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Tim Schaepers und Christian Kearsley über Totgesagte, die länger leben

ES WERDE LICHT

Energie wächst zwar nicht auf Bäumen, aber die Sonne bietet eine ganze Menge davon. Um die solare Energie in Strom zu wandeln, braucht es Menschen, die mit Überzeugung an den wichtigen Schnittstellen agieren. Menschen wie Christian Kearsley. Als Vertriebsleiter bei Solarkönig in Sendenhorst bringt er Interessenten auf der einen und das nötige Know-how auf der anderen Seite zusammen. Nach einer langen Durststrecke steht die Branche womöglich vor einem Boom.

Im Koalitionsvertrag steht, dass die erneuerbaren Energien verstärkt ausgebaut werden sollen. Brach die Belegschaft bei Solarkönig in Jubel aus oder wie reagierte man hier auf diese Nachricht?

Ich bin nur der Knappe, aber der Weg ist der richtige. Die ganze Branche jubelt, keine Frage. Man weckt tote Geister, die seit der guten Zeit der Solarenergie auf andere Geschäftsfelder ausgewichen und nun wieder zurück auf dem Markt sind. Doch auch Newcomer, die von nichts eine Ahnung haben, verkaufen mittlerweile Photovoltaikanlagen. Aber die Qualität und Güte muss man ernst nehmen und das in jedem Bereich solcher Anlagen: Planung, Dachmontage, Elektrotechnik, Speichersysteme und so weiter.

 

Ihr schraubt den Kunden also nicht nur die Solarpaneele aufs Dach und gut ist?

Nein. Wir sind ein Fachunternehmen für Photovoltaik und bedienen alle Geschäftsfelder in diesem Bereich bis auf Freilandanlagen. Aber alles, was gebäudeintegriert, also in die Fassade eingearbeitet oder auf den Gebäuden ist. Wir haben sowohl Privatkunden als auch Unternehmen und Kunden aus öffentlichen Ausschreibungen, wie zum Beispiel Schulen. Außerdem testen wir in unserem Labor, welche Produkte wie am besten funktionieren. Wir wollen unseren Kunden schließlich keine grünen Bananen verkaufen.

 

Wenn ich jetzt eine solche Anlage auf meinem Dach hätte, wird der Strom dann komplett bei mir gespeichert oder wird ein Teil ins Stromnetz gespeist?

Zunächst muss man den Strombedarf erörtern, also beispielsweise 3.500 kWh pro Jahr. Dann werden Häuser heutzutage oft mit Wärmepumpen gebaut, also muss man diese Energie hinzurechnen. Gleichzeitig darf man die Elektromobilität nicht außer Acht lassen, die in Zukunft eine größere Rolle spielen wird und Strom benötigt. Je nach Fahrweise kommen noch mal bis zu 2.500 kWh obendrauf. Kunden müssen in jedem Fall gut beraten werden.

 

Habt ihr gemerkt, dass in den letzten Jahren mehr Elektroautos privat als auch in Firmenflotten genutzt werden?

Ja, ganz deutlich. In jedem zweiten Gebäude, in dem wir eine Anlage bauen, installieren wir auch eine Wallbox. Das sind die Ladestellen für E-Autos. Da der Anteil in den nächsten Jahren zunehmen wird, ist es sinnvoll, größere Anlagen zu verbauen, wenn der Kunde in Zukunft auf E-Mobilität umsteigen möchte.

 

Ihr seid mit euren Geschäftsräumen gerade umgezogen und habt euch vergrößert. Ich nehme an, dass ihr in der Vergangenheit volle Auftragsbücher hattet. Könnte man trotzdem sagen, die Bundesregierung a. D. hätte viel mehr auf Wind, Solar und Co. setzen sollen?

Man hätte immer mehr machen können. Und es braucht mehr Ambitionen, um die Klimaziele zu erreichen. Dazu bedarf es der sechsfachen Menge, die zugebaut werden müsste.

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Hängt Deutschland im internationalen Vergleich hinterher?

