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Tim Schaepers redet mit Bernd Redeker über Babypinkeln für einen Affen

EIN MANN UND SEIN BABY

Sie gehört zu Münster wie der Dom und der Prinzipalmarkt – die Gorilla Bar. Auch ihr Betreiber ist über die Kneipenszene hinaus ein bekanntes Gesicht. Seit knapp über 20 Jahren bewirtet er allabendlich Stammgäste, Studenten und anderes Partyvolk in der Bar mit dem schreienden Gorillakopf als Logo. Auf dem Weg vom Kellner zum gestandenen Gastronomen, der regelmäßig Events organisiert, ist einiges passiert. Könnten die Wände der Bar reden, sie hätten viel zu erzählen. Mit Tim Schaepers plaudert Bernd Redeker aus dem Nähkästchen.

Herzlichen Glückwunsch nachträglich zum 20-jährigem Pienjubiläum beziehungsweise Dienstjubiläum an der Jüdefelderstraße 54. Der stadtbekannte Gorilla hat zwanzig Kerzen auf der Geburtstagstorte ausgepustet und sich was gewünscht?

Noch mal 20 Jahre. Ich habe gerade mit dem Eigentümer um weitere 20 Jahre verlängert. Das ist mein Baby und soll mich bis ins Rentenalter begleiten. Ob ich die Zeit bis dahin durchhalte, weiß ich nicht, aber angedacht ist das. Die Bar macht mir nach wie vor unwahrscheinlich viel Spaß. Ich habe den Laden zusammen mit Reiner Schlag geschmissen, aber der hatte keine Lust mehr und darum mache ich jetzt alleine weiter. Aber alles im Guten und alles harmonisch gelaufen.

 

Wie feiert eine Bar einen runden Geburtstag? Ihr könnt ja schlecht die Tür aufschließen und alle auf Bier und Cocktails einladen, oder?

Die Bar habe ich Anfang Oktober wieder aufgemacht und den Tag als Jubiläumsparty genutzt, allerdings nur mit geladenen Gästen. Das wurde nicht an die große Glocke gehängt, weil nun mal immer noch Corona ist. Wichtig war, dass die ganzen Freunde und Stammgäste kamen und die ein gutes Gefühl hatten. Deshalb habe ich doppelt gecheckt, ob alle geimpft sind, damit wir zusammen ausgelassen feiern konnten. Und es war ein richtig toller Abend.

 

Wie hat die Geschichte damals angefangen? Warst du grün hinter den Ohren oder erfahrener Gastronom?

Die Gorilla Bar war meine erste Kneipe. Davor habe ich neben meinem Jurastudium, weshalb ich nach Münster gekommen bin, gekellnert. Während der Zeit habe ich im legendären Odeon gearbeitet, wo sie alle aufgetreten sind: Red Hot Chili Peppers, Die Toten Hosen, WestBam, Marusha. Nach zwei Jahren bin ich dann im Rahmen meines Studiums für ein Jahr nach Südafrika gegangen. Als ich wiedergekommen bin, habe ich in der Destille gejobbt und noch einiges anderes in der Branche gemacht. Irgendwann wurde dann der Laden hier frei, der ehemalige Schluckspecht – eine bundesweit bekannte Punkrock-Kneipe. Nach einem halben Jahr Verhandlung habe ich den Zuschlag bekommen und mit Reiner den Laden Ende September 2001 aufgemacht.

 

Und seit nunmehr zwei Dekaden ist der ikonische Gorillakopf nicht mehr von der Jüdefelderstraße wegzudenken. Wie seid ihr auf den Namen „Gorilla Bar“ gekommen?

Ein Cocktail stand Pate. Als ich in der Destille gekellnert habe, hatte ich einen Kollegen, der in seiner Heimat in einem Café gearbeitet hat. Wenn er besondere Gäste oder Kumpels dahatte, dann hat er immer einen besonders heftigen Cocktail gemixt. Der hieß „Gorilla“. Als wir dann die Kneipe übernahmen, haben wir uns etliche Wortkonstrukte überlegt und kamen dann auf Gorilla und dachten: Das ist geil. Das passt. Wir wollen rocklastig sein und weg vom Schlager. Außerdem ist der Gorilla ein imposantes Tier. Damals hießen viele Kneipen irgendwas mit Bar. Wir haben recherchiert, ob es eine Gorilla Bar gibt, und das war nicht der Fall. So ist es zu dem Namen gekommen.

 

Was sind denn die wichtigsten Eigenschaften, um als Barbesitzer erfolgreich zu sein – neben einem guten Geschäftssinn?

Kontinuität. Gastfreundlichkeit ist ganz wichtig. Und eine gerade Linie, ein Konzept. Die Handschrift muss erkennbar sein.

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Apropos Konzept. Es gibt verschiedene Arten von Kneipen: Sportsbar, Studentenkneipe, Musikkneipe, Stammkneipe ...

