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2022-11-07 Stadtgeflüster Illustration Ekki kurz.tif

David Olef spricht mit Angela von der Goltz über Marmelade und die Kunst, sich neu zu erfinden

ESSKULTUR

Auf dem Weg zur Eröffnung der Marmeladenmanufaktur schaffte es Angela von der Goltz immer wieder, sich neu zu erfinden und ihre Stärken zu nutzen. 2007 wagte sie den Sprung aus dem theoretischen Bereich der Kulturwissenschaft in die ganz praktische Landschaft der Esskultur. Mittlerweile ist sie seit über 15 Jahren Inhaberin der Marmeladenmanufaktur in Münster und begeistert mit handgemachtem und nachhaltigem Fruchtaufstrich. Dabei zeigt sie auch, warum Marmelade mehr mit Kultur zu tun hat, als man auf den ersten Blick denkt.

Hallo Angela, nimm uns einmal mit ins Jahr 2007: Dort begann die Geschichte deiner Marmeladenmanufaktur in Münster.


Genau, zu dem Zeitpunkt war die Gründung, aber die Idee begann schon ein Stück früher.


Wie kam es zu dieser doch ungewöhnlichen Idee?


Eigentlich bin ich Kulturwissenschaftlerin - und habe mich zu dem Zeitpunkt beruflich komplett neu erfunden. Damals bin ich aus dem theoretischen Bereich ausgestiegen und habe mit der Marmeladenmanufaktur etwas Praktisches und zudem komplett Eigenes entwickelt.


Und vorher hast du im wissenschaftlichen Bereich gearbeitet?


Ich habe verschiedene Arbeitsfelder bespielt. Mein Studium habe ich mir beispielsweise komplett durch Arbeiten für das WDR-Fernsehen finanziert. Ansonsten war ich unter anderem als Agentin für zwei Berliner Schriftsteller tätig, war wissenschaftliche Mitarbeiterin an der WWU oder habe im Kulturprojektmanagement gearbeitet. In Münster war ich wirklich in vielen Bereichen unterwegs.


Das klingt auch danach.


Letztlich ist das im weitesten Sinne fast alles Kulturwissenschaft in praktischen Tätigkeitsfeldern, genauso wie auch die Manufaktur eine Form der Kultivierung ist.


Inwiefern?


In der Form von Esskultur. Wir möchten als eingetragene Marke Lebensmittel produzieren, die nicht nur großartig schmecken, sondern auch gute, oft biologische und fair gehandelte Zutaten und ein modernes Produktdesign haben. Dazu gehört auch, dass wir in regionalen Wirtschaftskreisläufen denken und handeln. Die Idee, ein Produkt in Münster und für Münster herzustellen, gefällt mir immer noch.


Hattest du Marmelade denn von Anfang an als Thema im Kopf?


Nein, gar nicht. Ich esse und ich schmecke sehr gerne. Daran habe ich einfach Freude. In der Phase in 2007 habe ich mich beruflich wirklich völlig neu erfunden – und hatte am Anfang überhaupt keinen Schimmer, wohin mich dieser Prozess führen würde.


Du bist also verschiedenste Ideen durchgegangen?


Ich bin in diese Neuorientierung eingestiegen in dem Vertrauen, dass ich viel kann und in verschiedensten Bereichen Erfahrung gesammelt habe. Außerdem bin ich Autodidaktin und sehr praktisch veranlagt. Deshalb war mir klar: Es muss einen Weg geben, mir mit meinen Fähigkeiten einen Arbeitsplatz zu kreieren, der mich erfüllt und mir meinen Lebensunterhalt sichert. Ich habe mich in diesen Selbst(er)findungsprozess gestürzt – und es hat funktioniert (lacht).


Gab es einen Moment, wo klar wurde, dass es in Richtung Marmelade geht?


Den Auslöser gab es tatsächlich. Eine Zeit lang habe ich literarische Lesungen gehalten und passend zum Lesekonzept etwas zu Essen mitgebracht. Anlässlich eines Vortrages habe ich frisches Brot gebacken und dazu außergewöhnliche, selbstgemachte Marmelade gereicht. Danach kam die Frage, ob man diese auch kaufen könnte. Diesen Funken habe ich bei meiner Neuorientierung dann aufgenommen.