Hinterherhängen würde ich nicht sagen. Wir haben in Deutschland mit der Energiewende sicherlich den Startschuss gegeben. Gelsenkirchen beispielsweise war mal die solare Stadt, da redet heute keiner mehr von. Als Hans-Josef Fell von den Grünen und Hermann Scheer von der SPD vor 20 Jahren die Einspeisevergütung ins Leben gerufen haben, wollte man mit großen Ambitionen die Strompreise langfristig senken. Denn umso mehr erneuerbare Energien dazu gebaut werden, desto niedriger wird langfristig der Preis für Strom.

 

Das ist er in den letzten Jahren aber nicht geworden.

Ist er nicht und man hat die ambitionierten Ziele nicht erreicht. Aber die Politik hat die erneuerbaren Energien nicht mit Nachdruck gestärkt. Ein Beispiel ist die Diskussion um Windkrafträder. 2010 wurde die Photovoltaiktechnik in Deutschland fast beerdigt. Das war seitens der Regierungen ein schwerwiegender Fehler.

 

Somit ging doch ein großer Teil der Photovoltaiktechnik nach China, oder?

Wir haben sehr große Solarfirmen in Deutschland gehabt, die auch große Marktanteile in Europa hatten. Man kennt vielleicht noch Solarworld mit J. R. Ewing als Werbeträger. Aber die Firma hat nicht für den globalen Markt Preise gemacht und hergestellt. Die Chinesen haben die Chance erkannt, in Masse zu produzieren, und das in einer qualitativ sehr hochwertigen Güte. Wir verbauen deshalb neben deutschen, italienischen, spanischen und koreanischen Modulen auch chinesische. Eine gute Zelle herzustellen ist zwar sehr aufwendig, aber nicht die Kunst. In Deutschland haben wir die Chance vertan, dies kostengünstig zu tun.

 

Was muss auf politischer Ebene passieren, damit Solarenergie in Deutschland so viel Strom liefert, wie nötig wäre, damit er zu 100 Prozent grün werden würde?

100 Prozent grün würde heißen, dass zudem viel Wasserstoff eingesetzt würde. Dieser ist jedoch sehr umstritten, je nachdem, aus welcher Gewinnung er kommt. Es braucht die drei- bis vierfache Energie, um Wasserstoff herzustellen. Auf der anderen Seite ist Wasserstoff ein konstanter Energielieferant, wenn er genügend vorhanden ist. Und somit sehr interessant für die Industrie, die auf konstante Energie angewiesen ist. Wenn die Wasserstoffgewinnung jedoch über Erdgas läuft, ist dies meiner Meinung nach nicht zielführend.

 

Denn es wird noch immer ein fossiler Brennstoff verfeuert und da schließt sich ein Kreis, der sich nicht schließen sollte.

Richtig. Zwar ist die Verbrennung von Erdgas sauberer als von Erdöl, aber in der Gewinnung genauso, wenn nicht sogar noch schädlicher. Das ist auch kein rein grünes Thema, aber man muss schon sagen, dass Fridays for Future neben Scientists for Future, Parents for Future und so weiter einen wichtigen Teil zu der Diskussion beigetragen haben.

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Also kann man schon sagen, dass der regelmäßige und massenhafte Protest etwas gebracht hat?

Der Protest hat mit Sicherheit etwas gebracht. Wir wären heute nicht so weit, wenn die junge Generation nicht seit Jahren auf die Straße ginge. Wichtig waren aber auch jene Wissenschaftler, die sich vereint haben und die lautstarken Proteste mit wissenschaftlichen Fakten untermauert haben.

 

Ich denke, die allermeisten kennen Solar- und Photovoltaikanlagen, aber nur ein Teil kennt den Unterschied. Kannst du den kurz zusammenfassen?

Solar ist der Oberbegriff. Es gibt Solarthermieanlagen, die Warmwasser mittels Wärme erzeugen. Und es gibt Photovoltaikanlagen, die aus Licht Strom erzeugen. Solarthermie ist eher was für Heizungs- und Sanitärfirmen. Wir sehen zu, dass wir private Haushalte, Unternehmen und Schulen weitestgehend mit einem Speicher energieautark machen. Dabei reden wir von bis zu 75 Prozent Autarkie.

