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2022-11-07 Stadtgeflüster Illustration Ekki kurz.tif

Lutz van Dijk über sein Leben im Township und auf wechselnden Kontinenten

NICHT IMMER EINER MEINUNG, ABER DAS MIT RESPEKT

Seit etwa zwanzig Jahren liest der Autor und Journalist Lutz van Dijk jährlich in Münster. Der gebürtige Berliner, der inzwischen die niederländische Staatsbürgerschaft besitzt, lebt seit 2001 in einem Township in Südafrika und wurde für seine Literatur und sein soziales Engagement mehrfach ausgezeichnet. Kürzlich fand seine letzte Lesung in Münster statt, zu der er trotz aller Umstände persönlich herkommen wollte. Das Stadtgeflüster sprach mit ihm über persönliche und gesellschaftliche Themen, wie die Akzeptanz von Homosexualität, über Korruption, Gewalt und über sein internationales Wirken.

Wieso hat es dich damals nach Kapstadt verschlagen?


In Südafrika und anderen Ländern spielten vor allem Menschen eine Rolle, die mich beeindruckt haben, mit denen eine Freundschaft entstand und wo wir gemeinsam etwas anpacken wollten. Bei einem Besuch im Township, wo ich eigentlich als Historiker Zeitzeugen der Apartheid befragen wollte, bin ich einer Krankenschwester begegnet, die erzählte, dass sie den Beruf schon als Mädchen gerne ausüben wollte und ihn nun hasst.

Wieso?


Weil sie ihren Patienten nicht wirklich helfen konnte. Zu der Zeit gab es keine Anti-Aids-Medikamente.


Dagegen habt ihr etwas getan?


Sie sagte, wir bräuchten ein Haus für die Kinder, die Medikamente benötigen, aber keine Familie haben und auf den Straßen betteln. Das war der Start. So haben mein Mann und ich, eine Freundin und Aktivistin aus diesem Township und die besagte Krankenschwester mit gesammelten Geldern ein Haus gebaut.

Wie kann man sich das vorstellen?


Das Haus steht auf einer früheren Müllkippe, die wir abgeräumt haben. Dort gibt es heute einen schönen Garten und einen Spielplatz. Wir haben die ersten Kinder aufgenommen und die Medikamente zu Beginn noch illegal in das Land gebracht, damit diese Kinder überleben können. Das Glück meines Lebens ist, dass alle diese Kinder überlebt haben und heute junge Erwachsene sind.

Was für ein Erfolg! Wie kam es, dass du überhaupt in die Welt „aufgebrochen“ bist?


In Westberlin bin ich geboren, aber im Alter von achtzehn Jahren abgehauen. Das war gar nicht wunderbar geplant. Einzig und allein habe ich so lange gespart, bis ich mir ein One-Way-Ticket von Brüssel nach New York kaufen konnte, und kam vor Ort mit fünfzig Dollar an. Dort habe ich versucht, ein neues Leben zu beginnen, weil ich sehr betrübt war, dass meine Eltern es sehr schwer miteinander hatten.

Nach einer Weile bist du nach Deutschland zurückgekehrt.


Als ich nach fast einem Jahr nach West-Berlin zurückkehrte, merkte ich, dass es dort auch weiterhin nicht gutgeht. Meine Eltern konnten nun auch mit mir, der ihnen versuchte zu sagen, dass ich homosexuell bin, überhaupt nichts anfangen. Vater sagte damals sehr trocken, ob ich auch irgendwas Vernünftiges in Amerika gelernt hätte.

Du hast bei deiner Lesung in Münster erzählt, du seist in den letzten achtzehn Jahren jedes Jahr hierher gereist . Was verbindest du mit der Stadt?


Mit Münster verbinde ich besonders den Verein „Afrikanische Perspektiven“. Er ist eine wichtige Organisation, von denen es zu wenige in Deutschland gibt. Denn, wie viele Stereotype es gegenüber dem afrikanischen Kontinent gibt, wurde mir sehr schnell klar, als ich zunächst länger in Südafrika zu Besuch war.

An welchen Dingen machst du das fest?


Es beginnt schon damit, dass über Afrika oft als „der dunkle Kontinent“ gesprochen wird, was in vieler Hinsicht nicht stimmt und vorurteilsbeladen ist. Es ist ein Kontinent mit vierundfünfzig Staaten, unterschiedlichsten Religionen, Kulturen und Zivilisationen. In Mali gab es Universitäten, als die meisten Menschen in Europa noch nicht lesen und schreiben konnten. Es gibt ein eher islamisch geprägtes Nordafrika und ein eher christlich geprägtes südliches Afrika.

