top of page
Stadtgeflüster Logo 2018.png
2022-11-07 Stadtgeflüster Illustration Ekki kurz.tif

Arndt Zinkant befragt Axel Bojanowski über Journalismus und Alarmismus

WISSENSCHAFT IST OFT NUR TARNUNG

In der Klima- und Energiewende-Diskussion erhitzen sich nach wie vor die Gemüter. Zu jenen, die einen kühlen Kopf bewahren, gehört Axel Bojanowski. Der erfahrene Wissenschafts-Journalist („DIE WELT“) arbeitete für viele Leitmedien und scheute nie den harten Diskurs. In seinem Klimabuch erzählt er in 53 Kurzgeschichten vom Klimawandel zwischen Lobbygruppen und Wissenschaft.

Sie betonen oft die Trennung zwischen wissenschaftlicher Berichterstattung und Aktivismus. Wo ziehen Sie die rote Linie, wenn Journalisten versuchen, die Gesellschaft zu einem ‚guten Zweck` zu bewegen?


Beispiel „Kipp-Punkte“, jene gefährlichen, aber hypothetischen Schwellen im Klimasystem: Apodiktische Behauptungen anlässlich irgendwelcher Studien, Kipp-Punkte stünden bald bevor, bezeichne ich als Aktivismus, weil sie wesentliche Informationen weglassen: Die Unsicherheiten der Ergebnisse. Wenig ist bekannt über etwaige Kipp-Punkte – wer anderes behauptet, verfolgt eine politische Agenda auf dem Rücken von Wissenschaft.


In Ihren Analysen fordern Sie häufig mehr Fokus auf Anpassungsmaßnahmen statt rein auf Emissionsminderung. Wird Ihnen das als ‚Verrat‘ am Klimaschutz ausgelegt?


Schon immer und nicht nur mir. Es hat eine lange Tradition, Forderungen nach Anpassungen an sich verschärfende Wetterextreme als „Ablenkung vom Wesentlichen“ zu bezeichnen, der Reduktion der CO2-Emissionen. 


Dahinter steckt ein Machtkampf, ich schildere den ausführlich in meinem Buch über den Klimastreit. Nur der Fokus auf die CO2-Emissionen erlaubt der Klima-Lobby den Zugriff auf internationale Politik. 


Anpassungsmaßnahmen hingegen sind Sache von Lokalpolitikern und Ingenieuren, aus denen lässt sich außerhalb der Regionen kaum Kapital schlagen.


Wie kommuniziert man wissenschaftliche Unsicherheiten in Klimamodellen, ohne ins rein moralische Kreuzfeuer zu geraten?


Ganz einfach, indem man sie hemmungslos beschreibt. Allerdings muss ich zugeben, dass man damit tatsächlich ins Kreuzfeuer gerät, weil die Beschreibung von Unwissen und Unsicherheiten vorsätzlich missverstanden wird als Angriff auf die Warnungen vor dem Klimawandel. Dabei ist es eigentlich umgekehrt: Das Unwissen über Klimarisiken taugt nun mal nicht zur Beruhigung. Wer aber jede Unsicherheit als Ketzerei behandelt, verlässt den Boden der Wissenschaft und landet im Moralismus.


Welche Anpassungsmaßnahmen sollten wir nun an erster Stelle vornehmen?


Die effizientesten und effektivsten. Effizient sind zum Beispiel Klimaanlagen gegen Hitze: Sie sind vergleichsweise billig, aber höchst wirkungsvoll. Effektiv ist beispielsweise der Küstenschutz: Hamburg erlebte 2013 eine Nordsee-Sturmflut gleicher Höhe wie 1962, als Hunderte ertranken. 2013 kam niemand zu Schaden, denn die teuren Vorkehrungen hatten sich bewährt.


Warum neigen deutsche Medien Ihrer Meinung nach stärker zum „Katastrophismus“ als beispielsweise die angelsächsische Qualitätspresse?


Ich glaube nicht, dass der Katastrophismus hierzulande prinzipiell schlimmer ist. Eine Besonderheit in Deutschland ist eher ein höheres Maß an Irrationalität und Esoterik in diskursdominanten Milieus. Daraus resultierte zum Beispiel der Atomausstieg und die wetterabhängige deutsche Energiewende, worüber sich die ganze Welt wundert.


Das bringt uns zur vielzitierten Vorreiter-Rolle Deutschlands – die Sie auch kritisieren. Welches Land oder welche Strategie weltweit halten Sie derzeit für das realistischste Modell, um Wirtschaftswachstum und Ökologie zu vereinen?


Als erstes fällt mir Frankreich ein. Der hohe Anteil an klimaneutraler Kernenergie sorgt dafür, dass es wenig Probleme mit Klimazielen, aber zugleich hohes Stromangebot hat, was gerade für Unternehmen aus Deutschland attraktiv wird. Den Vorreiter-Status Deutschlands in Sachen Wind- und Sonnenstrom haben die Nachbarn stets gerne beklatscht, weil sie insgeheim wussten, dass sie profitieren könnten, wenn das Stromangebot in Deutschland sinkt. So ist es nun gekommen.


probe1.jpg

Für dominante Figuren aus im Klimadiskurs bin ich eine Bedrohung

Sie haben den deutschen Atomausstieg wiederholt kritisch kommentiert. Halten Sie eine CO2-neutrale Industriegesellschaft in Deutschland ohne Kernkraft oder Kohlenstoffspeicherung überhaupt für physikalisch machbar?


