Thorsten Kambach lässt mit Claus Steinrötter 50 Jahre
revue passieren

Ein Bild sagt angeblich mehr als tausend Worte – in diesem Interview spricht jedoch der Galerist anstelle seiner Bilder. Von einbeinigen Künstlern, Drogen und Besessenen. Von den Giganten, dem Geldadel und Picassos für 300 Mark. Von dem Ende und dem, was danach kommt. Eingewebt in die Historie der Galerie Steinrötter, die 2017
ihr fünfzigstes Jubiläum feierte. Claus fasziniert uns seit mehr als einem halben Jahrhundert. Mit Geschichten, die daherkommen wie gemalt. 

LIEBER VOM LEBEN GEZEICHNET ALS VON
PICASSO GEMALT

Vervollständige den Satz: Ende der Sechziger Jahre war Münster …

… sehr spießig. 

 

Und du?

Mitte Zwanzig.

 

Warst du schon Claus, der Galerist?

Eher Claus, der Kellner – neben meinem Studium habe ich im Schwarzen Schaf gearbeitet. Das war damals an der Königsstraße und die Hochburg der Revolte! Und alle, wirklich alle, die damals auch nur ansatzweise kreativ waren, trafen sich dort. 

 

Und du hast sie mit Bier versorgt?

Auch. Aber viel interessanter: Nebenan im Hinterhof hatte der Troschke sein kleines Atelier. Ich habe ihm häufig geholfen, war vollkommen fasziniert. 

 

Wobei geholfen?

Siebdrucke zu machen und zu verkaufen. Denn die verschenkte er regelmäßig – Geld verlangen war einfach nicht seine Art. Außer, wenn er wirklich Geld brauchte, dann nahm er welches dafür. Also habe ich die Sache in die Hand genommen und seine Kunst ambulant verkauft. 

 

Ambulant? 

Ich habe seine Bilder auf Partys mitgebracht und den Leuten gezeigt. Das ging ganz gut … war aber etwas unseriös. Dann erfuhr ich, dass ein kleiner Schusterladen auf der Bergstraße einen Nachmieter suchte – so kam ich zur ersten Galerie.

 

Galerie Steinrötter? 

Bist du verrückt? Die hieß Galerie 67. 

 

Ergibt Sinn. 

Ja, denn eröffnet haben wir im Jahr ’67 und die Adresse lautete Bergstraße 67. Doch schon bei der ersten Ausstellung sagte mir Ali Schindehütte, dass die Galerie besser meinen Namen tragen sollte – das weckt Vertrauen. Na ja, jedenfalls haben wir dann diesen Schusterladen umgemodelt und die Bilder von Troschke ausgestellt. 

 

Die Kunstszene stelle ich mir in den 60ern ziemlich drogenaffin vor, liege ich richtig?

„Affin“ ist untertrieben; Münster war eine Drogenhochburg! Am Lambertibrunnen war die Hölle los, da standen alle Dealer. Du musst wissen, zu der Zeit wusste man über Rauschgift noch nicht so viel. In dieser Szene passierten die schlimmsten, manche würden sagen, aufregendsten Dinge. Wir hatten im Grunde eine hochkriminelle Situation. Das kann man sich heute gar nicht vorstellen.

 

Meinst du die gesamte Stadt oder nur deine Galerie?

Die ganze Stadt. Die Partyszene war ganz anders als die heutige. Die haben irrsinnig gefeiert. 

 

Kanntest du zu dem Zeitpunkt eigentlich schon Antje, deine heutige Ehefrau und Inspiration? 

Wir liefen uns dann und wann über den Weg. Eines Tages musste ich nach Wien, als sie zufällig in die Galerie kam. Da habe ich gefragt: „Haben Sie Lust, mit nach Wien zu fahren?“ (Lacht)

 

Warum wolltest du sie mitnehmen?

Allein wäre so anstrengend gewesen. Nach Wien fährst du immerhin acht Stunden und das gleiche auch nochmal zurück. Also fuhren wir zu zweit. 

 

Romantisch.

Und natürlich praktisch, so konnten wir uns beim Fahren abwechseln. Aber dann kam ein ziemlicher Hammer … 

 

Na los, mach’s nicht so spannend! 

Ich wollte den Künstler Eric Harter besuchen und Bilder mitnehmen – der hatte nur ein Bein und hüpfte da in seinem Atelier herum. Na ja, jedenfalls sagte er, Hundertwasser sei am Abend vorher dagewesen und habe ihm gesagt, er solle bloß nichts weggeben, alle Bilder müssten in Österreich bleiben. „Um Himmels willen“, sagte ich, „Eric, jetzt komme ich die weite Fahrt hierher und alles umsonst?“ Tja, dann sind wir halt so ein bisschen durch Wien gegondelt und dann wieder zurück. 

 

Hast du dich dabei in Antje verliebt?

Nein, aber wir fanden einander schon sympathisch. Nach der Wienreise habe ich sie zur Geburtstagsfeier eines Freundes eingeladen und da ist es dann passiert.

