
Peter Sauer spricht mit Arndt Zinkant über rote Linien und künstlerische Freiheit
MIT SPITZER FEDER,
HERZHAFTEM HUMOR UND WACHEM GEIST
Humor ist ein weites Feld. Die Grenzen des Sagbaren verschieben sich. Die Welt ist in Bewegung. Jemand, der als Fels in der Brandung die Balance hält, ein feiner Beobachter ist und den Schalk im Nacken hat, ist Karikaturist Arndt Zinkant. Seit über 25 Jahren kommentiert er das Geschehen in Münster profund und pointiert durch seine satirische Brille – als wichtiges Korrektiv in unruhigen Zeiten.
Lieber Arndt, wobei störe ich Dich gerade?
Ich brüte gerade über einem neuen Poster-Motiv, ähnlich wie meine früheren Wimmelbilder, aber doch etwas anders: eine Auftragsarbeit für den TSV Handorf, der dieses Jahr 100. Jubiläum feiert. Außerdem strecke ich gerade die Fühler in Richtung Event-Branche aus – als Live-Karikaturist. Das habe ich in den letzten Jahren öfter mit Spaß gemacht; bei meinem Charity-Event in den Münster-Arkaden 2023 habe ich es einmal geschafft, vier Stunden am Stück durchzuhalten. Aber Pausen für die gestresste Hand sind eindeutig besser (lacht).
Man kennt Dich als Karikaturisten. War das schon von Kindheit an Dein Berufs- und Lebenswunsch?
Das Zeichnen hat zwar mit viel Freude meine ganze Jugend begleitet, aber es hieß von allen Seiten: „Das kann einen nicht ernähren.“ Außerdem habe ich als Kind ja fast nur Comics zu Papier gebracht, was in der Tat keine Berufsperspektive darstellte. Erst als Student (Politikwissenschaften, Germanistik, Musikwissenschaft) stellte ich bei einem Praktikum beim „Hamburger Abendblatt“ fest, dass Zeitungskarikaturist ein richtiger Beruf ist. Danach war ich Feuer und Flamme.
Kannst Du Dich noch an Deine erste Karikatur erinnern? Wie kam es dazu und was zeigt sie?
Meine Premiere war die Abiturzeitung. Die etwa sechsköpfige Redaktion der Spott-Postille kam kurz vor knapp zu mir und schlug vor, die Lehrer unseres Jahrgangs als Karikatur darzustellen. Ich war zwar quasi als „Wunderkind“ etabliert, aber das hatte ich noch nie gemacht – und außerdem lagen keinerlei Fotos vor! Nachdem ich alle Pauker aus dem Gedächtnis gut getroffen hatte, war das Staunen groß; auch unser Schulleiter erwähnte das in seiner Abschlussrede, wobei er das Wort „Karikaturist“ erst im dritten Anlauf aussprechen konnte (lacht).
Was unterscheidet eine Karikatur von einer Zeichnung?
Das Wort kommt vom Italienischen „caricare“: übertreiben, überladen. Es ist einfach alles sehr dick aufgetragen. Das kann der riesige Zinken im Gesicht sein oder auch eine stark übertrieben dargestellte Situation. Die schönste Definition des Genres Karikatur, die ich kenne, lautet: „Die Wirklichkeit verzerren, damit sie sichtbar wird.“ Der Ausspruch soll von dem italienischen Barockkünstler Gian Lorenzo Bernini stammen.
Warum liebst Du eigentlich Karikaturen?
Hier kommt fast alles zusammen, was ich mag. So bin ich Zeichner, Kommentator, Geschichtenerzähler und Witzbold. Besser geht's nicht.
Jede Woche bist Du mit Deiner aktuellen Karikatur in der Ibbenbürener Volkszeitung und in den Westfälischen Nachrichten. Ist das nicht ein großer Druck, immer treffsicher und lustig zu sein?
Ich komme damit sehr gut klar, was wohl auch eine Frage des Naturells ist. Manche leiden da stärker. Der große WN-Karikaturist Rudolf Schöpper, der die Zeitung bis etwa 1991 geradezu veredelt hatte, sagte mir ganz offen, dass er sich teils gefühlt habe wie ein Schüler, der täglich eine Klassenarbeit schreiben muss. Ich war mit ihm vor seinem Tod 2009 noch zwei Jahre befreundet und bin sehr froh, dass ich ihn noch kennenlernen durfte.
Fällt Dir immer etwas ein?
Zum Glück ja. Und für den Fall, dass der Kreativmotor tatsächlich mal stottert, habe ich ein paar Techniken erdacht, die ihn wieder zum Laufen bringen. Die verrate ich aber nicht.