Physikalisch denkbar ist vieles. Die eigentliche Frage ist: zu welchen Kosten, mit welchem Flächenverbrauch, mit welchen Risiken für Versorgungssicherheit und Industrie? Ich halte eine CO2-neutrale Industriegesellschaft in Deutschland ohne Kernkraft derzeit für schwer vorstellbar. Wer diese Option ausschließt, macht das System unnötig fragil und teuer. Man bewegt sich weg von Physik und Technik hinein ins Wunschdenken.


Sie legen sich oft mit prominenten Wissenschaftlern wie Stefan Rahmstorf an. Wie beurteilen Sie aktuell das Diskussionsklima – ist rationale Verständigung kaum noch möglich?


Für die dominanten Figuren im öffentlichen Klimadiskurs sind Leute wie ich natürlich eine Bedrohung, weil wir Dinge aufbringen, die lieber verschwiegen werden sollen. Es geht um politische Macht, da wird hart ausgeteilt. Aber persönliche Angriffe verraten ja immer, dass Sachargumente fehlen.


In Bezug auf China sprechen Sie von einer ‚Industriepolitik unter dem Deckmantel des Klimaschutzes‘. Wie sollte Europa reagieren, wenn Klimaschutz zum Werkzeug im globalen Wirtschaftskrieg wird?


Europa und insbesondere Deutschland sollte aufhören, naiv zu sein. China betreibt Klimapolitik zugleich als Industrie- und Machtpolitik, aber die EU und Deutschland tun so, als ginge es nur um moralische Vorbildlichkeit. China geht es darum, zuerst eine leistungsfähige Hightech-Industrie aufzubauen, bevor vielleicht Klimaschutz-Maßnahmen angegangen werden könnten. Während Deutschland und die EU Lasten der Emissionsreduzierung übernehmen und die eigene Industrie vergraulen, hat China seine Emissionen massiv erhöht, sich kaum Verpflichtungen unterworfen und mit der billigen Energie seine Industrie aufgebaut, die nun Europa überflügelt.


Wissenschaftlich gesehen gilt das 1,5-Grad-Ziel als kaum noch erreichbar. 

Wäre es politisch ehrlicher, dieses Ziel offiziell aufzugeben, oder brauchen wir solche Zielpunkte als Motivator?


Klimaforscher haben das Ziel von Anfang an abgelehnt, weil es unrealistisch ist. Die Erwärmung wird aller Voraussicht nach auch zwei Grad überschreiten. Dass das Bundesverfassungsgericht sich nahe am 1,5-Grad-Ziel orientiert hat bei seinem strengen Klima-Urteil von 2021, wird uns allen noch schwer zu schaffen machen.


probe1.jpg

​

Sie stehen oft im Zentrum heftiger Kritik und sogar „Shitstorms“. Was motiviert Sie persönlich, immer wieder Positionen einzunehmen, die dem Zeitgeist widersprechen?


Man darf dem Zeitgeist nicht nachgeben, sondern muss sich an den Fakten so gut es geht orientieren. Wenn nicht ich das mache beim Thema Klima, wer denn dann? Ich sehe mich da in einer Verantwortung. Es ist einfach, den Beifall des Journalisten-Milieus zu bekommen, das bringt Preise und Rückhalt – mit evidenzbasierter Berichterstattung hat der Ansatz aber wenig zu tun. Es sollte Journalisten gerade bei komplexen Themen wie dem Klimawandel darum gehen, neben dem gut gesicherten Wissen auch Widersprüche, Probleme, Dilemmata und Unwissen darzustellen, damit eine Gesellschaft ihre Schlüsse abwägen kann. Da sind harte politische und gesellschaftliche Interessen im Spiel, Wissenschaft ist oft nur Tarnung. Von diesen Geschichten erzähle ich in meinem Klima-Buch ("Was Sie schon immer übers Klima wissen wollten , aber bisher nicht zu fragen wagten"). Wissenschaftliche Ergebnisse sind immer nur der Beginn einer Diskussion, nicht ihr Ende.


Axel Bojanowski diplomierte an der Universität Kiel über Klimaforschung. Seit 1997 arbeitet er als Wissenschaftsjournalist, u. a. für "Die Zeit", "Nature Geoscience", "Stern" und "Süddeutsche Zeitung". Er war 10 Jahre Redakteur beim "Spiegel". Seit August 2020 ist er Chefreporter für Wissenschaft bei "Welt". Der Berufsverband Deutscher Geowissenschaftler hat ihn 2024 für seine publizistischen Leistungen ausgezeichnet. In seinem Buch "Was Sie schon immer übers Klima wissen wollten , aber bisher nicht zu fragen wagten" erzählt er in 53 Kurzgeschichten vom Klimawandel zwischen Lobbygruppen und Wissenschaft.

lllustration Thorsten Kambach / Foto Axel Bojanowski

bottom of page