
Tom Feuerstacke und Christian Pander über den Neustart nach dem Abstieg, junge Preußen und das neue Stadion
WIR WOLLEN DA ANDERS SEIN
Es gab Zeiten, da war ein Preußen-Trikot in Münster fast schon ein kleines Statement. Heute sieht man die Adler wieder überall. Kinder tragen Schwarz-Weiß-Grün, Karten sind begehrt und auf der Baustelle an der Hammer Straße wird jeder neue Pfeiler bestaunt, als würde da gerade der Kölner Dom neu hochgezogen. Mittendrin Christian Pander. Einer, der den Verein schon kannte, als die Stufen noch schief, die Aussichten überschaubar und Zweitligafußball ziemlich weit weg waren. Heute redet er über Nachwuchs, Wachstum und Verantwortung und darüber, warum bei Preußen auch mal Geschäftsführer selbst eine Wand einreißen.
Nach dem Abstieg hätte es Preußen wirtschaftlich richtig hart treffen können. Hattest du davor Angst?
Angst nicht. Wir haben von Anfang an zweigleisig geplant. Es gab bei uns nie nur das Zweitliga-Szenario.
Also war die 3. Liga wirtschaftlich eingepreist?
Ja. Uns war klar, dass die Reise auch wieder in die 3. Liga gehen kann. Gleichzeitig wollten wir aus der sportlich erfolgreichen Zeit etwas mitnehmen und in Projekte investieren, die über die erste Mannschaft hinausgehen.
Vor allem in den Nachwuchs?
Wenn mehrere Jungs aus unserer Jugend auf dem Platz stehen, macht mich das glücklich. In solche Dinge lohnt es sich zu investieren. Mit Spielern aus dem eigenen Nachwuchs können sich die Menschen noch einmal ganz anders identifizieren. Das soll unser Weg sein. In einem Jahr funktioniert das vielleicht besser, im anderen schlechter. Aber grundsätzlich stimmt mich diese Entwicklung positiv.
Die jungen Spieler bekommen dabei ziemlich schnell viel Verantwortung. Hast du keine Sorge, dass man einen 18- oder 19-Jährigen auch verbrennen kann?
Wir versuchen, unsere jungen Spieler zu schützen. Dabei ist es vollkommen egal, ob sie aus unserem eigenen Nachwuchs kommen oder von außen. Toni Tikvić beispielsweise ist auch noch wahnsinnig jung, kommt aus einem Kreuzbandriss und hat ein Jahr keinen Fußball gespielt.
Und dann kommt bei jungen Spielern schnell Kritik dazu.
Kritik ist hilfreich und angebracht, wenn sie berechtigt ist. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass die Fans dieser Mannschaft anlasten, was in der vergangenen Saison vorgefallen ist. Wir hatten einen Riesenumbruch. Ich glaube, zwischen Mannschaft und Fans hat es so etwas wie einen Reset gegeben.
War dafür ausgerechnet der Abstieg ein wichtiger Moment?
Das letzte Heimspiel gegen Darmstadt war schon bemerkenswert. Du wirst abgeschlagen Letzter und die Zuschauer applaudieren trotzdem und geben dir ein gutes Gefühl für die neue Saison mit. Das kenne ich auch anders. Da wirst du normalerweise um den Arenaring gejagt oder das Stadion wird abgerissen.
Und dieser Reset hält?
Der Empfang in der neuen Saison war jedenfalls super. Natürlich gibt es während eines Spiels Momente wie gegen Havelse, in denen man denkt: „Wir haben letztes Jahr noch 2. Bundesliga gespielt und jetzt kommt Havelse.“ Aber Havelse spielt aus einem Grund in derselben Liga wie wir. Natürlich wollen wir solche Spiele gewinnen und besser sein. Aber das ist Fußball.
Wann kommt denn wieder der Fußball, bei dem man auf der Tribüne sitzt und sagt: „Boah, lecker“?
Die Frage ist, was wir wollen. Zu Beginn der vergangenen Saison haben wir teilweise fantastischen Fußball gesehen. Da haben wir alle gedacht: Was passiert hier gerade? Nachhaltig war das aber nicht.