Was wird gegen diese Stereotype getan?


Diese Differenzen wahrzunehmen, dabei hilft der Verein mit Lesungen und Vorträgen, wie der Name sagt, aus der Perspektive der verschiedenen afrikanischen Länder, über den Kontinent zu sprechen. So bin ich, wohl noch länger als zwanzig Jahre lang, einmal im Jahr in Münster gewesen. Es war sehr schön, dass ich jetzt noch einmal eine Lesung machen konnte.

Es war deine letzte Lesung in Münster …


Bedingt durch meine Parkinsonkrankheit werde ich diese schönen Reisen nicht mehr machen können. An die vielen Besuche erinnere ich mich dankbar, bei denen auch Freundschaften entstanden sind. Münster ist eine Stadt, in die ich immer wieder gerne kommen würde.

Wie kann man sich deine Lebenssituation im Township in Kapstadt vorstellen?


Wir wohnen in einem der kleineren Townships, mit etwa vierzigtausend Leuten. In den großen Townships in Kapstadt wohnen über zwei Millionen. Seit fünfundzwanzig Jahren lebe ich dort zusammen mit meinem Mann. In diesem wunderschönen Kinderhaus sind wir zehn Erwachsene und immer um die zwanzig Kinder. Inzwischen kommen sie nicht mehr zuerst wegen der Aids-Erkrankung oder dem Tod der Eltern zu uns. Zum Glück gibt es mittlerweile auch in Südafrika, auch in staatlichen Krankenhäusern, Medikamente.

Weswegen werden die Kinder heutzutage bei euch aufgenommen?


Jetzt sind es mehr Kinder, die vom Sozialministerium oder der Polizei zu uns gebracht werden, weil sie auf der Straße gebettelt haben, weil sie gestohlen haben, weil sie aus sehr schwierigen Verhältnissen kommen oder weil sie von den Eltern misshandelt wurden. Denen versuchen wir ein Zuhause zu geben. Wir fallen durch unsere helle Hautfarbe auf. Deshalb kennt uns im Township fast jeder.


In Südafrika sind Leute mit heller Hautfarbe doch nicht ungewöhnlich, oder gibt es immer noch Trennungen zwischen Townships und anderen Wohnumgebungen?


Das Erbe der Apartheid ist leider noch immer sehr sichtbar und spürbar, auch dadurch, welche Sprachen gesprochen werden. Bei uns wird zu neunzig Prozent „Xhosa“, eine Sprache mit Klicklauten, gesprochen. Die kommt vor allem vom Ostkap, weil viele Menschen dort, wo die Armut noch größer ist, versuchen, in die Nähe großer Städte wie Kapstadt zu kommen. Sie sind auf der Suche nach Arbeit, Schulen für die Kinder und Krankenhäusern für die älteren Leute. So ist unser kleines Township „Masiphumelele“ entstanden.

Was bedeutet es?


Das heißt auf Deutsch übersetzt: „Wir werden es schaffen.“

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Es gibt ein eher islamisch geprägtes Nordafrika

Ach, schön. Wobei ich jetzt nicht weiß, wie man den Klicklaut verschriftlicht.


Es gibt verschiedene Klicklaute, aber das können wir leider schriftlich nicht wiedergeben. Die Kinder sagen mir oft: „Opa, du kannst das schon ganz gut, aber an dem Klicken hört man immer noch, dass du aus Deutschland kommst.“

Klicken mit Akzent, das ist lustig. Nun gab es sicherlich im Laufe der Jahre, beruflich und privat, einige Schwierigkeiten. Du schreibst in deinem Buch auch von Korruption.


Die Korruption hat sehr viel mit den extremen Unterschieden von Arm und Reich in Südafrika zu tun. Südafrika ist kein armes Land, wie zum Beispiel der Südsudan oder Mali, wo es so viel Armut gibt, dass ich gar nicht wüsste, wo man anfangen könnte.


Okay.


Südafrika besteht aus etwa fünfzehn Prozent sehr reicher Menschen, Familien und Wohngegenden, in denen in der Regel auch kein Schwarzer wohnt. Fünfzig Prozent leben jedoch unter der Armutsgrenze. Nach Mandela und den ersten zwei Präsidenten hatten wir mit Jacob Zuma leider einen Präsidenten, der Korruption selbst vorlebte. Auch in unserem Township bereicherten sich einige Leute an Geldern.

Gab es Konsequenzen?


