
Wenn einen geübten Stoiker nichts mehr aus der Bahn wirft
SCHILLERND UND EMOTIONAL UNERSCHÜTTERLICH
Zwischen antiker Weisheit und moderner Selbstoptimierung: Hier setzt der Autor und Philosoph Carsten Adler an, um seine Sicht auf den Stoizismus zu beschreiben und auf die heutige Zeit anzuwenden. In seinem Buch „Pepe Poseidonios – der kleine Stoiker aus dem Atlantik“ bringt Adler stoische Lehren auf kindlich-verspielte Art und Weise ein. Passen unsere Träume zu uns? Können Wünsche zu groß und schlecht für uns sein? In einem Gespräch mit der Redakteurin Chiara Kucharski geht es um Glück, Selbsterkenntnis, vermeintliche Rückschläge und warum die alten Ideen aktueller denn je sind.
Magst du kurz umreißen, worum es in deinem märchenhaften Buch geht?
Man neigt dazu, schlechte Ereignisse ungeschehen machen zu wollen. Ist das Teil der stoischen Philosophie, genau dies nicht zu tun?
Ja. Im Stoizismus geht es in erster Linie darum, alle Scheuklappen und alle Brillen der emotionalen Prägung, die wir aufhaben, abzusetzen. Erstmal erkenne ich, was ist. Wir können die Zeit nicht zurückdrehen. Aber es gibt Möglichkeiten, die wir haben.
Welche Möglichkeiten sind das?
Die finde ich erst in der Erkenntnis, wo ich überhaupt bin. Wenn ich nach Hamburg fahren möchte, muss ich erst mal wissen, wo ich stehe. Wenn ich in Münster bin, bestimmt das, in welche Richtung ich als Nächstes gehen muss, um mein Ziel zu erreichen. So sollte man das im Leben generell machen.
In Bezug auf Städte wirkt das Vorgehen banal. Doch wenn es um das eigene Selbst geht und darum, sich objektiv zu erkennen, sieht es schon anders aus.
Das ist auch schwierig. Es ist vielmehr ein Ideal, ein Streben, und bleibt eine Herausforderung. Dieses Streben wird aber mit Erleuchtungsmomenten belohnt, in denen wir ganz klar erkennen, dass etwas nicht zu uns passt. Sei es in Bezug auf eine Beziehung oder auf die Berufswahl. Das ist mir auch im Job schon passiert. Man kann etwas in seiner Vorstellung sehr wollen, bis man merkt, dass man diese Person gar nicht ist.
Was für ein Job war das?
Das war in einem Produktionsstudio des Musikers und Produzenten Leslie Mandoki, den fand ich super. Ich habe mich da in einen Job „gewurschtelt“, mich gut verkauft, und plötzlich hatte ich die Stelle. Doch habe ich damit Glück gehabt? Die Tätigkeit passte gar nicht zu mir. Das war so ein kurzer Erleuchtungsmoment.
Erfordert es nicht auch Mut, sich selbst zu erkennen?
Es erfordert Mut und Neugierde und Selbstdisziplin. Auf sein Gefühl zu hören, ist auf jeden Fall wichtig. Wir haben oft diese zwei Stimmen in uns, die etwas ausfechten. Spricht die Vernunft, wenn ich sage, mich zu besaufen täte mir heute mal gut? In anderen Fällen ist das schwer auseinanderzuhalten. Deswegen würde ich sagen, erfordert es Mut und große Neugier auf die Wahrheit.
Wie begreifst du Wahrheit?
Ich glaube, dass es die Qualität der Wahrheit gibt, die Philosophie nennt es die Weisheit. Doch wo unterscheidet man Weisheit und Wahrheit? Dass es eine Wahrhaftigkeit in meinem Leben gibt, da bin ich mir sicher. Diese Wahrhaftigkeit ist wie eine mathematische Gleichung. Es gibt auch Momente im Leben, da spürt man förmlich, dass etwas wahr ist. Ich habe erfahren, dass man dieses Gespür, Wahrhaftigkeit zu entwickeln, üben kann.
Hast du konkrete Vorgehensweisen zur Selbsterkenntnis?
Die geht mit der richtigen Fragestellung einher. Das ist eine alte und gute Technik aus der antiken griechischen Philosophie, dass man sich selbst fragt, anstatt andere. Die geeignete Fragestellung ist sicherlich bei jedem anders. Im Kern sollte man reflektieren, worum es einem gerade geht. Ob es einem guttut und ob es vernünftig ist. Das klingt erstmal nach diffusen Fragen, aber ich glaube, dass sich dann die innere Stimme meldet, die sagt: "Komm, mache dir doch nichts vor."

Auf sein Gefühl zu hören ist wichtig
Geht man bei dieser Fragestellung noch Risiken und Abenteuer ein?
