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2022-11-07 Stadtgeflüster Illustration Ekki kurz.tif

Peter Sauer spricht mit Christian Bleiming über Bach, Chuck Berry und die Titanic

BRILLANTER BOOGIE-WOOGIE MIT GROßEN HÄNDEN

Wenn Christian Bleiming in die Tasten haut, erscheint auch der älteste Klassiker taufrisch. Unverwechselbar ist sein Spiel zwischen Boogie-Woogie und Jazz, tief sein Ausdruck und erfahren sein musikalischer Schatz und sein profundes Wissen. Seit 46 Jahren steht er auf der Bühne. Was er da so alles erlebt hat, erzählt er wunderbar anekdotenreich und freizügig in seinem Buch „Klaviatouren“ – und in unserem Interview.

Christian, wann ging das mit der Musik bei dir los?


Ich kaufte mir ab meinem 10. Lebensjahr von meinem Taschengeld Singles für meinen Plattenspieler wie „Venus“ von Shocking Blue, „Hey Joe“ von Jimi Hendrix oder „Calling Number One“ von The Tremeloes. Als ich meinen ersten Boogie-Woogie hörte, änderte sich alles.


Welcher war das?


Bob Hall und George Green waren beim Ersten Boogie-Woogie-Festival im WDR-Funkhaus dabei. Ich hörte sie mit 14 via Radio in meiner Coesfelder Dachkammer. Den „Texas Stomp“ von Big Maceo Merriweather spielten sie an zwei Flügeln. Ich war auch ein Fan vom Tastenvirtuosen Keith Emerson. Ich bin über ihn zu Bach gekommen.


Wie das?


Keith Emerson hat das 3. Brandenburgische Konzert bearbeitet, für eine zweimanualige Hammond-Orgel.


Gibt es eine Brücke zwischen Bach und Boogie?


Bach ist für mich der erste Boogie-Woogie-Pianist. Das 5. Brandenburgische Konzert fängt mit geraden 16teln an, hat aber ein triolisches Feeling, was dem Jazz ureigen ist. Die extrem rhythmische Musik von Bach swingt von sich aus, wenn man sie forsch spielt und nicht romantisiert. Als mich Bach begeisterte, fing ich auch mit meinem Klavierunterricht an.


Also nicht, weil Deine Eltern es wollten?


Nein, weil ich wollte. Mein erstes Wunschinstrument war eigentlich die Elektro-Orgel, wegen Keith Emerson.


Aber?


Meine Mutter Elisabeth kam aus dem klassischen Bildungs-Haushalt, mein Vater Wilhelm war Jazzfan. Also hieß es: „Lern erst mal Klavier!“ Dann kam der Boogie-Woogie, daher war das mit der Orgel sowieso Geschichte. Ich hatte übrigens damals schon relativ große Hände.


Große Hände?! Ist das beim Klavierspielen ein Vorteil?


Ja, ich hatte das „Kinderbuch“ zum Lernen nach einem halben Jahr durch. Meine Hände waren damals nicht kleiner als heute, und fürs Klavierspielen ist es von Vorteil, große Hände zu haben. Dann muss man sich nicht so quälen. Wenn man als Kind, also möglicherweise zu früh, anfängt, ist es nicht sicher, ob man später als Erwachsener durchhält. Haptik ist leichter zu bewältigen, wenn man schon als junger Mensch, pubertätsbedingt, große Hände hat. Dann macht's auch mehr Spaß.


Wie kamst Du dann vom klassischen Klavierunterricht zum Boogie-Woogie?


Ich habe parallel angefangen, Boogie-Woogie zu üben, schon mit 19, also 1979. Und da wurde ich langsam immer besser. In Hamburg habe ich Pianisten kennengelernt, also unbekannte Leute, keine Stars. „Amateure“ im allerbesten Sinne. Ich habe mir manche Titel auch selbst abgehört, im Eigenstudium. Mit wachsendem Erfolg, so dass ich immer häufiger auftreten konnte.


Du hast Dich neben dem Studium auch als Musikjournalist betätigt. Warum?


Der Bruder meiner Mutter war Journalist. Ich habe immer viel gelesen und mit 29 Jahren ja auch meinen Magister in Germanistik gemacht. Mit dem Musikjournalismus fing alles 1980 an. Ich wohnte damals noch in Coesfeld und schrieb einen Bewerbungsbrief an die Münstersche Zeitung in Münster.


Mit welchem Erfolg?


Bernd Behr, der aus Franken stammende Kulturjournalist, war brillant und sehr eloquent, arbeitete damals bei der Münsterschen Zeitung und ließ mich ab 1980 als freien Journalisten für den Kulturteil arbeiten. Da habe ich bis 1984 viel geschrieben. Mein erstes Konzert war eines von Vince Weber im alten „Jovel“ an der Weseler Straße. Vor 500 Leuten. Und Bernd Behr fand mich talentiert.


Worüber hast du bei der MZ geschrieben?


