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2022-11-07 Stadtgeflüster Illustration Ekki kurz.tif

Peter Sauer spricht mit Arndt Zinkant über seine Drei-Etagen-Ausstellung, Tabus, Filmmusik und natürlich über Karikaturen

DEFINITIV LUSTIGER
ALS EIN T-REX

Gerade in Zeiten von Fake News, Politverdrossenheit und KI werden handgemachte Karikaturen immer wichtiger – als gezeichnete Satiren. Als kunstvolle Kommentare. Sie halten der Welt einen humorvollen sowie zum Nachdenken anregenden Spiegel vor. In Münster karikiert Arndt Zinkant seit 22 Jahren – mit flinker Feder und Feuereifer. Und er nimmt kein Blatt vor den Mund. Zinkant liebt seinen Beruf und das ist seinen Karikaturen auch anzusehen, die ab dem 7. August in den Münster-Arkaden im Original gezeigt werden.

Seit 22 Jahren zeichnest du Karikaturen für die Westfälischen Nachrichten. Wie fühlst du dich als Langstreckenläufer?


Mittlerweile ein bisschen wie ein Dinosaurier. Ein alter Knabe, der durch Münster stapft und dabei hier und dort dicke Spuren hinterlässt. Aber ich bin definitiv lustiger als ein T-Rex.


Wie hat sich in den 22 Jahren deines Schaffens Münster und die Münster-Karikatur verändert?


Dinosaurier ändern sich nicht (lacht). Münster aber sehr wohl: Es gibt weniger Parkplätze und mehr Windräder. Die Zahl der Kirchen und Kneipen dürfte aber in etwa gleich geblieben sein.


Wer hatte überhaupt die Idee zu deiner Ausstellung „Zinkants Zeitsprünge“?


Die verdanke ich den „Narrenfreunden Hiltrup“. Stellvertretend durch den dreiköpfigen Vorstand (Falk Westerholt, Oliver Schmidt und Oliver Bövingloh) riefen sie als kleinster Karnevalsverein in Münster vor rund acht Jahren eine Tradition ins Leben, als sie Onkel Willi mit
ihrem Orden auszeichneten. Das Medienecho war groß, sogar der WDR berichtete überregional. Der nächste Ordenskandidat war Detlev Jöcker. Nun kamen sie durch meine Hiltrup-Ausstellung plus Wimmel-Poster auf den Gedanken, mir den Orden zu geben, um „das Gesicht hinter den karikierten Zeitungsköpfen“ ins Rampenlicht zu holen. Es war dann natürlich so, dass der Ordensträger auch gleichzeitig der Ordenszeichner sein musste.


Selbstredend. Das ist sicher einmalig in unserer Karnevalshistorie, oder?


Ja, glaube ich auch.


Welchen Bezug hast Du eigentlich zum Karneval?


Vor der Session 22/23, als ich auch erstmals auf einem Wagen (Hiltrup) mitfuhr und die Session mitfeierte, lediglich den, dass ich traditionell für die WN jeden Stadtprinzen für die Karnevalszeitung „Potthast“ karikiere. Außerdem hatte ich für die KG „Böse Geister“ über die Jahre drei Karnevalswagen mit WN-Zeichnungen bestückt. Und dafür gab es zweimal den 1. Preis.


Du wirst jetzt auf allen drei Stockwerken der Münster-Arkaden ausstellen. Wie kam es zu dieser ungewöhnlichen Location?


Nach nur kurzer Location-Suche kamen die Narrenfreunde auf die Arkaden – und deren Manager Andreas Theurich war sofort Feuer und Flamme. Das Besondere in den Arkaden ist eben, dass man es großteils mit Laufkundschaft zu tun hat, die dann zufällig auf die Bilder stößt.


43 Karikaturen hast Du aus Deinen bislang insgesamt 1187 WN-Karikaturen für die Ausstellung ausgewählt. Welche Themen sind auf jeden Fall dabei?


Natürlich werden Hindenburg, Musikhallen-Entscheid, Preußenadler oder der verliebte Schwan Petra auf die Staffeleien kommen. Ebenso alle „üblichen Verdächtigen“ wie OB Markus Lewe und Co., Götz Alsmann, Udo Lindenberg und Steffi Stephan, Wilsberg, der Münster-Tatort, Picasso und viele mehr.


