
Arndt Zinkant fragt Dennis Kunert, wie Jack the Ripper zum Mythos wurde
ARMUT, BLUT UND NEBEL
Er ist wohl der berühmteste „Cold Case“ der Kriminalgeschichte. Jedenfalls kennt Dennis Kunert keinen, der noch mehr die Gemüter erhitzt oder zu mehr Spekulationen geführt hätte: Der nie entlarvte Londoner Frauenmörder, dem der Name „Jack the Ripper“ gegeben wurde. Warum und von wem, erzählt der Münsteraner im Interview. Denn er hat mit seinem Podcast „Vom Mörder zum Mythos“ auf Spotify eine echte Fan-Gemeinde gefunden.
Dennis, du interessierst dich seit über 25 Jahren für Jack the Ripper. Wie kommt‘s?
Mich interessiert die viktorianische Zeit ganz allgemein – und vor allem der Ripper-Mythos. Es ist ein bis heute unbekannter Serienmörder; es gab vorher Schlimmere, und es gab danach Schlimmere – aber warum ist gerade aus diesem Typen so eine berühmte Figur geworden? Ein veritabler Mythos! Wenn du jetzt „Jack the Ripper“ googelst, kriegst du ja immer ein bestimmtes Bild: So eine Gestalt mit Mantel und Zylinder und schwarzer Ledertasche, die durch das neblige London rauscht. Und diesem Klischeebild entsprach er historisch wohl eben nicht.
Welches Bild zeichnet die Forschung denn heute?
Dazu gleich noch. Jedenfalls interessiert mich und meine Co-Moderatorin viel mehr etwas anderes: Das historische Milieu, also die ganz besonderen sozialen Gegebenheiten im Londoner East End des Jahres 1888, die diese Mordserie sozusagen erst möglich gemacht haben. Außerdem beschäftigt mich das Aufkommen der Presse – insbesondere der Boulevard-Presse –, die sich diese Morde zunutze gemacht und den Ripper-Mythos im Grunde erschaffen hat.
Also zoomt ihr quasi heraus – weg von den blutigen Mörderhänden hin zum ganzen Soziotop dieses Londoner Armenviertels.
Genau. Außerdem wollen wir den Opfern Mitgefühl und Aufmerksamkeit schenken; wir versuchen, sie nicht zur Deko oder zu Accessoires des Serienmörders zu degradieren. Sie werden meist viel zu wenig beachtet.
Waren das alles Prostituierte?
Nein. Und das ist ebenfalls ein großer Knackpunkt. Vor einigen Jahren gab es ein Buch von Hallie Rubenhold: „The Five“. Es behandelte diese fünf angeblich „kanonischen“ Opfer, die dem Ripper zuzurechnen sind. Und die Autorin hört genau an der Stelle auf, wo diese umgebracht werden. Sie hat sich also „nur“ mit deren Leben auseinandergesetzt – was bei vielen einen Aufschrei provozierte: „Wie kann man das voneinander trennen? Was soll das denn?“ Und Rubenhold sagt, dass nicht alle Prostituierte waren. Heutzutage spricht man ohnehin eher von Sexarbeit.
Was verband denn nun diese fünf?
Sie mussten alle ums nackte Überleben kämpfen – und haben dann unter Umständen auch ihren Körper verkauft. Vor allem mussten sie aber wohl kleine Gelegenheitsarbeiten verrichten, zum Beispiel auf Wochenmärkten Nippes oder Blumen verkaufen. Und wenn es hart auf hart kam, dann hieß es „Sin or Starve“, also sündige oder verhungere. Von diesen fünf kanonischen Opfern weiß man, dass wahrscheinlich zwei Prostituierte waren, also wirklich Sexarbeiterinnen. Bei manchen schien es nur aus der Not geboren. Sie gehörten teilweise der Mittelschicht an und rutschten dann über Trunksucht in die Elendsviertel ab.

Es handelte sich um willkürlich ausgewählte Frauen
Bei der ersten Folge war ich überrascht, wie langsam und ruhig ihr eingestiegen seid. Ich fühlte mich fast wie bei einer Art Soziologie-Seminar - der Ripper kommt ja kaum vor! Hätte man nicht, um die Fans zu packen, etwas knalliger und blutiger anfangen müssen?