 

Ihr habt euch geküsst?

Genau.

 

Das musste ja in einer Ehe enden …

Für die hat sozusagen unser Sohn gesorgt. Als Antje mit ihm schwanger war, habe ich gesagt, alles muss seine Ordnung haben – lass uns heiraten.

 

Klingt nicht sonderlich romantisch.

Doch. Nur anders. Ich bin sicherlich nicht unromantisch, aber eben auch Pragmatiker. So gehört sich das für meinen Beruf. Liebe und Verständnis allein bringen dich bei der Arbeit mit Künstlern nicht weit. Die wollen berühmt werden – und wohlhabend natürlich. Wie du das als Galerist erreichst, ist deine Sache. Deswegen: Romantisches Schwärmen reicht nicht aus. Und selbst als guter Galerist wirst du dabei nicht reich. Außer an Kunstwerken …

 

Was ist mit Galeristen wie Henry Kahnweiler?

Der war ein Besessener. Hatte eine Riesenahnung, aber eben auch den notwendigen Pragmatismus. Im Grunde war er ein kunstkennender Banker.

 

Kahnweiler war der wichtigste Picasso-Händler … da verdient sich das Geld doch beinahe von selbst oder?

Heute ist es einfacher, aber damals … In den 50ern gab es hier in Münster eine Ausstellung der Galerie Clasing, da kostete ein Picasso tatsächlich nur 300 Mark; selbst da hat bloß eine Hand voll Leute gekauft. Picasso war nicht unterzubringen. Wenn einer sagte, er habe sich am Wochenende moderne Kunst von Picasso angesehen, haben alle herzlich gelacht. Der war der Innbegriff von schräg. Damals gab es den Satz: Lieber vom Leben gezeichnet, als von Picasso gemalt.

 

Der war in den 50ern doch schon weltberühmt! 

In Münster aber nicht. Wenn hier der normale Geldadel von guter Kunst sprach, meinte man Ölbilder aus Holland. 

 

Hast du wenigstens zugeschlagen, und ein, zwei Picassos gekauft für diese überaus günstigen 300 Mark?

Damals war ich froh, über die Runden zu kommen. 

 

„Bleiben“ die Werke wie die von Picasso – so wie die Mona Lisa vom alten Da Vinci?

Hoffentlich. Denn wie sollten nachfolgende Generationen sonst unsere Zeit beurteilen? Es ist wichtig, dass wir Spuren hinterlassen. Wenn du beispielsweise in Rom bist und durch die Ruinen spazierst, denkst du: Wie geil ist das denn bitte? Du stellst dir vor, wie es wohl war – im alten Rom vor zweitausend Jahren. Doch bleibt von uns ein Reihenhaus, das in fünfhundert Jahren Schaulustige anzieht?

 

Nein.

Genau. Die werden nicht mehr da sein. Gemälde und anderweitige Kunst aber vielleicht schon. 

Wenn man sich in die Geschichte anschaut, fallen einem pro Jahrhundert nur wenige Künstler ein, wenn überhaupt.

Und dabei gab es Tausende! Wie bei den Beatles – obwohl sicher hunderte Bands genauso gut waren wie sie, sind sie es, die bleiben. Das ist in der Kunst ähnlich. Ich vermute also, dass Picasso uns erhalten bleibt. Er steht für ein ganzes Jahrhundert. Wie Da Vinci oder Michelangelo. 

 

Aber ansonsten bleiben nicht viele, oder?

Eher nicht, nein. Aus dem 20. Jahrhundert bleiben meiner Meinung nach Picasso, Warhol, aber auch Matisse …

 

Danach wird es schon dünn. Salvador Dali wahrscheinlich auch noch. Aber sonst? Damit hätten wir vier – und natürlich Otmar Alt.

(Lacht) Ja, genau! 

 

Deine Galerie feierte ihr fünfzigstes Jubiläum – bist du traurig, dass so viele Jahre bereits rum sind?

Nein. Meine Arbeit ist noch genauso faszinierend wie zu Beginn. Kunst ist immer in Bewegung, verändert sich in der Zeit. Das habe ich an den Jahren besonders genossen. Es ist so: Wenn du ein Glas Wein getrunken hast, kennst du Wein – bist aber noch lange kein Weinkenner. Und wenn du ein Bild gesehen hat, kennst du Kunst, bist aber kein Kunstkenner. Manchmal fühle ich mich selbst nach fünfzig Jahren noch so. 

 

Was ist dein wichtigster Ratschlag, wenn es um Kunst geht? 

Ich hatte mal einen Freund, der inzwischen leider verstorben ist, was in meinem Freundeskreis immer häufiger vorkommt. Jedes Mal, wenn er ein Bild kaufte, nahm er das seiner Meinung nach stärkste Bild aus seiner Sammlung von der Wand und stellte es neben das neue Objekt der Begierde – das ist ein wichtiger Punkt in der Kunst, um Qualität zu erkennen: der Vergleich. 