Also lieber dreckig gewinnen als schön verlieren?
Wenn du es so ausdrücken willst: Ja. Dann ist es mir lieber, wir haben auch mal Phasen, in denen wir dreimal den Ball lang nach vorn spielen, um uns aus dem Druck zu lösen und wieder zu sortieren. Das ist nicht attraktiv und nicht schön anzusehen. Wenn es am Ende erfolgreich ist, nehme ich das aber in Kauf.
Obwohl du dich selbst als Fußballästheten bezeichnest.
Absolut. Ich schaue mir auch gerne das Barcelona von früher an. Aber wir haben gegen Stuttgart gesehen, dass es eben Sequenzen gibt, in denen du nicht gut im Spiel bist. Das gehört dazu. Selbst Bayern München hat solche Phasen.
Und dafür benötigst du auch die Kurve?
Unbedingt. Ich habe selbst gespielt und weiß, was Unterstützung mit einer Mannschaft macht. Fans dürfen ihren Unmut äußern. Aber ich bin dafür, das nach dem Spiel zu tun oder meinetwegen mit dem Halbzeitpfiff. Wenn das Spiel läuft, sollte man die Mannschaft unterstützen.
Auch wenn es gerade richtig schlecht aussieht?
Gerade dann. Unsere Mannschaft ist im Schnitt deutlich jünger als in der vergangenen Saison. Den Jungs tut es enorm gut, wenn sie auch in schwierigen Phasen Unterstützung bekommen.
Es hat sich was geändert. Keine alte Antikarena mehr, anderes Bier, funktionierende Toiletten, neue Tribünen und Fußballspiele gewinnen wir auch noch. Was ist denn plötzlich bei Preußen los?
Wir möchten uns weiterentwickeln. Und auch das ist ein Prozess, der hinter den Kulissen in einer guten Geschwindigkeit läuft. Entscheidend ist, dass wir organisch wachsen. Wir möchten nichts aufbauen, was wir sofort wieder reduzieren müssen, wenn es sportlich einmal schlechter läuft.

Wir möchten uns weiterentwickeln
Vermisst du die alte Antikarena trotzdem etwas?
Natürlich hatte die ihren Charme. Ich habe selbst als Kind auf diesen schiefen Stufen gestanden. Mit diesem Stadion teilweise noch 2. Bundesliga zu spielen, war schon etwas Besonderes. Aber natürlich müssen wir uns weiterentwickeln.
Was verändert das neue Stadion?
Eine Menge. Wir haben lange darauf gewartet, dass dieses Projekt tatsächlich umgesetzt wird. Damit können wir Grundsteine für eine erfolgreiche Zukunft legen. Uns hat die Wucht eines ausgebauten Fußballstadions gefehlt.
Die neue Kurve lässt schon erahnen, was möglich ist.
Man merkt, was das bewirken kann, wenn dort Tausende Menschen stehen, ihr Herz hereinwerfen und die Mannschaft nach vorn peitschen. Das kann dir über eine Saison auch Punkte bringen. Wir sind auf ganz vielen Ebenen auf einem hervorragenden Weg.
Was steht momentan ganz oben auf deiner Agenda?
Dieses eine Thema gibt es nicht. Dafür ist das Ganze zu umfangreich. Am Ende steht und fällt aber vieles mit dem sportlichen Erfolg. Wenn das Stadion seine volle Kapazität erreicht, wollen wir natürlich möglichst häufig vor ausverkauftem Haus spielen.
Dafür muss die Mannschaft liefern.
Wenn du in der 3. Liga gegen den Abstieg spielst und im Winter bei vier Grad im Regen Fußball hast, wird es trotz des neuen Stadions schwieriger, die Leute dauerhaft zu begeistern. Deshalb ist sportlicher Erfolg die Grundlage.
Gleichzeitig redest du immer wieder vom eigenen Nachwuchs. Wie wichtig ist dieser Weg?
Sehr wichtig. Wir möchten junge Spieler einbinden. Durch unsere verbesserten Strukturen haben wir mehr Möglichkeiten, Spieler über die Jugend zu entwickeln. Dafür haben wir auch Geld in die Hand genommen.