Als ich mit einer Kollegin dahinterkam, sprachen wir sie an und sagten, sie sollten das Geld zurückgeben, sonst würden wir sie anzeigen. Die Erwiderung war, dass, wenn unser Präsident so etwas könne, sie das auch könnten. Außerdem hätten sie gar nicht so viel gestohlen. Wenn wir sie bei der Polizei anzeigen würden, würden sie uns „abknallen“. Das ist auch Südafrika. Das Land mit der höchsten Gewaltrate der Welt.


Tatsächlich?


Leider haben wir Kolumbien auf dieser schrecklichen Liste überholt. Viele arme Leute arbeiten als Gärtner oder Putzfrauen in den wohlhabenden Villengegenden, gehen aber nach Hause und haben für ihre Kinder und sich selbst nicht genug zu essen. Das produziert Gewalt und Korruption.

Du hast die Anzeige dann trotzdem gemacht.


Um meine Kollegin zu schützen, bin ich allein zur Polizei gegangen. Mir wurde im Anschluss geraten, für eine Weile das Township zu verlassen, da es für mich nicht mehr sicher war. Da gab es später trotzdem nochmal ein Wiedersehen mit einem der Beteiligten, das aber gut ausging. Die ganze Geschichte kann ich im Buch etwas ausführlicher erzählen.

Viele leiden selbst unter der Korruption und würden gern etwas aufbauen, richtig?


Ja, doch wenn ich Freitagabend bei uns aus dem Township fahre, dann stehen dort wenige sehr schicke Autos, von denen man weiß, dass sie nicht von Township-Bewohnern besessen werden. Das sind Drogenhändler, die junge Leute dazu benutzen, die Drogen im Township zu verteilen und das Geld zurückzubringen.

…


Wenn ich diese jungen Leute frage, die zum Teil Abitur haben, sehr kluge und sehr feine Menschen sind, warum sie so einen Mist machen, sagen sie, sie würden sofort aufhören, wenn sie irgendeine Form von Arbeit bekämen, mit der sie Geld verdienen würden. Oft sind es etwa acht Kinder zu Hause und die Ältesten tragen Verantwortung. Der Vater sagt, wenn sie nicht irgendwas mitbrächten, müssten sie sich verziehen, weil es nicht genug Essen für alle gibt. So sieht es nach wie vor, nach über dreißig Jahren Ende der Apartheid, aus.


Wie ist es bei den Kindern, die ihr betreut?


Wir sind sehr froh, dass wir für die meisten unserer Kinder, wenn sie die Schule beendet haben, über persönliche Beziehungen eine Arbeit gefunden haben. Das ist aber die Ausnahme. Es gilt nicht für die meisten Jugendlichen bei uns im Township.

Um nicht nur die Probleme anzusprechen: Es gibt auch viel Fortschritt, KI und Finanztechnologien, das Digitalnetz ist gut. In ganz Afrika ist das Land führend.


Wenn du Geld hast, kriegst du alles. Die ärztliche Versorgung ist genauso gut wie in Europa, doch wenn du nicht bezahlst, stirbst du. Wir haben einen Township-Arzt bei uns im Kinderhaus, der eine Art Robin Hood ist. Er nimmt von denen, die etwas bezahlen können, versorgt aber auch die, die nicht bezahlen können, wo immer er kann. Aber auch das ist nicht die Regel.

Dein guter Freund und Literaturwissenschaftler Dr. Moustapha Diallo sprach zuletzt von stark auseinandergehenden Entwicklungen der Rechtslage zu Homosexualität in afrikanischen Ländern. Wie nimmst du die Entwicklungen insgesamt tendenziell wahr?


So wie in der ganzen Welt. Da ist der afrikanische Kontinent nicht besonders gut oder schlecht. Südafrika war im Jahr 1996 das erste Land auf dem Kontinent, in dem es Gesetze gab, um sexuelle Minderheiten zu schützen und die Diskriminierung zu verbieten. Inzwischen gibt es zehn von vierundfünfzig Staaten, in denen es ähnlich positiv ist.

Da sind folglich viele Staaten, in denen es anders ist.


Es gibt Länder, wie das christliche Uganda, in denen die Todesstrafe eingeführt worden ist. Auch Ghana oder Senegal sehen seit Kurzem mehrere Jahre Gefängnis für Menschen vor, die sich einfach nur dazu bekennen. Für mich als Mann, der homosexuell ist und das auch offen lebt, ist das eine beständige Herausforderung. Es ist in meinem Leben und in einigen Teilen der Welt etwas besser geworden und in anderen Teilen schlechter.

Du betonst immer wieder die Mitmenschlichkeit als wichtigen Faktor im Leben.