 

Gibt es auch unvergleichliche Bilder?

Du meinst die Giganten. Die gibt es. Und wenn du davorstehst, möchtest du auf die Knie fallen.

Nenn mal einen Giganten.

Die Nachtwache. Die Nachtwache ist die Nachtwache und selbst wenn ich die tausend Mal gesehen habe, ist sie großartig. Eine der Besonderheiten der Nachtwache ist, dass Rembrandt so frech war und die Figuren unterschiedlich groß gemalt hat – Skandal! 

 

Warum war das so schockierend?

Es war damals so, dass „Kunden“, die Bilder in Auftrag gaben, sich oftmals bei einem Bild mit mehreren Figuren die Kosten teilten. Dafür erwarteten sie aber auch, dass alle gleich wertig, gleich groß auf dem Bild zu sehen sind. 

Und?

Der, der nur klein in der linken Ecke abgebildet wurde, sagte direkt: „Das bezahle ich nicht!“ So ist das Bild auf einem Dachboden gelandet und erst nach Jahrhunderten wieder
aufgetaucht. Man muss Kunst auch immer im zeitlichen Kontext sehen.

 

Wer sind die heutigen Giganten?

Ich glaube, solche Kaliber haben wir nicht mehr. Es herrscht zu viel Beliebigkeit. 

 

Was unterscheidet den heutigen Claus Steinrötter von dem vor fünfzig Jahren?

Ich bin inzwischen gelassener, jammere nicht und belle den Mond nicht mehr an. Ich bewahre Ruhe, egal in welcher Situation. Ich muss nicht mehr alles gleichzeitig tun.

 

Hast du schon über einem Nachfolger nachgedacht? 

Der witzige Timm Ulrichs, weißt du, was der gemacht hat?

 

Nein.

Der hat auf seine beiden Augendeckel das Wort „Ende“ tätowieren lassen – wenn er die also zumacht, ist Ende. Und weißt du was auf seinem Grabstein steht? „Denkt immer daran, mich zu vergessen.“

 

Besser als „ungebraucht zurück“.

Ustinov wollte ein Stückchen Rasen vor seinem Grab haben mit einem Hinweisschild, auf dem stehen sollte: „Rasen betreten verboten“.

 

Hast du Angst vorm Tod?

Ich habe Grützke im Hospiz besucht, wir haben so viel gelacht in den letzten Monaten. Ich sage dir, wenn du sowas erlebst, wie er das gemeistert hat …  unglaublich. Er sagte, er habe noch nie eine bessere Zeit gehabt als jetzt.

 

Im Hospiz?

Das kam natürlich durch das Morphium. Aber auch ohne ist es möglich, deine Angst zu steuern. Andererseits ist das vielleicht auch nicht so wichtig, denn Sterben kann so schwer nicht sein, weil es bisher doch alle geschafft haben. 

 

Glaubst du, danach kommt noch was?

Da sind wir beim Sinn und Unsinn. Ich kann mir alles Mögliche vorstellen, aber ob ich wirklich mal im Paradies auftauche? Andererseits kann ich auch nicht glauben, dass alles ohne Sinn ist – doch im Grunde ist mir das auch egal. Mir gefällt allerdings so manche Theorie dazu, weil sie so witzig ist. 

 

Welche?

Besonders die der Wiedergeburt. Ich finde diese Idee recht verwunderlich – um nicht zu sagen: absolut daneben.

 

Ich verstehe auch nicht, warum sich die so lange hält. Also, du glaubst nicht an Gott, meinst aber, dass es trotzdem einen Sinn gibt?

Für mich sind solche Vorstellungen, dass da einer mit ’nem langen Bart sitzt, zu einfach. Das sind eher Märchen, die Leute zum Nachdenken anregen sollen – und mit diesem Hintergrund akzeptiere ich sie auch. Ansonsten … ich sehe das eher so wie dieser bärtige Mann, der mit seinen Freunden am Kreuz hängt und dieses ganz wunderbare Liedchen pfeift.  

 

Brian.

Genau! Brian. 

 

(Lacht) Jeder nur ein Kreuz.

And always look on the bright side of life. Wunderbar, oder?

INFO

Claus Steinrötter kommt eigentlich aus dem allseits bekannten Gelsenkirchen-Horst. Doch schon zu Schulzeiten zog es ihn nach Münster und hier begann er auch 1963 sein Studium der Soziologie und Volkswirtschaft. Aber dann entdeckte er seine wahre Liebe, die Kunst. Und so eröffnete er 1967 seine erste Galerie. 

Viele, viele weitere Infos zum Claus Steinrötter erfahrt Ihr am besten hier:

Autor Thorsten Kambach / Gemälde Johannes Grützke

Erstmalig erschien dieser Text in Stadtgeflüster Interview

Mai 2019

​Alle Rechte bei Stadtgeflüster – das Interviewmagazin vom

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