Genau das wollten wir nicht – um keinen Täter-zentrierten Ansatz zu liefern. Wir haben den Podcast ja bewusst „Vom Mörder zum Mythos“ genannt, weil es uns um den Mythos hinter dem Täter ging. Und um die ermordeten Frauen und ihre Leben – die Folgen sind ja nicht umsonst nach den Opfern benannt. Wir wollen zeigen, wie diese Frauen und diese Mordserie durch die Medien dargestellt wurden. Den Ripper stellen wir nicht ins Zentrum, sondern schauen eher, was in dieser Zeit passiert ist, so dass am Ende genau dieses Täterbild herauskommt, wie wir es heute kennen. Natürlich müssen wir teilweise auch auf die Verletzungen der Opfer eingehen – aber auch nicht blutig und matschig, wie das vielleicht etliche Leute wollen. Sondern nur, um quasi den „modus operandi“ zu zeigen, denn die Ähnlichkeit von Verletzungen lässt natürlich auch wichtige Rückschlüsse zu.
Welche sind besonders wichtig?
Es war keine Rache, es war kein Raubmord, es war keine Eifersucht – es handelte sich einfach um willkürlich ausgewählte Frauen. Und der Ripper hat die Morde regelrecht inszeniert, hat die Frauen auf öffentlichen Straßen liegen lassen und sie grausam verstümmelt. Da kann man schon von Inszenierung, von einer Entmenschlichung sprechen. Oder zumindest einer Entweiblichung: Immer starke Verstümmelung der Genitalbereiche der Frauen, das war etwas völlig Neues. Überhaupt war das Motiv eines Serienmörders damals gänzlich neu. Und ohne dies gäbe es wahrscheinlich auch gar nicht die moderne Kriminalistik. Dadurch, dass die Polizei so unter Druck geriet, hat Jack the Ripper halt auch etwas ausgelöst.
Eine neue, moderne Form der Ermittlungsarbeit?
Das erste Mal gab es Tatort-Fotografie oder andere neue Ermittlungsmethoden. Gleichzeitig hat Jack the Ripper die gesamte Regierung unter Druck gesetzt. Dieses Pulverfass East End! Dazu kam noch die Angst der feinen West-End-Gesellschaft in London, dass da vielleicht eine Revolution bevorsteht, dass diese Armut herüberschwappt.
Das waren ganz schön viele Pulverfässer.
Eines davon war Antisemitismus – es hieß sofort: „Es muss ein Täter mit hebräischem Aussehen sein. Das würde niemals ein Engländer machen!“ Man spekulierte etwa über einen polnisch-jüdischen Einwanderer. Später hieß es, „Nein, das muss einer aus dem Westen sein, ein feiner Pinkel.“ Motto: Da kommt jemand aus dem West End zu uns armen Menschen und bringt uns um. Und dann wurde dieser medial ausgestattet mit seinem Zylinder und mit der Ledertasche. Man kann wirklich durch die Presseberichte nachzeichnen, wie diese Figur schon im Jahr 1888 herauskristallisiert war. In der popkulturellen Aufarbeitung, insbesondere durch das Medium Film in den 20ern und vor allem in den 50er Jahren, wurde es dann fest in den Köpfen etabliert.

Einer der Verdachtsmomente war Antisemitismus
Dieser Mythos in den Köpfen ist also ein Zusammenspiel: Es hat mit Literatur zu tun, mit der Stimmung, mit der Zeit und vor allem mit der Presse. Kann man kurz raffen, wie der Mythos entstand, oder ist es zu kompliziert?
Ein wichtiger Punkt ist, dass nach dem zweiten Opfer ein vermeintlicher Bekennerbrief auftauchte, der sogenannte „Dear Boss“-Brief. Der fängt an mit „Lieber Boss“, und unterschieben ist er das erste Mal mit „Jack the Ripper“. Der Verfasser schreibt sogar darunter: „Entschuldigen Sie bitte, dass ich mir diesen Markennamen gegeben habe.“ Das ist ja modernes Storytelling! Genauso macht man auch heutzutage noch Marketing – dem Ganzen einen Namen verpassen. Man weiß heute aber mit ziemlicher Sicherheit, dass dieser Brief von Journalisten erstellt wurde, um die Auflagenzahl ihrer Zeitungen zu erhöhen. Zuvor wurde immer nur vom „Whitechapel Murderer“ gesprochen. Und irgendwann kam dann so ein antisemitischer Mist rein, dass es ein sogenannter Leather Apron, also „Lederschürze“, mit hebräischem Aussehen sein soll. Und so hat es die Presse auch hochgekocht. Dann wurde irgendwann ein jüdischer Mitbürger geschnappt – der sich als unschuldig erwies. Die Medien brauchten also eine neue Täterfigur, und daher haben sie diesen „Jack the Ripper“ geschaffen.
War das damals schon so wie heute – also die reißerischen Blätter auf der einen Seite und die seriösen auf der anderen?
