
Schlaf beginnt nicht im Bett.
Schlaf ist keine Nebensache.
Vor anderthalb Jahren übernahmen Anna und Thomas Ulms die enjoy Schlafsysteme GmbH in Paderborn. Seitdem verbringt Anna erstaunlich viel Zeit zwischen Polsterern, Näherinnen und Menschen, die über Federkerne sprechen, als wären sie gute Freunde. Ein Gespräch über Neugier, Handwerk, Unternehmertum – und darüber, warum sie heute in Hotels zuerst unter den Topper schaut.
Du kommst morgens hier an. Was ist das Erste, was du machst?
Kaffee. Danach laufe ich fast immer einmal durch die Produktion. Nicht, weil ich muss. Ich möchte sehen, was heute passiert. Wo gerade ein neues Kopfteil entsteht oder welche Stoffe verarbeitet werden. Mal dauert das fünf Minuten, mal eine halbe Stunde. Das sind oft die besten Gespräche des Tages.
Wie reagieren die Kollegen, wenn plötzlich die Chefin neben der Nähmaschine steht?
Ich hoffe, inzwischen ganz entspannt. Am Anfang habe ich wahrscheinlich hundert Fragen gestellt. Warum macht ihr das so? Warum genau dieses Material? Heute wissen alle: Ich möchte nicht kontrollieren. Ich möchte verstehen. Da arbeitet jemand seit zwanzig Jahren an derselben Sache. Da wäre ich ziemlich dumm, wenn ich nicht fragen würde.
Du hast zwei Töchter. Lernt man dadurch automatisch besser zu organisieren?
Definitiv. Mit Kindern plant man den Tag. Fünf Minuten später ist der Plan meistens schon wieder vorbei. Im Unternehmen ist das ehrlich gesagt gar nicht so anders.
Und Thomas? Ist der zu Hause auch so detailverliebt wie hier?
Leider ja. Andere reden beim Abendessen über Fußball. Wir manchmal über Federkerne.
Inwiefern?
Thomas schaut zuerst auf die Konstruktion. Ich frage eher: Wie erklären wir das einem Kunden? Genau deshalb ergänzen wir uns ziemlich gut.
Gab es schon einen Moment, in dem deine Töchter die Augen verdreht haben?
Mehr als einmal. Neulich wollte ich erklären, warum ein Topper eben nicht nur Schaum ist. Nach ungefähr einer Minute war das Thema beendet. Es ging dann wieder um Schule und darum, wer mit dem Hund rausgeht. Das finde ich ehrlich gesagt ziemlich gesund.
Wann hast du gemerkt, dass du hier wirklich angekommen bist?
Nicht an einem großen Meilenstein. Irgendwann bin ich morgens durch die Produktion gelaufen und habe gemerkt: Ich kenne fast alle beim Namen. Man spricht kurz übers Wochenende und im nächsten Moment wieder über Matratzen oder Stoffe. Das war ein schönes Gefühl.
Du hast vorhin gesagt, dass du heute auf ganz andere Dinge achtest als früher. Was siehst du heute, was dir vor anderthalb Jahren komplett entgangen wäre?
Eigentlich alles. Früher habe ich ein Bett gesehen. Heute sehe ich die Unterbox, den Federkern und den Topper. Je mehr ich gelernt habe, desto spannender wurden plötzlich die Dinge, die später niemand mehr sieht. Genau dort entscheidet sich oft, wie sich ein Bett nach vielen Jahren noch anfühlt.
Gab es etwas, das Thomas dir erklärt hat und bei dem du zuerst gedacht hast: Das kann doch nicht so wichtig sein?
Federkerne. Ich dachte wirklich: Das sind doch einfach Federn. Heute weiß ich, wie viel Entwicklung darin steckt. Thomas hat damals nur gesagt: Irgendwann diskutierst du selbst darüber. Er hatte recht.
Wann hast du gemerkt, dass dich das Thema Schlaf wirklich gepackt hat?
Als ich angefangen habe, Freunden ungefragt Topper zu erklären. Da dachte ich irgendwann: Okay, jetzt ist es wohl passiert.
Viele Menschen kaufen nur alle zehn oder fünfzehn Jahre ein Bett. Merkt man das in der Beratung?
Absolut. Viele kommen mit ganz vielen Fragen. Und genau das finde ich richtig. Ein Bett kauft man nicht zwischen Tür und Angel. Es begleitet einen viele Jahre. Da sollte man lieber einmal mehr fragen als einmal zu wenig.
Gab es eine Beratung, die dir besonders in Erinnerung geblieben ist?
Ja. Menschen, die nach ein paar Wochen wiederkommen und sagen: Ich schlafe endlich wieder durch. Mehr Kompliment kann man eigentlich nicht bekommen.
Du sprichst oft von euren Mitarbeitern. Was beeindruckt dich an ihnen am meisten?
