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Arndt Zinkant fragt Dirigent Fabrizio Ventura, wie Pariser Flair nach Westfalen kam 

MUSIKALISCH VON BURGSTEINFURT NACH PARIS   

Es gibt bei uns das Sprichwort „Münster klebt“. Ungezählte Münsteraner sind nach Ende von Studium oder Berufsaufgaben hiergeblieben. So auch Fabrizio Ventura. Seit 2017 ist der gebürtige Römer nicht mehr Chefdirigent am Theater, wohnt aber mit seiner Frau, der Pianistin Rada Petkova, immer noch gern hier. Und gibt dem Musikleben nach wie vor neue Impulse, wie jüngst mit der Gründung des Barockorchesters „La Fonte“, mit dem er in der ersten Juli-Woche vier Konzerte beim Festival „Summerwinds“ bestreiten wird. Und zum geplanten Musik-Campus hat er auch eine starke Meinung.

Das Motto Ihrer kommenden Konzerte lautet: „Paris!“ – Die meisten Leute denken da eher an Impressionismus von Debussy oder Chansons von Édith Piaf, aber nicht an Barockmusik, oder? 

Einspruch, es gab dort eine wunderbare Tradition an Barockmusik! Und darüber hinaus auch an Klassik der Epoche Haydns – der ja auch mit einer seiner „Pariser Sinfonien“ im Konzertprogramm vertreten ist. Die Partituren, aus den wir spielen, stammen aber großteils aus Westfalen, genauer aus der „Fürst zu Bentheimschen Musikaliensammlung Burgsteinfurt“. Dafür wurde das Projektorchester „La Fonte“ gegründet – um die musikalischen Schätze Westfalens aus Barock und Klassik zu neuem Leben zu erwecken.

 

Ist diese Musik just in den Uni-Archiven entdeckt worden?

Nein, das geschah bereits in den Sechzigerjahren. Es gibt vier Bestände – diese „schlafen“ sozusagen in den Sammlungen der Unibibliothek in Münster und stammen vor allem aus Steinfurt, Rheda und Nordkirchen.

 

Sind Uraufführungen in Ihrem Konzert dabei?

Nein, aber es sind sehr rare Stücke. Eines ist für das damalige Orchester in Burgsteinfurt geschrieben worden. Bis 1804 gab es dort ein sehr gutes Orchester, wovon viele Leute gar nichts mehr wissen. Das betreffende Stück stammt von dem damaligen Kapellmeister Johann Friedrich Klöffler. Die anderen sind von Komponisten, die nicht in Burgsteinfurt lebten, dort aber aufgeführt wurden. Ebenso wurden sie in Paris gespielt. Damit wollen wir zeigen, dass dieser kleine Adelshof in Burgsteinfurt wahnsinnig tolle und enge Beziehungen musikalischer Art in ganz Europa besaß. 

 

Wohin genau?

Zu Paris, aber auch zu London. In unserer Zeit, die über Internet, Flugzeuge oder ICE verfügt, herrscht die Ansicht, dass wir die internationale Vernetzung entwickelt hätten – dabei funktionierte sie zur damaligen Zeit schon verblüffend gut! Die Leute haben zur Barockzeit unglaublich viele Reisen unternommen. Und die Musiker des Orchesters stammten aus ganz Europa. Es hat mich fasziniert, dass die kleinen westfälischen Adelshöfe solche internationalen Beziehungen aufgebaut hatten. Wenn man sich zum Beispiel Schloss Nordkirchen anschaut – das ist offenkundig nach dem Vorbild von Versailles gebaut worden. Auch der Bagno-Konzertsaal in Burgsteinfurt hat dort sein historisches Vorbild. Wir sehen hier sozusagen den europäischen Geist in musikalischer Form, wie er sich in Westfalen verwirklicht hat.

 

Passend zum „Summerwinds“-Festival haben Sie ein Flötenkonzert im Programm. 