Wo genau soll es besser werden?
Vor allem beim Übergang von der U19 in den Männerfußball. Dieser Sprung ist riesig. Wir wollen den Jungs professionellere Strukturen bieten und dieses Gap verkleinern. Das ist ein riesiger Hebel für diesen Verein.
Du kennst diesen Weg selbst.
Ich bin damals bei Schalke aus der U19 Profi geworden. Bei den Fans hatte ich dadurch immer eine gewisse Sonderstellung, weil die wussten: Der kommt aus unserer Jugend. Solche Spieler sind Identifikationsfiguren.
Also lieber einen eigenen Jungen verlieren, weil er den nächsten Schritt in die Bundesliga macht, als ihn gar nicht erst auszubilden?
Wenn wir einen Spieler ausbilden, entwickeln, ihm die Chance geben und er den nächsten logischen Schritt macht, können wir darauf stolz sein. Genau das wollen wir auch in Zukunft schaffen.
Preußen hat sich aber nicht nur sportlich verändert. An Spieltagen siehst du die Trikots inzwischen morgens im Supermarkt. Kinder tragen Preußen statt Bayern oder Dortmund. Um Karten wird sich gerissen. Wann ist dieser Verein in Münster wieder so groß geworden?
Das macht mich wahnsinnig stolz. Dafür hat der Verein jahrelang gearbeitet. Natürlich ist der sportliche Erfolg der große Hebel.

Die Entwicklung geht schon viel früher los
Erfolg alleine reicht aber offenbar nicht.
Du musst auch sympathisch sein, um Sympathien zu bekommen. Wenn du glaubst, du bist etwas Besseres, nur weil du plötzlich 2. Bundesliga spielst, funktioniert das nicht. Du musst dich in die Stadtgesellschaft integrieren. Wir benötigen die Menschen, die Stadt und die Region.
Du kennst noch andere Zeiten.
Ich habe selbst als Jugendlicher bei Preußen gespielt. Damals hatte man nicht unbedingt das Gefühl, dass die ganze Stadt diesem Verein besonders wohlgesonnen war. Heute ist das anders.
Merkst du das besonders bei Kindern?
Als ich vor acht Jahren die Fußballschule gegründet habe, war vielleicht mal ein Kind im Preußen-Trikot dabei, weil der Vater ihm das angezogen hatte. Heute dominieren bei unseren Trainings die Preußen-Trikots. Vor Schalke, Dortmund, Bayern, Messi, Ronaldo und allem, was Kinder sonst tragen.
Wer sorgt eigentlich dafür, dass ein Junge aus der U19 tatsächlich bei den Profis ankommt?
Die Zeiten haben sich verändert. In meiner Jugend hast du dich als Nachwuchsspieler hinten angestellt. Du hast die Bälle getragen. Und wenn du sie einmal nicht mitgenommen hast, bist du eben zweimal gelaufen.
Früher war also doch alles besser?
Nein. Genau das würde ich nicht sagen. Früher war es anders. Und so, wie es heute ist, ist es auch in Ordnung. Wir haben als Verein eine Entwicklung genommen und Geld in die Hand genommen, um Strukturen zu verbessern. Dadurch können wir Spieler enger und besser begleiten.
Und dafür braucht es Leute zwischen Jugend und Profis.
Du benötigst Trainer und Menschen an diesen Schnittstellen, die gute Arbeit machen und diese Arbeit auch wirklich für diesen Verein machen wollen. Leute, die nicht bei der erstbesten Gelegenheit sagen: Ich bin weg. Sondern Menschen, die hier einen Plan, ein Ziel und auch selbst eine Perspektive haben.
Und Ausbildung beginnt nicht erst in der U19.
Die Entwicklung geht schon viel früher los. Damit in der U19 gute Spieler ankommen, muss in der gesamten Jugend zuverlässig gearbeitet werden.
Zum Schluss ein wenig sneaken. Neuer Caterer, anderes Bier, regionale Preußenwurst, neues Stadion. Was kommt als Nächstes? Videowürfel über dem Mittelkreis?