Über Auftritte von Cliff Richard bis hin zu Otto Waalkes. Mein Lieblingsartikel war der, den ich 1982 über meinen „Leib- und Magenkabarettisten“ Hanns Dieter Hüsch verfasst hatte. Hüsch konzertierte in der Schulaula in Billerbeck. Mein Bericht lief glatt aus der Maschine. Ich war ja immer schon am nächsten Tag in der Redaktion. Es gab 30 D-Mark pro Artikel. Behr war stets streng beim Korrigieren, aber dieser Artikel ging glatt durch, und selbst die schulterlangen Haare, die ich seinerzeit hatte, spielten dabei keine Rolle. Behr sagte einmal zu mir: „Sie sind immer so zurückhaltend. Ich muss mal eines Ihrer Konzerte besuchen, um zu sehen, ob Sie wenigstens auf der Bühne aus sich herausgehen.“


Du bist dann 1984 nach Münster.


Ja, hier ist seit 1984 mein erster Wohnsitz. Ich hatte mir vorher immer ein Auto geliehen, um Konzerte in Münster besuchen zu können, gerne im „Kontrabass“ an der Warendorfer Straße.


Und in Deinem Studium Germanistik, Publizistik und Musikwissenschaften hast Du Götz Alsmann kennengelernt?


Ja. Der studierte dort gleichzeitig mit mir. Wir haben uns angefreundet, ich habe Götz zuhause besucht und mir von ihm immer Langspielplatten ausgeliehen und diese dann bei mir auf Musikkassette aufgenommen. Wir sind heute noch gut befreundet. Ich habe es immer als Kompliment empfunden, wenn er Veranstaltern meine Nummer weitergab, weil er dort aus Termingründen nicht spielen konnte. Da habe ich einige Jobs gekriegt, u. a. auch bei Jürgen W. Möllemann – Götz konnte nicht.

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Mit Musikjournalismus fing alles an

Und parallel zum Studium gab es dann immer mehr Live-Auftritte von Dir?


Ja, in Gaststätten verdiente ich ungefähr fünfmal so viel wie für meine freien Mitarbeiter-Artikel bei der MZ. Da stapelten sich fast schon die Banknoten. Die Hundertmarkscheine habe ich sogar ab und zu gehortet. Gelegentlich wurde es tatsächlich vierstellig. Ich ging dann dazu über, für weitere Auftrittsmöglichkeiten Telefonakquise zu betreiben, einem Versicherungsvertreter nicht unähnlich.


Und warum gerade Jazz und Blues?


Reine Geschmacks-, Fingerschnipp- und Gutfind-Gründe. Wenn ich z. B. an die Blues- und Boogie-Nummern von Meade „Lux“ Lewis denke, fällt mir besonders auf, welche Akkorde er benutzt hat in der rechten Hand – das ist schon die hohe Schule.


Im Laufe der Zeit hast Du Deine eigenen Duo-, Trio- und Bandformationen gegründet. Viele kennen „Christian Bleiming and his Boogie Boys“.


Ja, die erste CD erschien 1990 und diese habe ich, wie fast alle Tonträger, bei Peter Finger produziert. 


Über das Münsterland ging es auf Tourneen, die bis nach Sylt, Dresden, zum Bodensee und ins Ausland führten. Ich habe Dich das erste Mal im TV wahrgenommen, am Piano im Lortzing-Saal.


Eine schöne Zeit. Ich war einer von vier Pianist*innen beim TV-Magazin „Lokalzeit Münster“, das einmal die Woche live aus dem Lortzing-Saal gesendet wurde. Das war von 1994 bis 1997. 1998 zog man um in das „Theatercafé“ an der Neubrückenstraße.


Was war Dein lustiger Auftritt?


Bei „Mittwochs mit“ (WDR) haben Moderator Bernd Müller und seine Talkgäste sich über das Ende des Braunkohle-Bergbaus so ausführlich unterhalten, dass sie bis kurz vor Ende der Sendung fast vergessen hatten, dass ich ja auch noch drankommen sollte. Das klappte noch, aber erst zum Schluss und auch nur beim Abspann, für ganze anderthalb Minuten. Aber ich kam dran, haha. 


Was machst Du in Deiner Freizeit?


Ich bin ein TV-Freak, aber natürlich übe ich auch noch Klavier. Ich fahre viel Fahrrad mit Leuten aus unserem Tischtennisverein („Blau-Weiß Aasee“), habe durch Alkoholverzicht ein paar Kilo verloren, bin beim B. U. N. D. eingetreten, ebenso bei der „Deutschen Umwelthilfe“, und kann bei unseren Radtouren durch das Münsterland einige Erfolge in puncto „Renaturierung“ erkennen. Wir sind pro Woche oft zweimal unterwegs und legen dabei zwischen 35 km und 80 km zurück, je nach Zeit und Wetter. Alle zwei Wochen sonntags spiele ich auf dem Klavier von Onkel Willy bei „Ute brennt noch Licht“ an der Schillerstraße.


Was war Dein kleinster Auftritt?


1985 in einem nahezu leeren Zirkuszelt in Meppen. Und ein anderes Mal in einem Jugendzentrum, irgendwo im Ruhrgebiet. Dort randalierten Mitglieder einer Rockergang auf den Toiletten, weil sie keine zwei Euro Eintritt bezahlen wollten. Oder in Münster, in einem sehr kleinen Laden – da spielte ich mal vor zwei Leuten. Wie sich herausstellte, handelte es sich um Mutter und Tochter.