Jede Woche heißt, Du bist – in Anlehnung an die gleichnamige Filmreihe – gewissermaßen ein „Expandable“ und kennst keinen Urlaub?!
Ein Leben ohne Urlaub ist sinnlos. Also schweife ich durchaus mal in die Ferne und mache den Job dann unterwegs mittels iPad. Aber müsste ich tagtäglich abliefern, hätte ich wohl ein Problem. Nehmen wir den Kollegen Jürgen Tomicek, der für zig Redaktionen tätig ist, auch seit über 30 Jahren für die WN. Ich kann mich nicht erinnern, dass er jemals ausgesetzt hätte! Er war also offenbar weder im Urlaub noch ernsthaft krank. Entweder der Mann ist ein Zeichen-Roboter oder ein Alien (lacht).
Was sind die Arbeitsschritte einer Karikatur, und haben sie sich im Laufe der Zeit verändert?
Zeichner wie ich, die mit einer Redaktion fest verbunden sind, sprechen sich in der Regel ab und präsentieren zuvor eine Skizze. Kollegen, die einen ganzen Pool an Redaktionen beliefern, können das nicht. Also bieten sie mehrere Zeichnungen pro Tag zur Auswahl an. Die technischen Fortschritte der letzten Jahrzehnte sind mehr Fluch als Segen: Schon die „Fax-Inflation“ der späten Achtziger sorgte dafür, dass ein Einzelner zig Redaktionen aktuell beliefern konnte, und die Honorare gingen in den Keller. Von der Qualität gar nicht zu reden.

Ich bin Zeichner, Kommentator und Geschichtenerzähler
Was kann eine Karikatur, was eine Zeichnung oder ein Kommentar oder ein Bericht nicht können?
Wie lautet das Sprichwort? „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.“
Hat sich die Arbeit als Karikaturist in den vergangenen Jahren verändert?
Ja, in vieler Hinsicht – und das gilt für Satiriker allgemein. Jeder weiß, dass die Empfindlichkeit in der Gesellschaft ständig wächst. Die dänischen Mohammed-Karikaturen von 2005, die zehn Jahre später zum Massaker bei „Charlie Hebdo“ führten, markieren im freien Westen eine rote Linie, die mit Blut gezogen wurde. Und: Dass Politiker bei uns irgendwelchen Internet-Spöttern Anwälte oder die Polizei auf den Hals hetzen, wäre noch vor zehn Jahren völlig undenkbar gewesen. Da ist man manchmal froh, nur lokale Querelen aufs Korn nehmen zu müssen.
Deine Karikaturen sind auch außerhalb der Zeitungsarbeit gefragt. Was war bislang der schönste, größte oder schrägste Auftrag?
Ein sehr schöner Auftrag waren die zwei Wimmelbilder, die ich 2012 für das „Schwarze Schaf“ als Wanddrucke erstellt habe. Das Prinzipalmarkt-Motiv wurde später auch als Poster bekannt und ist bis heute ein Longseller. In Ibbenbüren habe ich dann 2018 eine Zeichnung gemacht, die als heitere Info-Wand für ein brachliegendes Baugrundstück diente (Motto: „Warum passiert hier so lange nichts?“) Dort steht heute das Verlagshaus der Ibbenbürener Volkszeitung. Die Karikatur war im Druck 20 Meter breit!
Hammer. Und was war dein schrägster Auftrag?
Hm, vielleicht ein Weihnachtsmaskottchen für eine Zeitschrift der Vertriebsbranche. Die Figur war eine sexy Mischung aus Playmate und Nikolaus. Es gab dicke Kohle, aber die Figur wurde dann nie verwendet.
Schade eigentlich.
Ja, wirklich schade. Gibt es etwas, was Du als Karikaturist grundsätzlich ablehnst?
Ich kann mich nur an eine Absage erinnern: Die WN-Redaktion wollte mich in den frühen 2000er-Jahren mal als Gerichtszeichner zu einem Prozess schicken, der damals Furore machte. Ich hatte aber keine Lust, Mordverdächtige oder sonstige Verbrecher abzupinseln, bloß weil Kameras verboten waren. Total unkreativ! Heute sind Gerichtszeichnungen ohnehin nicht mehr im Blatt.
Wurdest Du schon mal von einem Kollegen karikiert?