Doch, auf jeden Fall. Für den Philosophen oder den neugierigen Menschen ist alles ein Abenteuer. Da kommen wir gar nicht umhin, uns darauf einzulassen. Auf die banalsten Sachen, wie jeden Tag zur Uni zu gehen. Man meint, man weiß, was passiert. Ich laufe los, ich komme an. Doch, ob man heute wirklich ankommt, kann man nicht wissen. Wer bist du, wenn du angekommen bist? Hast du zwischendurch Menschen wiedergesehen? Wir tun immer so, als wüssten wir alles mit Bestimmtheit.
Welche Konsequenz ziehst du daraus?
Wir müssen uns darauf einlassen. Das funktioniert am besten, wenn wir völlig flexibel sind. Wenn wir ungeprägt von Urteilen und Vorurteilen sind. Denn das meiste mutmaßt man nur.
Man sollte etwas naiver durch die Welt gehen?
In der Form, dass ich mir stets im Klaren bin, dass ich es nicht weiß. Man kann immer wieder neu überrascht werden. Es gibt eine Theorie, die besagt, dass ich, auch wenn in der Vergangenheit jeden Tag die Sonne aufgegangen ist, nicht mit Gewissheit darauf schließen kann, dass es morgen auch so sein wird. Es gibt eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit, auf die ich mich auch verlasse und über die ich nicht jeden Tag neu nachdenke, aber wissen tue ich es nicht. Das ist eine gesunde Naivität, mit der man sein Leben unbeschwerter bestreitet.
Welche Ereignisse haben dich dazu gebracht, dieses Buch zu schreiben?
Der Gedanke kam fast aus dem Nichts. Während eines Waldspaziergangs bekam ich den Wunsch, ein Kinderbuch zu schreiben. Es ist zwar am Ende kein wirkliches Kinderbuch geworden, aber mein damaliger Impuls war, Kindern zu zeigen, warum es nicht glücklich macht, wenn alle Wünsche in Erfüllung gehen würden. Gleichzeitig wollte ich dem Sohn meiner besten Freundin einen Mutmacher mit auf den Weg geben.
Mut für etwas Bestimmtes?
Ihm, Gabriel heißt er, hat man gesagt, er würde mit seinem ADHS große Schwierigkeiten haben, sich zu konzentrieren. Unmittelbar darauf wurde er eingeschult. Später habe ich mich immer mehr dabei ertappt, dass ich mich selbst mit dieser Figur identifiziere. Es ist in dem Sinne kein Kinderbuch für einen Sieben- oder Achtjährigen geworden, die wollen ein bisschen mehr Spannung haben.
Die Hauptfigur heißt Pepe Poseidonios. Neben Poseidon, dem Gott des Meeres, gab es den Stoiker Poseidonios, auf den du dich bestimmt bezogen hast.
Ganz genau.
Worin unterscheidet sich Poseidonios von bekannten Stoikern, wie beispielsweise Aurel oder Seneca?
Poseidonios hat eine andere Herangehensweise. Er ist mehr Wissenschaftler und macht eigentlich das, was Marc Aurel ablehnt. Er geht mehr in Richtung Aristoteles und Platon. Platon will vom Vielen ins Eine, Aristoteles will vom Einen ins Viele. Sie möchten aufschlüsseln und analysieren. Poseidonios ist der Neugierige, der ebenfalls analysieren möchte. Bei dieser Neugierde setzt auch die Figur Pepe an. Die Überschneidung mit dem Meeresgott war natürlich passend.
Bei den heutigen Trends um Gelassenheit, Achtsamkeit oder positives Denken, ist der Stoizismus das, was wir in turbulenten Zeiten brauchen?
Mein Buch ist der totale Gegenentwurf zu diesen ganzen Bestellungen beim Universum, aber auch zu der allgemeinen Literatur über den Stoizismus. Denn die meisten möchten den Stoizismus als Instrument für den beruflichen Erfolg nutzen. Das ist gar nicht das Anliegen des Stoikers, sage ich da. Der Stoiker möchte heraus aus dem Erfolgsstreben und aus dem ewigen Gepeitschtsein.
Verstehe.
Das ist doch kein Glück. Wenn ich eine Million im Lotto gewinne, bin ich dann glücklich? Der Großteil der Lotto-Millionäre ist abgestürzt. Wenn ich ein richtig fettes Auto habe, bin ich dann glücklich? Vielleicht ist es genau das, das gegen den Baum fährt Wie ich angedeutet hatte, ist so etwas als Teenager auch in meinem Leben, mit meiner Hoffnung auf eine Musikkarriere, vorgekommen. Da passt das asiatische Sprichwort: "Hüte dich vor deinen Wünschen, sie könnten in Erfüllung gehen."

Für den neugierigen Menschen ist alles ein Abenteuer
Magst Du erzählen, was damals passiert ist?