Warum so wenig Publikum?


Offenbar lief dort die Werbung nicht so gut, und die Spielstätte lag ja auch mitten in einem Wohngebiet, ohne abendliches Laufpublikum. Ich verzichtete auf mein Geld, spielte 30 Minuten meine Lieblingsstücke durch. Meinen größten Auftritt hatte ich vor 1000 Leuten, als Mitglied der „Bluescompany“. Das war 1986 auf einem Rockfestival.

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Es waren die Zigarren des Trommlers

Dein Buch steckt voller spannender und lustiger Musikgeschichten. Eine Schwarzdrossel brütete zum Beispiel im Rauch eurer „Nebelmaschine“.


Ja, das waren die Zigarren des Trommlers!


Mit einem Föhn wurde ein nasses Mischpult auf Sylt wieder getrocknet, beim Karneval in Braunschweig stand ein Mann im Gymnastikanzug mit umgeschnalltem Plastikpenis vor der Band und in einem Gotteshaus genoss auch der Pfarrer die „Dschungelmusik“. Und wie war das mit Chuck Berry?


Klasse. Wir spielten alle seine Hits, am 6. November 2005 in der Halle Münsterland. Danach sagte er zu unserem Schlagzeuger: „Good piano player you've got there.“


Gut in Erinnerung geblieben ist mir die Furz-Geschichte.


Ein Mitmusiker wollte uns im Wallfahrtsort Telgte seine ganz persönliche Kreuztonart zeigen: Er entledigte sich mit einem lauten Knall seiner Darmgase. Was das mit Klavierspielen zu tun hat, erfahrt ihr in meinem Buch.


Und auch die Sache mit der geplatzten Hose.


Ich hatte vor circa 20 Jahren einen Auftritt in Wertheim bei Aschaffenburg, solo. Auf einmal bemerkte ich einen Riss in meiner Hose. Die Frau des Veranstalters nähte mir das Beinkleid in der Pause. Später passierte das noch mal. Da ging ein Mitmusiker mit mir auf die Herrentoilette und flickte mir die Hose. Als wir nach abgeschlossenem Nähvorgang aus der WC-Kabine kamen, schaute der Mann am Urinal uns etwas irritiert an. Aber es wurde nur die Hose genäht, mir selbst ist nichts passiert. Haha.


Bist du als erfahrener Musiker auch mal aus dem Takt gekommen?


Als ich bei einem Auftritt versucht habe, einem Bandkollegen etwas mitzuteilen, während ich spielte. Per Zeichensprache. Das war eine Form des Multitaskings, die ich nicht beherrsche.


Worüber hast du beim Fernsehgucken in letzter Zeit am meisten gelacht?


Immer wenn der Film „Titanic“ läuft.


Wieso das?


Ich lache mich kaputt, wenn der Dampfer sinkt, alle panikartig zu den Rettungsbooten laufen und die Bordkapelle an Deck weiterspielt, bis ein Geiger zum anderen Geiger sagt: „Lass uns aufhören! Uns hört sowieso keiner zu.“ Das erinnert mich daran, dass man gelegentlich Hintergrundmusik macht, während die meisten Leute im Raum mit anderen Dingen beschäftigt sind.


Wie bei eurem Auftritt auf Europas größter Kegelparty in Münster?!


Genau. Dort riefen Kegler: „Könnten sie nicht Pause machen? Wir wollen wissen, ob wir gewonnen haben.“


Ist in Deiner 46-jährigen Musiker-Laufbahn auch mal eine Bühne zusammengebrochen?


In Gladbeck spielten wir Anfang der 90er als „Boogie Boys“ zu fünft. Ein Pressefotograf war darauf versessen, die besten Perspektiven zu kriegen, und kletterte über die Bänke. Als er mit seinen Schuhen auf einer Sitzbank direkt an der Bühne hockte, gab es plötzlich einen lauten Krach. Das alte, morsche Holz brach unter ihm zusammen. Nicht verletzt lief er wegen des lauten Gelächters des Publikums puterrot an und verließ fluchtartig den Raum. In den nächsten Sekunden war es scheißegal, was wir spielten.

Christian Bleiming (* 19. Februar 1960) spielt als Boogie-Woogie-Pianist in verschiedenen Formationen nicht nur Klassiker des Genres, sondern stellt auch mitreißende Eigenkompositionen vor. Er arbeitete u. a. eng mit Angela Brown, Tommie Harris und Leah Kline zusammen. Er moderiert den Jazz-&-Blues-Corner, jeden 4. Donnerstag um 20.04 Uhr im Bürgerfunk. Nächste Auftritte: 6. September „Promi-Kellnern“ am Aasee, 8. September Kulturbahnhof Hiltrup mit Romana Dombrowski. Sein Buch „Klaviaturen“ ist im agenda-Verlag erschienen. Mehr Infos: www.bleiming.de/

lllustration Thorsten Kambach / Fotos Manfred Pollert & Skrzippek

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