Meine Haltung ist, dass ich Menschen, unabhängig davon, wie sie denken oder handeln, als Mensch begegne und damit auch in Schulen viele gute Gespräche hatte. Sowohl in Südafrika als auch in Deutschland, wo junge Leute mir gegenübersitzen, die dann vielleicht sagen, ihr Vater hätte gesagt, dass Schwule Verbrecher seien, Schande, Sünde und so weiter.

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Wenn Du Geld hast kriegst du alles

Wie reagierst du?


Zuweilen überrasche ich damit, dass ich nicht verurteile, sondern vielleicht frage, ob er wisse, warum der Vater das sagen würde. Ob er jemanden kenne, der so sei. Dann beginnt ein Dialog. So könnten wir in dieser Welt zusammenleben, ohne dass wir alle einer Meinung sein müssen.


Du wirkst sehr erfüllt und zufrieden. Gibt es dafür eine besondere Quelle?


Darauf gibt es eine eindeutige Antwort. Meine Quelle sind wunderbare Menschen, die in meinem Leben zu meinen Freundinnen oder Freunden geworden sind. Die, unabhängig von Lebensalter, Generation, Hautfarbe, Sprache und Religion, hilfsbereit sind und die sich einfühlen können, auch in Menschen, die ganz anders sind. Menschen, mit denen wir nicht nur in Südafrika, sondern auch in den USA oder anderen Teilen der Welt schöne Sachen gemacht haben.

Das klingt gut.


Jetzt denke ich manchmal, dass ich vielleicht nicht ausreichend für meine Rente vorgesorgt habe, in meinem Leben als Schriftsteller und vielleicht Lebenskünstler. Trotzdem fühle ich mich sehr reich mit meinem Leben, das ich hatte und nach wie vor habe, selbst jetzt, mit den Einschränkungen meiner Krankheit. Das ist die Quelle meiner Zufriedenheit und meines Glücks, und das wird sich auch nicht mehr ändern.

Was hast du nun vor?


Mein Mann und ich werden jetzt in die Niederlande zurückgehen. Denn das ist bedauerlicherweise auch so ein Unterschied zu Südafrika, wenn man in diesem Teil der Welt lebt: Selbst wenn man nicht sehr reich ist, gibt es eine minimale Gesundheitsversorgung. Die gibt es in Südafrika nicht. Um dort niemandem auf der Tasche zu liegen, haben wir beschlossen, dass wir nach Amsterdam zurückgehen, wo wir vorher auch gelebt haben.

…


Wenn die Krankheit meinen Kopf angreift und ich nicht mehr klar denken kann, dann gibt es sogar die Möglichkeit, in den Niederlanden würdevoll sein Leben zu beenden. Das werde ich tun und habe deshalb auch keine Angst davor, dass Parkinson, die Krankheit ist bislang unheilbar, leider schlimmer werden wird. Wenn ich finde, dass ich nicht mehr mein Leben führe, das ich mir oder anderen Menschen zumuten möchte, darf ich mein Ende selbst bestimmen. Das war jetzt ein doofes Schlusswort. Aber auch diese Seiten gehören zum Leben, oder?

Mit Sicherheit.


In dem Buch „Being Mortal“ von Atul Gawande wird beschrieben, dass wir in vielen westlichen Zivilisationen vergessen haben, dass Sterben zum Leben gehört. Wir haben das Thema so ausgegrenzt, dass es überhaupt nicht mehr wahrgenommen wird.

Stimmt. 


Allenfalls wird es nur noch als schrecklicher Albtraum verstanden, wenn man vor dem Sterben ist. Die Ärzte müssen das Leben so lange verlängern, wie sie können. Das kann zu schrecklichen Situationen führen, in denen Menschen noch Monate an Apparaten vegetieren, nur damit sie am Leben bleiben. Weil wir es nicht ertragen können, dass unser aller Leben irgendwann endet. Das ist doch ein schöner Gedanke, dass wir das mitbestimmen dürfen.


Das wäre eigentlich ein Interviewthema für sich. Ich wünsche dir alles Gute und hoffe, dass du noch ganz viel Zeit und Freude vor dir hast und lebst, was auch immer kommen mag.


Jetzt hast du das bessere Schlusswort gemacht.

Dr. phil. Lutz van Dijk, geb. 1955 in Berlin, ist Journalist, Autor, Pädagoge und Mitbegründer der Stiftung HOKISA im Jahr 2002 in Kapstadt, die von Aids betroffenen Kindern hilft. Nach dem ersten Teil seiner Memoiren „Irgendwann die weite Welt“ erzählt er in seinem aktuellen Roman und zweiten Teil „Die weite Welt – New York bis Kapstadt“ von seinem Leben, langjährigen Engagement und Erfahrungen.

lllustration Thorsten Kambach / Fotos Dr. phil. Lutz van Dijk

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