Als Kind der Neunziger war ich grundsätzlich zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Das war die Zeit, in der alles bunt war, mit Boybands, Techno, Eurovision und alle hatten sich lieb. Dieses Flamboyante, Schillernde und ein bisschen Andersseiende passt einfach zu mir. Mit dreizehn Jahren habe ich meine Fotos zu den Plattenfirmen geschickt. Meistens kamen keine Rückmeldungen oder es kamen Absagen, ich sei zu jung. Also habe ich mich reingemogelt.
Wie hast du das angestellt?
Bei einem Konzert der hannoverschen Boyband Touché haben eine Freundin und ich vorgegeben, einen Zeitungsartikel zu schreiben, um backstage zu kommen. Wir haben zwar für die Schülerzeitung geschrieben, für dieses Thema hatte ich allerdings keinen Auftrag. Dann kam der Manager auf mich zu und sagte, ich könne nach dem Auftritt zu den Jungs gehen.
Dein Plan ging auf?
Erst dachte ich, es hätte funktioniert. Dann merkte ich, dass er meine Begleitung etwas abgekanzelt hat, und sagte mir, er sei nicht doof und wisse, dass ich kein Journalist sei. Wir sind dann aber in Kontakt geblieben. Ich wurde nach Köln und Berlin eingeladen und mir wurde erzählt, dass wir zusammen ein neues Projekt starten würden, produziert von Dieter Bohlen. Touché war kein großer Erfolg, aber trotzdem schnupperte ich die große, weite Welt.
Du wurdest als der Star von morgen gehandelt?
Mir wurde durch die Produzenten und die Plattenfirma suggeriert, dass es durch die Decke geht. Der Mann, der heute schon nicht mehr lebt, wohnte in Belgien in einem kleinen Schloss. Durch ihn und sein Team glaubte ich, ich wäre morgen der große Zampano. Doch je mehr das so ging, desto mehr habe ich irgendwann vor Terminen Alkohol getrunken.
Vor Aufregung?
Alles. Vor Angst, Aufregung, Schüchternheit und auch aus Sorge, etwas falsch zu machen. Wenn ich Alkohol getrunken habe, war das anders, da war ich lockerer. In Berlin war das nicht so schwer, an Mittel zu kommen, die mich zwischen Beruhigung und Aufputschen haben wechseln lassen. Irgendwann hangelte ich mich nur noch durch den Tag, damit ich betäubt genug war, um locker zu sein, aber wach genug, um nicht schläfrig zu wirken.
Was ist dann passiert?
Der Produzent bekam mit, dass das mit mir nicht funktioniert, und hat der Plattenfirma Bescheid gesagt. Zunächst schien es, als würde ich in dem Projekt ersetzt werden, dann hat es sich aber ganz zerschlagen. Zu der Zeit war ich aber schon nach Berlin gezogen, sodass ich die Miete am Ende nicht mehr bezahlen konnte, weil ich kein Einkommen hatte. Ich habe meine Habseligkeiten bei einer Freundin untergestellt und bin umhergetingelt, in Clubs gegangen und habe versucht, mich irgendwie über Wasser zu halten.
Wie hast du diesen Übergang geschafft, zu der Person, die hier heute sitzt?
Das war keine bewusste Entscheidung. Ich wollte unbedingt weg aus Berlin. Damals war ich bei einer Lebensberaterin und wollte von ihr wissen, wo ich hingehen soll. Die Beraterin sagte mir, das von ihr wissen zu wollen, sei etwas viel verlangt, aber was ich nie vergessen werde, ist ihre Frage, was mein Herz mir sagen würde.
Was sagte dein Herz?
"La Palma".
La Palma?
Weder wusste ich, wo La Palma ist, noch war ich jemals dort. Doch so bin ich mit Sack und Pack nach La Palma gereist, wollte auswandern und für immer dortbleiben. Vor Ort habe ich mich diesen ganzen, mir wichtigen Lebensthemen gewidmet, hinduistische und buddhistische Bücher gelesen und vieles über Berater gemacht, weil ich mich selbst nicht getraut habe, Entscheidungen zu treffen.
Du hast schließlich Philosophie und Religionswissenschaften studiert?
Das war eine wirkliche Kehrtwende für mich. Da bin ich aufgeblüht, habe wunderbare Leute gefunden und sofort gemerkt, dass das mein Weg ist. De facto kann ich gar nichts anderes mehr machen, als Bücher zu schreiben und mich mit diesen Themen zu beschäftigen.
Danke, Carsten, für dieses persönliche Gespräch.
Carsten Adler ist 1981 in Hameln geboren und hat Philosophie und Religionswissenschaften in Göttingen und Münster studiert. Er lebt in Münster und Hannover und hat das philosophische Märchen „Pepe Poseidonios“ geschrieben, eine Geschichte, die herzlich und unterhaltsam in die Philosophie der Stoiker einführt. In Kürze erscheint sein zweites Buch „Die einzige Religion ist Liebe“.
lllustration Thorsten Kambach / Fotos Carsten Adler