(Lacht) Ich posaune ohnehin nichts raus. Erstens ist das nicht mein Naturell und zweitens nicht meine Aufgabe.
Bleibt der Profibereich dort, wo er heute ist?
Ich vermute, dass im Wesentlichen alles so bleibt. Aber wir investieren natürlich auch dort in die Infrastruktur. Unser Profibereich bietet noch nicht die besten Möglichkeiten für Regeneration, Spiel- und Trainingsvorbereitung. Das wissen wir.
Was habt ihr noch verändert?
Etwa das Trainerbüro. Die Leute verbringen unglaublich viele Stunden am Platz. Dann sollen sie dort auch eine Atmosphäre haben, in der sie gerne sind und gut arbeiten können. Das ist ein stetiger Prozess.
Und dafür reißen Geschäftsführer und Sportdirektor schon mal selbst eine Wand ein?
In der Sommerpause haben Ole und Jan tatsächlich selbst mit Hand angelegt und das Trainerbüro praktisch kurz und klein geschlagen, um Platz zu schaffen und es neu zu gestalten.
Das klingt ziemlich nach Preußen.
Vielleicht ein wenig kitschig, aber für mich ist das ehrliche Arbeit. Da gehen Geschäftsführer Sport, Sportdirektor und technischer Direktor hin und reißen selbst Wände ein, weil alle mit anpacken wollen, damit es besser wird. Das zeigt schon ziemlich viel.
Gleichzeitig stehen draußen Leute und beobachten jeden neuen Pfeiler auf der Stadionbaustelle. Ich ertappe mich selbst dabei. Du fährst vorbei, bremst und schaust wie ein kleiner Junge. Und direkt daneben trainiert der Nachwuchs. Ein B-Jugendlicher sitzt im Fitnessraum auf dem Fahrrad und neben ihm trainiert ein Profi. Ist genau diese Nähe nicht eure große Chance?
Genau das wollen wir sein. Wir müssen natürlich aufpassen, denn der Übergang zwischen familiär und unprofessionell ist fließend.
Wo liegt für dich der Unterschied?
Familiär bedeutet für mich nicht unprofessionell. Wir wollen nahbar sein und junge Spieler mit den Profis zusammenbringen. Sie sollen von den älteren und erfahrenen Spielern lernen und sehen: Wenn ich hier Gas gebe, habe ich die Möglichkeit, in diesem Verein weiterzukommen.
Während anderswo im Sommer einfach 18 neue Spieler gekauft werden.
In anderen Vereinen kannst du als Nachwuchsspieler alles geben und weißt trotzdem, dass wieder neue Spieler verpflichtet werden, weil diese Vereine die finanziellen Möglichkeiten haben. Wir haben diese Möglichkeiten nicht in diesem Umfang. Aber genau daraus wollen wir eine Stärke machen. Wir wollen da anders sein.
Familiär, also nicht als Ausrede für fehlende Professionalität, sondern als Teil des Preußen-Weges?
Daran wollen wir arbeiten. Beim letzten Familienspieltag haben wir auf dem alten Kunstrasen viel für Kinder angeboten. Ich war selbst mit meinen Kindern da und habe mich einfach gefreut, wie voll es war und wie viele Menschen Lust hatten, zu uns zu kommen.
Da geht es um mehr als Fußball.
Natürlich. Wir haben auch eine gesellschaftliche Aufgabe. Wir sind in Berg Fidel, in einer Gegend, in der es soziale Herausforderungen gibt. Da haben wir als Verein eine Verantwortung. Und auch darin wollen wir besser werden. Daran arbeiten wir.
Christian Pander
Christian Pander, Jahrgang 1983, spielte in der Jugend für Preußen Münster. Als Profi stand der Linksverteidiger für Schalke 04 und Hannover 96 auf dem Platz und absolvierte zwei Länderspiele. Nach seiner aktiven Karriere engagierte er sich in der Nachwuchsförderung. Seit 2026 ist Pander Präsident des SC Preußen Münster.
lllustration Thorsten Kambach / Fotos Tim Rehbein