Genau wie heute! Der sogenannte „New Journalism“ war zuerst ein amerikanisches Phänomen und zu dieser Zeit auch schon in Großbritannien angekommen. Denn es konnten schon deutlich mehr Leute lesen als noch 30 oder 40 Jahre zuvor. Daher wurden sogenannte „Penny Papers“ angeboten, weil auch die Arbeiter sich nun billige Zeitungen leisten konnten. Dadurch hatten sich natürlich auch die Themen verändert. Da ging es nicht um „Lord X hat Lady Y geheiratet“, sondern es ging um jene Themen, die die Arbeiterschicht beschäftigten: Mord und Totschlag, Prostitution, Armut und Elend.
Ganz normales Zielgruppen-Marketing also …
Und das haben die Zeitungen halt wunderbar bedient. Auch Kriminalgeschichten als Fortsetzung, die seinerzeit aufkamen, haben die Leute fasziniert. Die wollten immer wieder lesen, wie es weitergeht. Und jetzt war da mal wirklich was passiert! Einerseits haben sich die Leute abends nicht mehr auf die Straße getraut, weil da ja ein Irrer unterwegs war, aber sie wollten auch irgendwie Teil davon sein. Deswegen sind auch diese Bekennerbriefe in die Tausende hochgegangen.
Warum nun ein eigener Podcast über das Thema?
Ursprünglich wollte ich ein Jack-the-Ripper-Buch herausbringen, fand aber keinen Verlag dafür. Daher bot es sich an, das Medium zu wechseln. Meine Co-Moderatorin Nina hatte bereits einen Podcast: „Früher war mehr Verbrechen“ – das ist ein historischer True-Crime-Podcast. Die haben sich immer mit historischen Verbrechen beschäftigt, also solchen vor dem Ersten Weltkrieg, und haben damals auch vier Folgen über den Ripper gemacht. Ich habe sie dann angeschrieben, wir kamen ins Gespräch und beschlossen schnell, unseren gemeinsamen Podcast zu starten. In der deutschen Podcast-Szene markierte Jack nämlich eine Lücke: True Crime überall, absolut die erfolgreichsten Podcasts, aber das berühmteste „Whodunit“ – meiner Meinung nach, der Cold Case schlechthin – war völlig stiefmütterlich behandelt. Und diese Lücke wollte ich füllen.
Und die Resonanz?
Zu 99,5 % positives Feedback. Es wuchs und wuchs, und bald kam eine eigene Spotify-Hörer-Community auf – so dass wir beschlossen, auch nach den bereits produzierten zehn Folgen weiterzumachen. Da ist noch viel, worüber man sprechen kann.
Letzte Frage: Was glaubst du, wer es war?
Zumindest zwei Sachen wissen wir über den Täter: Er muss im East End gelebt haben, weil er sich da auskannte. Und wer eine so blutige Tat begeht, muss irgendwo hingehen können, um sich zu waschen – und das kann nicht in einem öffentlichen Logierhaus oder Schlafsaal sein. Daraus ergibt sich eine zweite Sache: Wenn er sich eine Wohnung leisten konnte, muss er auch irgendwo gearbeitet haben. Und mehr „wissen“ wir nicht mit Gewissheit.
Vor ein paar Jahren kam ja dies mittlerweile berühmte Buch raus, „Naming Jack the Ripper“ von Russell Edwards. Da geht es um DNA-Analysen eines angeblichen Schals eines Opfers, die nun sichere Rückschlüsse auf einen Täter ermöglichen sollen. Motto: Der war‘s! Ich glaube, dass der hier präsentierte Täter sogar recht spannend ist, aber aus den falschen Gründen: Diese Analyse von uralter, x-fach verunreinigter DNA – das erscheint mir als völliger Humbug.
Dennis Kunert
Er hat Deutsch und Geschichte an der Uni Münster studiert. Seit mehr als zwei Jahrzehnten setzt er sich mit der viktorianischen Epoche, der Whitechapel-Mordserie und der kulturellen Entwicklung der Figur „Jack the Ripper“ auseinander. Daraus entstand der Podcast „Jack the Ripper – Vom Mörder zum Mythos“, der historische Forschung mit medialer Vermittlung verbindet. Aktuell arbeitet er an einer Publikation zum Thema und beruflich in der Kommunikationsabteilung eines großen deutschen IT-Unternehmens.
Jack the Ripper – Vom Mörder zum Mythos gibt es überall, wo es Podcasts gibt und auf Instagram: @jack_the_ripper_podcast
lllustration Thorsten Kambach / Fotos Dennis Kunert


