gefällt, ist nicht entscheidend. Uns gefällt’s, und das reicht für den Anfang.

71 000 Spotify-Klicks – das ist fast Pink-Floyd-Territorium. Musst du dein Geld inzwischen mit dem Gabelstapler bei Spotify abholen?


Ich glaub’, bei 0,00003 EUR pro Klick kommt da gar nichts zusammen. Monetär hat sich das überhaupt nicht gelohnt. Es hat einfach nur Spaß gemacht. Der nächste Kaffee bei Rosi geht trotzdem auf mich.

Ede, jetzt müssen wir es einmal auflösen: Wenn wir über Schließmuskel sprechen – welchen Schließmuskel meinen wir eigentlich? Analschließmuskel, Harnröhrenschließmuskel, Speiseröhrenschließmuskel oder welchen?


Das ist das Schöne: Eigentlich jeden. Ein Hausarzt hat mir mal erklärt, dass im Grunde in jedem Gefäß jegliche Art Schließmuskel steckt. Selbst das Auge hat einen. Es muss also gar nicht der prominente Schließmuskel sein, an den alle zuerst denken. Früher war der Name ein riesiges Problem. In den Achtzigern war Schließmuskel im Radio praktisch nicht machbar. Heute dagegen finden alle den Namen herrlich libertär. Manche interpretieren da sogar sexuelle Freiheit hinein. Uns wurde schon alles Mögliche unterstellt – im positiven Sinne. Heute schockt der Name niemanden mehr. Die Leute sagen eher: schönes Recht, guter Name, jeder kann sich seinen eigenen Schließmuskel denken. Clever für den Erfolg war der Name trotzdem nie. Wir waren 15, als wir ihn gewählt haben. Die eigentliche Entstehungsgeschichte ist ganz simpel: Wir saßen beim Mittagessen, es gab Grünkohl, und unsere Hauskatze Mischki lief über den Tisch. Mein Vater, ein Mann mit poetischer Direktheit, sagte: „Mein Gott, die Mischki hat aber auch einen ausgeprägten Schließmuskel.“ Mein Bruder und ich haben uns weggebrüllt. Und in dem Moment war klar: Das ist der Bandname. Mein Vater war später nicht begeistert – aber der Name blieb.

Du arbeitest als Journalist beim WDR. Hast du keine Sorge, dass du einen Beitrag über Radverkehr machen musst, beim ADFC anrufst – und die dir dann sagen: „Schließmuskelsänger, halt’s Maul“?


Nee, ganz im Gegenteil. Die Leute aus der Fahrradszene, mit denen wir gesprochen haben, hielten den Song für großartig. Wir haben inzwischen sogar direkten Kontakt zu Liegeradfahrern, und da gab es keinerlei Ärger. Im Gegenteil: Viele fanden es cool, dass im Video schöne Liegeräder auftauchen. Und diese Hochradfahrer im Clip, wie aus dem 19. Jahrhundert – die sind wirklich zufällig vorbeigerollt, während wir in den Rheinauen in Bislich gedreht haben. Das hat die Szene komplett entzückt. Wir haben seitdem viele sympathische Liegeradfahrer kennengelernt, die gesagt haben, sie hören den Song sogar auf dem Radweg – und zwar mit einem Lächeln.

Ede, danke für das Gespräch.


Danke euch.

Ekkehard „Ede“ Wolff
Geboren 1966 in Oberhausen, arbeitet er heute als Journalist beim WDR und steht nach Jahrzehnten immer noch mit seiner Punkband Schließmuskel auf der Bühne. Wenn er nicht joggt oder im Bastelkeller an seinem Knick-Knack tüftelt, produziert er neue Songs, die selbst Liegeradfahrer zum Schmunzeln bringen.

lllustration Thorsten Kambach / Fotos Schließmuskel

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