 

Also Photovoltaikanlagen sind euer Kerngeschäft?

Ganz genau, bundesweit von München bis Kiel. Außerdem bauen wir für das Fraunhofer Institut fast alle Anlagen in den letzten Jahren. Angefangen hat der Geschäftsführer Gerd König 2003 mit Fenstern und Fassaden. Zurzeit haben wir auf unserem Hof in Sendenhorst unter einem großen, mit Kollektoren bedeckten Carport die Loop-Taxen stehen, die nach Schichtende bei uns geladen werden.

 

Wie viele Anlagen schafft ihr im Jahr?

Wir bauen so um die 300 Anlagen im Jahr. Wenn man die Feiertage abzieht, dann kann man sich ausrechnen, dass wir recht gut ausgelastet sind momentan, aber wir stocken gerade auf.

 

Diese Paneele sind ja immer schräg beziehungsweise auf Schrägdächern installiert. Was hat es damit auf sich?

Damit die Kollektoren den passenden Winkel zur Sonne haben. Da wir uns im 52. Breitengrad befinden, haben sie eine bestimmte Neigung. Am Äquator würde man sie flach auf den Boden legen. Es gibt auch bei uns Versuche mit Fahrradwegen mit flach verlegten Anlagen, die befahrbar sind, aber davon halte ich nicht viel. Eben weil der Winkel nicht ideal ist.

 

Kann man pauschal sagen, nach wie viel Jahren sich eine Solaranlage für ein Einfamilienhaus rechnet?

Pauschal nicht, aber zu jedem seriösen Angebot gehört natürlich auch eine Wirtschaftlichkeitsberechnung. Es kommt zum Beispiel auf die Ausrichtung des Daches an. Kollektoren auf der Ost- und Westseite eines Hauses liefern anders Strom als nur auf der Südseite. Aber Pi mal Daumen kann man sagen, nach 13 oder 14 Jahren rechnet sich so eine Anlage. Allerdings macht es sich sofort bemerkbar. Denn es ist keine Investition, deren Kosten ich zu meiner Stromrechnung obendrauf rechnen muss, weil ich mit der Installation der Anlage direkt weniger Strom bezahlen muss.

 

Und wie ist das im Winter? Oder in einem Jahr mit wenig Sonnenstunden?

Der Winter ist bei der Wirtschaftlichkeit der Speicher zwar einkalkuliert, aber klar: Zu 100 Prozent autark kann man mit einer Photovoltaikanlage hier nicht werden – außer vielleicht südlich von Marokko.

 

Mal angenommen, ich rufe euch an und möchte eine Solaranlage auf meinem Dach haben. Wann ist die fertig installiert und mein Bier im Kühlschrank wird mittels Sonnenstrahlen gekühlt?

Wenn die Anfrage reinkommt und die Entscheidung zu unseren Gunsten fällt: etwa vier bis fünf Monate. Das ist ziemlich lang, doch wir haben im Schnitt 15 bis 20 Anfragen pro Tag und das wird in Zukunft nicht weniger werden.

 

Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg für eine saubere Sache!

Sehr gerne, ich danke auch.

 

INFO

Christian Kearsley

Der 1968 in dem Ort Chelmsford nahe London geborene Christian Kearsley kam in Jugendjahren nach Deutschland. Nach einer kaufmännischen Ausbildung arbeitete er 17 Jahre für ein Unternehmen am Niederrhein. Als Außendienstler fuhr er 100.000 Kilometer im Jahr mit einem Diesel. Seit 2011 ist er Vertriebsleiter bei Solarkönig in Sendenhorst und fährt E-Auto.

Autor Tim Schaepers / Illustration Thorsten Kambach / Fotos Pressefotos

Erstmalig erschien dieser Text in Stadtgeflüster Interview Januar 2022

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