Das Ausstellungsplakat ist ja schonmal ein echter Hingucker...


Bei solchen Anlässen kommt man in die Verlegenheit, sich selbst zu karikieren. Die Ideen habe ich übrigens beim Bierchen gemeinsam mit den Narrenfreunden entwickelt, zum Beispiel die große Uhr mit den Stiften als Zeiger.


Die Ausstellung besitzt einen großen Mehrwert, weil Du  an zwei Tagen auch live karikieren wirst. Und wie ich hörte für die gute Sache...


Meine Karikatur-„Opfer“ – oder besser gesagt die in fünf Minuten „Ausgezeichneten“ – sollen in den Arkaden durch einen Obolus ein Charity-Projekt unterstützen. Wir haben uns für die ukrainische Stadt Winnyzja entschieden, mit der Münster Ende letzten Jahres eine Städtepartnerschaft eingegangen ist.


Karikaturen sind Deine Welt. Nach welchen Grundsätzen zeichnest Du? Was ist das Wichtigste für dich?


Der Witz! Auch in den absurdesten Querelen und Alltagsproblemen lässt sich meist noch etwas Komisches finden. Wenn ich das schaffe, bin ich happy. Außerdem versuche ich, opulent zu zeichnen: Viele süffige Details am Rande, die das aufmerksame Auge erst auf den zweiten Blick entdeckt. Und ich investiere viel Mühe in die
Gesichter. So manche Politikernase radiere ich mehrmals wieder weg, bevor ich zufrieden bin.

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Karikaturist Arndt Zinkant stellt in den Münster Arkaden aus

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Gibt es Tabus für Dich?


Körperliche Behinderungen oder Krankheiten. An diesem Punkt sollte die Grenze verlaufen, welche Höflichkeit und Anstand festlegen. Das „Enfant terrible“ Ingo Appelt zum Beispiel probierte es in den späten 90er Jahren mit Rollstuhl-Witzen über Wolfgang Schäuble – da haben sogar seine Fans „Buh“ gerufen. Allzu viele Beißhemmungen sollte man aber auch nicht haben, sonst ist es
keine Satire mehr. Momentan werden wieder viele Tabugrenzen hochgezogen und manch ein Satiriker leidet darunter.
Sogar ein Dieter Nuhr.


Wie kommst Du Woche für Woche immer wieder auf die Themen für die WN-Karikaturen?


In Münster sagt man: „Wer kommt, wird gewickelt“. Ich reagiere normalerweise nur auf die Aufreger, die in der Zeitung stehen. Was die Leserschaft bewegt, muss karikiert werden. Daher behandele ich auch oft Themen, die mir persönlich fernliegen, etwa Preußen Münster und die leidige Stadion-Frage. Allerdings suche ich mir dennoch mein Thema jeden Freitag selber aus.


Gab es auch schon mal ein Thema, bei dem du künstlerisch fast aufgeben musstest und wie hast du dann doch noch die Kurve gekriegt?


Da fällt mir gerade nur ein Beispiel aus der Ibbenbürener Volkszeitung ein, für die ich ebenfalls zeichne. Der dortige unansehnliche Bahnhof sollte dargestellt werden – und als erstes fiel mir dazu eine unattraktive Frau „als Bahnhof“ ein, die von Kerlen angestarrt wird. Aber da wäre dann die Sexismus-Polizei sofort eingeschritten. Dann kam ich auf die Lösung: Einfach die Geschlechter vertauschen! Gegen hässliche Männer in der Karikatur hat niemand was einzuwenden (lacht).


Kommst Du mit allen Themen, Zeichnungen, Figuren und Statements in die Zeitung oder gibt es manchmal auch Diskussionsbedarf zwischen Dir und der Redaktion der WN?


Während einer Zeitspanne von über 20 Jahren entsteht zwischen Zeichner und Redaktion zum Glück ein Vertrauensverhältnis und das weiß ich zu schätzen. Aber wie gesagt: Überall in der Gesellschaft entstehen vermehrt Diskussionen, wo die Grenzen des Humors verlaufen und das macht auch vor Zeitungsredaktionen nicht halt.


Was waren die am meisten von den Lesern diskutierten Karikaturen?