Wie lange ging diese Phase?


Letztlich war es ein sehr dynamischer und kurzer Prozess. Innerhalb eines halben Jahres habe ich ein Konzept ausgearbeitet und das neue Produkt auf den Markt gebracht. Dabei war es mir wichtig, mich von der Masse abzuheben.


Was ist das Alleinstellungsmerkmal der Marmeladenmanufaktur?


In erster Linie stehen wir für die „Idee des guten Geschmacks“ und ich wollte möglichst regional ein- und verkaufen. Außerdem ist es ein handgemachtes Produkt, bei dem wir immer viele Früchte, weniger Zucker und null chemische Zusätze verwenden. Plus teilweise sehr außergewöhnlichen Kreationen. Das hebt uns von allen anderen, besonders auch industriell gefertigten Produkten ab.

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Der Selbsterfindungsprozess hat funktioniert

Also die Marmelade wird von dir und deinem Team vor Ort hergestellt?


Ja, jeder Schritt erfolgt in Handarbeit. Vom Schneiden der Früchte, über das Abfüllen, bis hin zum Etikettieren arbeiten wir ausschließlich mit unseren Händen und das schmeckt man auch. Da steckt der gute Geist und die Liebe zum guten Geschmack drin. Darauf sind wir stolz.


Was für Kunden bedient ihr hauptsächlich mit dem Angebot?


Unsere Kundschaft kommt aus verschiedensten Bereichen. Ob Endkunden, Geschäftskunden, große Unternehmen, Hotels oder Brautpaare, wer Marmelade möchte, kann sie haben (lacht). Gerne gestalten wir auch individuelle Designs. Ein Beispiel sind die Stadtwerke Münster; die haben vor einigen Jahren anlässlich einer Eröffnungsfeier Geschenkkörbe mit Marmelade bestellt. Da haben wir Körbe im Stadtwerkeblau gemacht, die aussahen wie ein kleiner Stadtbus. Wir richten uns ganz auf die Bedürfnisse der Kunden aus und wollen für jeden etwas Besonderes bieten. Dafür habe ich ein Händchen.


Abwechslungen erleichtern die Arbeit ja auch meistens.


Genau, es ist wirklich ein breiter Mix. Dazu kommen auch immer wieder spezielle Aufträge. In der Vergangenheit hatten wir schon einige verrückte Projekte. Zwischendurch gab es sogar Anfragen aus Indien und Südafrika. Außerdem hatte die Lufthansa die Idee, unsere Marmelade im Catering für ihre First-Class-Kunden zu nutzen. Auch Politiker haben schon Marmelade mit ihrem Portrait auf dem Etikett verschenkt. Diese individuellen Aufträge machen einfach total Spaß.


Die ersten Marmeladen habt ihr aber zunächst auf dem Markt verkauft, oder?


Ganz zu Beginn waren wir auf einem kleinen Feinkostmarkt. Kurze Zeit danach habe ich dann auf dem Wochenmarkt am Domplatz einen schönen Standort angeboten bekommen, wo wir einige Jahre standen.


Hieß das Geschäft damals schon „Die Marmeladenmanufaktur“ oder war das eher eine Art Testlauf?


Ab der Gründung 2007 war der Name und das Design fertig. Weitere Schritte, wie der Onlineshop, eine schicke Internetseite oder neue Sorten kamen dann im Laufe der Zeit.


Wir sitzen gerade in eurem Geschäft in Münster, seit wann habt ihr diesen festen Standort?


Etwa eineinhalb Jahre nach dem Start auf dem Wochenmarkt hatten wir dann einen eigenen Produktionsstandort mit eigenem lokalen Einzelhandel. Das war eine große Erleichterung.


Wo war denn vorher die Produktion?


Ganz zu Beginn hatten wir eine Gewerbeküche angemietet. Das war logistisch schon sehr aufwendig. Zudem hatte ich zwei jüngere Kinder zu dem Zeitpunkt, wo das Geschäft quasi als „drittes Kind“ dazukam (lacht). Aber diese Herausforderung hat mich auch zur Höhe meiner Kraft geführt.