Dafür haben wir auch einen erstklassigen Solisten aus Frankreich gewinnen können, der zur Spitze der „Alte Musik“-Instrumentalisten zählt: François Lazarevitch. Aber auch in unserem Orchester „La Fonte“ gibt es exzellente Solisten. Viele von ihnen spielen in bekannten anderen Ensembles wie zum Beispiel dem Freiburger Barockorchester.

 

„La Fonte“ haben Sie just selbst gegründet. Wie kam es dazu?

Sozusagen aus aktuellem Anlass, wegen der wunderbaren Bestände in der hiesigen Unibibliothek – um die Musikkultur dieser Zeit aus unserer Umgebung wieder zum Klingen zu bringen. Zu diesem Zweck wurde der gemeinnützige „Verein zur Förderung der Barockmusik in Westfalen“ gegründet, der das Konzertprojekt „PARIS!“ mit enormem Engagement organisiert und finanziert. Der Verein wiederum wird für dieses Projekt großzügig von der Kunststiftung NRW und den Stiftungen der Sparkasse Münsterland Ost und der Provinzial gefördert. Das aktuelle Konzert und das Orchester sollen keine musikalische Eintagsfliege sein. (lacht) Für das aktuelle Projekt brauche ich überdies Unterstützung vom hiesigen Institut für Musikwissenschaft, von Professor Daniel Glowotz. Er widmet sich seit Jahren der Erschließung dieser Unibibliotheks-Bestände.

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Und der Name „La Fonte“?

Er bedeutet „Brunnen“ oder „Quelle“. Im Bagno-Konzertsaal gibt es hinter der Bühne einen kleinen Brunnen, der aber nicht mehr funktioniert. Das ist der eine symbolische Bezug – der andere ist, dass wir zu den musikalischen Quellen dieser Musik zurückgehen.

 

Die Fürsten oder Monarchen waren damals nicht nur musikbegeistert, sondern konnten auch selbst etwas, hauptsächlich auf der Flöte. Diese war traditionell das royale Instrument – das war bei Henry VIII. von England so und auch beim „Alten Fritz“ in Preußen. 

... und in Burgsteinfurt haben sie alles notiert! Wir können heute noch nachlesen, an welchem Tag welches Stück gespielt wurde und wie das Publikum seinerzeit reagierte. Was auch bemerkenswert ist: Die Musiker waren oft nicht nur in ihrem eigentlichen Fach mit ihrem Instrument angestellt, sondern auch in anderen Berufen. Der bereits erwähnte Komponist und Kapellmeister Klöffler war außerdem noch Verwalter. Ein anderer Musiker war wiederum Koch. (lacht) 

 

Könnte man also sagen, dass Ihr musikalisches Herz hauptsächlich im Barock schlägt?

Sie wissen ja, dass ich als Generalmusikdirektor alles dirigieren musste. Aber ich bin als Kind mit Barockmusik aufgewachsen. Das erste Stück, das ich überhaupt dirigieren durfte, war ein Chorstück aus Händels „Messias“. Da war ich 14, und mein Vater hat mich machen lassen. Wenn man in Italien Klavier studiert, muss man außerdem wahnsinnig viel Bach spielen. Für eine Prüfung zum Beispiel die Hälfte des „Wohltemperierten Klaviers“. Aber wie gesagt: Ich bin musikalischer Universalist, doch in der letzten Zeit habe ich mich immer mehr mit Barockmusik auseinandergesetzt.

 

Kommen wir in die heutige Zeit: Wie Sie schon sagten, muss man als Generalmusikdirektor ein Allrounder sein. Sie haben ja nicht nur jedes Klassik-Genre dirigiert, sondern auch die tollen Kinokonzerte im Cineplex. Dürfen sich die Filmmusik-Fans da auf Neues freuen? 