Schwer zu sagen. Grundsätzlich ist alles heikel, was mit Religion zu tun hat. Das können die Amtskirchen sein, der Islam oder auch die Klima- und Energiewende-Bewegung, die mittlerweile vielen als quasi-religiös erscheint. Wenn dann ein Windrad-Skeptiker wie ich zu spötteln anfängt, rappelt’s in der Kiste.

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Hier werden Karikaturen aus allen Bereichen zu sehen sein

Wie gehst Du mit Anfeindungen als Reaktion auf deine Karikaturen um beziehungsweise mit Shitstorms?


So etwas wie Shitstorms habe ich zum Glück nur ganz selten erlebt. Da haben andere viel mehr auszuhalten. Das Internet bringt leider einen oft aggressiven Ton mit sich. Der Erregungspegel im Netz ist sehr hoch – und die Hitzköpfe haben keine Zeit, sich abzukühlen, so wie früher die analogen Leserbriefschreiber.


Bei aller satirischen Kritik an Münster, wenn man genauer hinschaut, erkennt man auf deinen Karikaturen auch, wie sehr du Münster liebst.


Ich bin eben sentimental! Und ich bin durch die lange Zeit irgendwie mit der Stadt verwachsen. Aber wenn die Münster-typische Selbstbeweihräucherung zu groß wird, muss man einfach mit der Spottfeder reinstechen, damit die heiße Luft entweichen kann.


Du hast ja schon als Kind berühmte Comichelden gezeichnet. Warum wurdest du dann Karikaturist und nicht Comiczeichner?


Die Comics haben mich zum Zeichnen gebracht, und dafür bin ich ewig dankbar. Aber als Comiczeichner kannst du in Deutschland schwer über die Runden kommen. Außerdem hatten mich Asterix oder Batman zur Abi-Zeit kaum noch interessiert. Als Praktikant beim Hamburger Abendblatt lernte ich dann den dortigen Hauszeichner Schoenfeld kennen, der top verdiente. Wer auf Sekt und Kaviar also nicht verzichten will, sollte lieber Politsatire machen (lacht).


Du liebst ja Filmmusik. Welche Musik hörst du beim Zeichnen deiner Karikaturen und warum?


Wenn es cool klingen soll: Lalo Schifrin, den „Hausmusiker“ der Steve-McQueen-Filme der 60er Jahre. Wenn ich melancholisch bin: Ennio Morricone. Und wenn ich mich als Hero fühle, erklingt John Williams, der just mit über 90 noch den neuen Indiana Jones vertont hat.


Wie ich Dich kenne, hast Du neben der Ausstellung ein
weiteres Projekt in der Pipeline, oder?


In der Tat. Zu meinen Spezialitäten gehören auch Wimmelbilder, von denen etliche als Poster in Münsters Wohnzimmern hängen. Geplant ist nun ein neues Münster-Wimmelbild, in welchem sich hiesige Firmen ihren Platz erkaufen können. Wer drin ist, ist drin! Wiederum mit Charity-Aspekt.


Bleibt noch die Frage, welche Person du gerne karikieren möchtest, aber bislang noch nicht konntest und warum?


Wenn ich träumen darf: Ich würde gerne ein Projekt mit Karikaturen von Filmstars machen: Von Chaplin über John Wayne und Clint Eastwood bis heute. Das stelle ich dann in Hollywood aus und versuche dort, Robert de Niro und Quentin Tarantino unter den Tisch
zu trinken.

Arndt Zinkant, Baujahr 1968, lebt in Münster, hat auch in Büchern karikiert, im „Schwarzen Schaf“ eine ganze Wand mit unzähligen Promis gestaltet und CD-Artwork gemacht. Für die WN karikiert er jeden Samstag. Außerdem ist Zinkant als freier Journalist tätig. Seine neue Ausstellung „Zinkants Zeitsprünge: 22 Jahre Münster Karikaturen“ wird am 7. August (Montag) um 20 Uhr im „Pablo“ (Außenbereich) in den Arkaden eröffnet. Unser Tipp: Ab 19.30 Uhr gibt es ein „Get Together“ mit Sekt. Die Ausstellung läuft eine Woche. Eingeladen sind auch Promis aus Politik, Kultur und Karneval.

llustration Arndt Zinkant / Fotos Peter Sauer

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