Was heißt „wir“ bei der Manufaktur. Wer ist dabei?


Das war über die Zeit gesehen immer unterschiedlich. Gerade am Anfang haben sich verschiedenste Medien, unter anderem der Stern, der WDR und Antenne Münster auf die Manufaktur gestürzt. In den ersten drei, vier Jahren haben wir auf diesem Weg sehr viel Rückenwind durch lokale und bundesweite Presse bekommen. Dazu haben wir noch Messen besucht und Weihnachtsmärkte bespielt. In dieser Hochzeit hatte ich 13-14 Mitarbeiter. Aktuell schwankt es saisonal.


Auf eurer Homepage ist Nachhaltigkeit als eine wichtige Philosophie von euch ausgeschrieben.


Total, wir versuchen in allen Bereichen nachhaltig zu handeln. Sei es bei der Produktion, der Auswahl der Zutaten, der Verpackung und auch im Bereich der Verarbeitung ist es uns wichtig, möglichst ressourcenschonend zu handeln. Das war von Anfang an eine Grundidee des Unternehmens.


Gerade viele Einzelhandelsgeschäfte litten sehr unter den vergangenen und aktuellen Krisen. Wie hat die Manufaktur die letzten Jahre überstanden?


Was mir sehr geholfen hat, war eine gewisse Flexibilität, die in mir angelegt ist. Deshalb habe ich nach dem ersten großen Schock entschieden, dass Corona für die Manufaktur keine Krise sein soll. Ich dachte, wenn die Leute nicht mehr feiern gehen und in den Urlaub fliegen, gönnen sie sich vielleicht eine gute und regionale Marmelade. Zumal der Lebensmittelhandel immer geöffnet war. Wir haben also große „Geöffnet“-Schilder gebastelt und sind optimistisch vorangegangen. Das ist total aufgegangen. Wir hatten unterm Strich keine Einbrüche und dafür bin ich wirklich dankbar.

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Rot ist die Farbe der Liebe und Liebe geht durch den Magen.... Passt!!

Also sich nicht von äußeren Umständen klein machen lassen?


Genau, mein Plan ist, das in einer möglichen nächsten Krise ähnlich zu tun. Auch dort werden wir einen Weg finden, damit umzugehen. Vielleicht verankern wir uns noch mehr lokal und versuchen, mehr regional angebaute Früchte saisonal zu verarbeiten.


Die Frage, wie man trotz Unsicherheiten und Krisen positiv nach vorne blickt, stellt sich ja aktuell der ganzen Gesellschaft.


Genau, das hat mit Marmelade nur am Rande zu tun. Wir stehen an der Schwelle zu einer völlig neuen Zeit. Dabei wünsche ich mir die Kultivierung einer entspannten und positiven Grundhaltung für die Zukunft. Ich glaube, wir alle dürfen uns neu erfinden und jeder kann dazu beitragen, dass daraus etwas Gutes entsteht. Wenn wir uns auf die Apokalypse ausrichten, erschaffen wir eine Apokalypse – richten wir uns aber auf etwas wirklich Neues aus, das dem Wohle aller dient, erschaffen wir genau das.


Ich habe eben bereits gesehen, dass ihr nicht nur Erdbeere und Himbeere im Sortiment habt. Wie viele Geschmäcker habt ihr aktuell im Angebot?


Tatsächlich fast 100. Zuletzt haben wir auch eine zuckerfreie Reihe eingeführt.


Und was ist dein Favorit?


Ah, das wechselt. Momentan ist es Quittengelee, manchmal ist es Orangenmarmelade und oft könnte ich mich in das Rosengelee legen. Das sind meine Topsorten.


Vielen Dank für das Gespräch, ich habe jetzt auf jeden Fall Appetit.

Angela von der Goltz studierte in Münster Kulturwissenschaften, Deutsch und Geschichte. Daneben arbeitete sie in unterschiedlichsten Bereichen und lernte acht Sprachen. Seit 2007 ist die gebürtige Münchnerin Inhaberin und Geschäftsführerin der Marmeladenmanufaktur in Münster.

llustration Thorsten Kambach / Fotos Angela von der Goltz

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