Ihre Ruhe. Hier versucht niemand, sich in den Vordergrund zu stellen. Es geht immer um das Produkt. Wenn jemand seit zwanzig Jahren jeden Tag Betten baut, dann steckt dort ein Wissen drin, das man sich in keinem Seminar aneignen kann.
Gab es einen Moment, der dich überrascht hat?
Ständig. Ein Kollege hat zwei Stoffe angefasst und sofort gesagt, welcher sich besser verarbeiten lässt. Für mich sahen beide gleich aus. Da merkt man erst, was Erfahrung eigentlich bedeutet.
Hat sich dadurch auch dein Blick auf Führung verändert?
Ja. Früher dachte ich, Führung heißt, Antworten zu haben. Heute glaube ich, gute Führung heißt oft, die richtigen Fragen zu stellen und den Menschen zuzuhören, die jeden Tag an unseren Produkten arbeiten.
Wenn heute jemand sagt: „Ist doch nur ein Bett.“ Was antwortest du?
Dann sage ich: Hoffentlich nicht. Wir verbringen ungefähr ein Drittel unseres Lebens darin. Dafür darf man sich ruhig ein bisschen Zeit nehmen.
Du hast vor anderthalb Jahren ein Unternehmen übernommen. Worauf bist du heute am meisten stolz?
Dass wir nichts kaputtgemacht haben. Wir wollten verstehen, was hier über viele Jahre entstanden ist, und gemeinsam mit unseren Mitarbeitern darauf aufbauen. Ich glaube, genau das ist uns gelungen.
Gab es auch Momente, in denen du dachtest: Warum machen wir das eigentlich?
Natürlich. Es gibt Tage, an denen vieles gleichzeitig passiert. Dann gehe ich meistens einmal durch die Produktion. Danach sieht die Welt oft schon wieder ein bisschen anders aus.
Was hast du persönlich in dieser Zeit am meisten gelernt?
Dass man nicht alles selbst wissen muss. Zuzuhören ist oft wichtiger, als sofort eine Antwort zu haben. Das gilt im Unternehmen genauso wie im Leben.
Hat sich dadurch auch dein Blick auf Schlaf verändert?
Komplett. Früher war Schlaf einfach selbstverständlich. Heute weiß ich, wie viel Lebensqualität in einem guten Bett steckt. Das erzählen uns unsere Kunden jeden Tag.
Was wünschst du dir, dass Besucher von enjoy wieder mit nach Hause nehmen?
Neugier. Wer versteht, worauf es beim Schlafen ankommt, trifft automatisch bessere Entscheidungen. Und genau dabei möchten wir helfen.
Und was wünschst du dir für enjoy in den nächsten zehn Jahren?
Dass wir neugierig bleiben. Produkte verändern sich, Materialien auch. Aber ich hoffe, dass wir nie aufhören zuzuhören – unseren Kunden genauso wie unseren Mitarbeitern.
Was bedeutet guter Schlaf heute für dich?
Energie. Früher hätte ich gesagt: Hauptsache lange schlafen. Heute weiß ich, dass guter Schlaf darüber entscheidet, wie man in den Tag startet. Das ist viel wert.
Woran merkst du, dass dich dieses Unternehmen wirklich gepackt hat?
Dass ich Freunden plötzlich Federkerne erkläre. Vor anderthalb Jahren hätte ich nicht einmal gewusst, dass es verschiedene gibt. Heute erwische ich mich dabei, wie ich über Topper oder Unterboxen spreche. Spätestens dann weiß ich: Jetzt bin ich wirklich angekommen.
Anna, vielen Dank für das Gespräch.
Sehr gerne. Jetzt hole ich mir tatsächlich noch einen Kaffee. Und wahrscheinlich bleibe ich auf dem Weg wieder irgendwo in der Produktion hängen. Das passiert erstaunlich oft.

Anna – begeisternd wie immer
Ein paar gute Tipps von Anna:

Über enjoy Schlafsysteme
Die enjoy Schlafsysteme GmbH entwickelt und fertigt seit 2009 Boxspringbetten, Matratzen, Topper und Schlafzubehör in der eigenen Manufaktur in Paderborn. Über 70 Mitarbeiter verbinden dort traditionelles Polsterhandwerk mit moderner Fertigung und entwickeln Schlafsysteme, die direkt vom Hersteller ohne Zwischenhandel verkauft werden.
Zum Sortiment gehören individuell konfigurierbare Boxspringbetten, Matratzen, Topper, Nackenstützkissen sowie Daunen- und Federprodukte. Im Mittelpunkt stehen persönliche Beratung, langlebige Materialien und eine Fertigung in Deutschland.
Mit dem Direktvertrieb verfolgt enjoy das Ziel, Manufakturqualität zu fairen Werksverkaufspreisen anzubieten – online ebenso wie in den eigenen Ausstellungen. Seit 2025 wird das Familienunternehmen von Anna und Thomas Ulms geführt. Gemeinsam entwickeln sie enjoy konsequent weiter, ohne den handwerklichen Ursprung aus den Augen zu verlieren.
Interview Thorsten Kambach