Etwa vor einem Jahr sollte ich ein Kinokonzert in Duisburg dirigieren, das aber wegen der Pandemie abgesetzt wurde. Covid war für uns freischaffende Musiker wirklich sehr hart. Ganze 19 Monate habe ich keine Note dirigiert. Danach konnte ich allmählich wieder anfangen – mit Händel bei den Festspielen in Göttingen. Auch Golo Berg und Intendant Ulrich Peters vom Theater Münster hatten mich netterweise eingeladen, eine Produktion von Mozarts „Idomeneo“ beim Theater Münster zu dirigieren, aber auch diese wurde wegen Corona abgesagt. Insofern bin ich vorsichtig mit Prognosen für kommende Konzerte.

 

Natürlich müssen wir auch zum Musik-Campus kommen, der durch eine Ratsmehrheit vor Kurzem grünes Licht bekam. Das Areal soll, wenn alles klappt, bis 2030 gebaut werden. In Ihre Amtszeit fiel ja 2008 der Bürgerentscheid gegen eine Musikhalle. Als Sie nun von der Campus-Entscheidung hörten, was haben Sie da gedacht?

Herr Rademacher von der Musikschule, Herr Slaatto von der Musikhochschule und ich, wir gingen damals bereits zur Uni-Rektorin mit der Idee, etwas Derartiges zu machen. Ursprünglich stieß es keineswegs auf großes Interesse, dass wir direkt nach dem Bürgerentscheid mit einer solchen Idee um die Ecke kamen! Besonders Rademacher und ich kriegten sogar von der Stadt eins auf den Deckel – das darf man nach all den Jahren durchaus verraten. (lacht) Ich finde die Campus-Idee absolut charmant, habe aber meine Zweifel, ob der Standort der richtige ist. Und diesen Zweifel teile ich mit vielen anderen.

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Aber so ein Standort kann doch auch sein Umfeld beeinflussen, oder?

Zugegeben, das Hafen-Areal zum Beispiel hat sich deutlich verändert. Aber wenn man so etwas macht, muss es in ein urbanes Gesamtkonzept eingebettet sein. Es reicht nicht, zu hoffen, dass nach dem Bau des Campus schon die nötigen Restaurants und Cafés von alleine eröffnen werden.

 

Welchen Platz würden Sie denn favorisieren?

Ich bin zwar kein Stadtplaner, halte aber in jedem Fall einen zentralen Ort für das Beste. Den Hörsterplatz finde ich dafür charmant, weiß aber nicht, ob er wirklich geeignet ist. Für mich persönlich wäre er natürlich toll, weil ich nur ein paar hundert Meter entfernt wohne! (lacht) Insgesamt muss man sagen, dass die Diskussion ursprünglich zu emotional geführt wurde, anstatt alle konstruktiven Kräfte zu bündeln. Ein Campus und eine Musikhochschule sind Bildungsstätten. Diese können ruhig etwas außerhalb des Zentrums liegen, das ist vielleicht sogar manchmal besser. Aber ein Sinfonieorchester hat den Auftrag, Konzerte zu spielen, die ein großes Publikum anziehen. Ob dies außerhalb des Zentrums gelingt, ist die Frage. Ich bin wie gesagt skeptisch, hoffe aber sehr, dass ich mich täusche.

 

INFO

Fabrizio Ventura

Fabrizio Ventura wurde 1958 in Rom geboren und erhielt die frühe musikalische Ausbildung bei seinem Vater. Nach Positionen als Chefdirigent in diversen europäischen Städten war Ventura von 2007 bis 2017 Generalmusikdirektor am Theater Münster. Er hat besonders das barocke Musikleben der Stadt bereichert. Mit seinem neuen Projektorchester „La Fonte“ wird er an vier Tagen in Folge auftreten: So etwa am 1. Juli im Bagno-Konzertsaal und am 4. Juli in Münsters Erbdrostenhof.

Autor Arndt Zinkant / Illustration Thorsten Kambach / Fotos Fabrizio Ventura

Erstmalig erschien dieser Text in Stadtgeflüster Interview Juli 2022

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