Ja, zweimal. Das erste Mal in Florenz 1990. In solchen Traumstädten voller Touristen gibt es ja oft scharenweise „Marktplatz-Zeichner“. Außerdem wurde ich bei einem Event in Münster in den 90er Jahren mal vom Kollegen Rolf Henn alias „Luff“ karikiert. Der war damals schon ein bekannter politischer Karikaturist, allerdings nicht aus Münster.
Und wie war Deine Reaktion darauf? Hat er Dich gut getroffen?
„Luff“ war okay, aber ich fand den Florentiner nicht so doll, obwohl ich zu dieser Zeit ja noch gar nicht karikierte, geschweige denn live. Aber das kann ich heute besser – wie zahlreiche glücklich vom Zinkant Gezeichnete beschwören können (lacht).

Der war damals schon ein bekannter, politischer Karikaturist
Und es gibt ja auch, was die wenigsten wissen, Bücher mit Karikaturen von Dir. Welches empfiehlst Du selbst?
Alle drei natürlich. Zugegeben, mein erstes Münster-Karikaturenbuch „Jovle Zeiten – schofle Zeiten“ ist schon 20 Jahre alt, da waren die Zeichnungen noch schwarz-weiß, aber sein erstes „Baby“ liebt man ja am meisten. „Münster – der ganz normale Tinnef“, der zweite Streich, ist von 2019. Beinahe brandneu ist „Genießen Sie die Aussicht“ mit Karikaturen über Ibbenbüren und das Tecklenburger Land. Da ist weniger Politik, aber genauso viel Spaß drin. Sogar für Münsteraner.
Welche Träume hast Du als Karikaturist? Mal auf dem roten Teppich in Hollywood zeichnen?
Woher weißt du das?! Ich träume in der Tat davon, ein Karikatur- oder Kunstprojekt zu realisieren, das als Hommage an die Filmwelt konzipiert ist. Die Motive schwirren mir schon ewig im Kopf herum, ich bin nur kein guter Vermarkter. Aber wenn ich es nicht bis nach Hollywood schaffe, dann vielleicht ja bis zur Berlinale oder nach Cannes.
Du bist ja schon über ein Vierteljahrhundert in Diensten. Wie lange willst Du karikieren?
Bei diesem Thema zitiere ich immer Harald Schmidt: „Ich mache so lange, bis mich keiner mehr sehen will – und dann noch zehn Jahre.“
In Deiner Freizeit schlägt Dein Herz für die Filmmusik. Warum?
Mein Herz schlägt, seit ich 14 war, für die Klassik – und als Film-Liebhaber gefallen einem da fast zwangsläufig auch die großen symphonischen Soundtracks. Die machen das Kinoerlebnis erst richtig magisch. Stell dir nur mal „Star Wars“ ohne Fanfaren vor; oder „Psycho“ ohne die scharfen, gellenden Streicher. Mag man sich natürlich nicht vorstellen.
Was sind Deine drei Lieblingsfilme und warum?
Nur drei? Unmöglich! Aber ich könnte mich als Western-Fan auf drei Highlights dieses Genres beschränken: „Die glorreichen Sieben“ (1960), „Für eine Handvoll Dollar“ (1964) und vor allem „Weites Land“ (1958). Alle drei habe ich schon in der Kindheit heiß geliebt. Und alle drei haben geniale Soundtracks. Ich habe mich mein Leben lang gefragt, ob ich Western nur wegen der Musik mag oder ob es umgekehrt ist.
Du bist ein münstersches Original. Was magst Du so an der Stadt?
Münster ist eine spröde Schönheit – was gut ist, denn ich bin fest überzeugt, dass hässliche Städte depressiv machen. Übrigens sehe ich mich nicht als Münster-Original, weil ich hier nicht aufgewachsen bin. Aber als Zugezogener, ich kam wegen des Studiums nach Münster, erkennt man oft Dinge, die andere übersehen. Das ist ideal für meinen Job.
Ich danke Dir für dieses Gespräch.
Immer gerne, Peter!
Arndt Zinkant fing 1997 bei den Westfälischen Nachrichten als Musikkritiker an, ist bis heute im Zweitberuf Journalist. Seit Herbst 2000 sind mehr als 1300 Münster-Karikaturen für die WN entstanden. Seit 2018 zeichnet er zudem für die IVZ. Er illustriert Bücher, macht CD-Cover, erfindet Maskottchen (z. B. Kinder-Uni Münster), entwirft Karnevalorden, erstellt Wimmelbild-Poster. Wer ihn als Live-Karikaturist/Schnellzeichner buchen will, schreibe an arndtzinkant@web.de.
lllustration Thorsten Kambach / Fotos Peter Sauer und Arndt Zinkant