Das sind wir alles. Ich bin ich sehr sportaffin und gut vernetzt mit den großen Vereinen aus Münster: dem USC, dem Ruderverein, Preußen Münster und so weiter. Wir haben uns über die Jahre den Namen „Sportlers Wohnzimmer“ erarbeitet und von Anfang an alles an Sport gezeigt. Ich habe auch immer Sportstudenten hinter der Theke gehabt und das sind natürlich die Feierbiester schlechthin. (lacht)

 

Und dafür, dass es eine eher überschaubare Pinte ist, habt ihr auch immer mal wieder große Bands zu Gast gehabt. Wie bekommt man die H-Blockx oder die Donots in die Gorilla Bar?

Zum einen ist Reiner Musiker und hat Nachwuchsmusikern immer eine Bühne gegeben. Bands mit eigenen Texten, eigenem Sound, so gut wie nie Coverbands. Und zu den H-Blockx habe ich schon seit Odeon-Zeiten einen Draht und irgendwann hatte ich sie so weit, dass sie hier gespielt haben. Und Guido, der Gitarrist von den Donots, war hier Stammgast. Über die Jahre hat man sich angefreundet. Die haben sogar zweimal hier gespielt.

 

Wie kam es zu der Patenschaft, zu dem Gorilla Demba im Allwetterzoo? Bierlaune, Marketing oder logische Konsequenz?

Als das Africaneum damals gebaut wurde, hatte ich schon Kontakt zum Zoo. Zu der Zeit haben wir zehn Quadratmeter des Gorillageheges gekauft, symbolisch als Spende. Danach haben wir zuerst eine Patenschaft für die Gorilladame Ghana übernommen, die dann aber leider zwei Monate später gestorben ist. Weil wir eine Patenschaft für ein Jahr hatten, bekam ich einige Zeit später einen Anruf, als ich am Flughafen Richtung Kuba saß: „Bernie, wir haben Gorilla-Nachwuchs. Ist ein Junge. Wollt ihr die Patenschaft weiterführen?“ Das haben wir natürlich gemacht. In meinem Urlaub sagte die Reiseleiterin, dass der gängige westafrikanische Vorname Demba „dicke Lippe“ bedeutet. Das klingt nach einem großen Silberrücken und im Zoo kam der Name auch gut an. Kurz darauf haben wir dann ein Babypinkeln veranstaltet.

 

Und das habt ihr natürlich in der Gorilla Bar gemacht?

Ganz genau. Und seitdem machen wir jährlich am Sonntag nach Dembas Geburtstag im Januar das Promi-Zapfen. Da lade ich verschiedene Prominente ein, die dann hinter der Theke stehen, zum Beispiel Ansgar Brinkmann, Steffi Stephan, Titus Dittmann, Lisa Feller, Werner Schulze-Erdel, Roland Jankowsky, die Mädels vom USC oder die Jungs von Preußen Münster. Wir sammeln Sachpreise, machen eine große Tombola und spenden die Einnahmen für wohltätige Zwecke.

 

Und die Hoffnung besteht, dass Demba ein großer Silberrücken wird und euer Logo gut repräsentieren kann?

Er ist auf einem guten Weg und kommt in einen anderen Zoo, weil er zu stark geworden ist. Demba geht nach Holland in eine Junggesellen-Abteilung. Ich hoffe, dass er mal mit seinen Jungs bei uns vorbeikommt. (lacht) Wir übernehmen bald eine Patenschaft für einen anderen Gorilla im Zoo.

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Um ein leidiges Thema komme ich nicht herum: Corona war und ist für alle Gastronomen eine äußerst schwierige Zeit. Was waren die größten Herausforderungen in den letzten anderthalb Jahren?

Diese Ungewissheit. Dass man nie richtig wusste, wo die Reise hingeht. Dauernd sich ändernde Schutzverordnungen. Dieses ständige Hin und Her. Wir haben dann natürlich alles dementsprechend angepasst. Tische reservieren, auf Abstand gesessen, mit Plexiglasscheiben, nur am Platz und so weiter. Aber eine Bar wie unsere, die lebt von der Nähe zueinander. Miteinander quatschen, trinken und Party machen.

 

Das macht Kneipen eben aus – ein reges Miteinander.

Genau. Eine Kneipe ist ein Ort der Kommunikation. Wir sind kein Restaurant. Es hat dann zwar alles funktioniert, aber die Umsätze sind komplett eingebrochen. Wir haben versucht, das Beste daraus zu machen, aber es war eine sehr anstrengende Zeit.

 

Seid ihr wieder bei 100 Prozent?

Ach nein! Und so schnell kommen wir da auch nicht hin. Man sieht ja die Entwicklung momentan. Und seitdem ich wieder aufgemacht habe, gilt bei uns 2G. Einfach aus dem Grund, weil ich nicht möchte, dass sich Ungeimpfte anstecken, auf der Intensivstation liegen und sagen: „Ja, ich war in der Gorilla Bar.“ Ich muss auch sagen, ich verstehe es nicht, dass Leute ungeimpft in Kneipen gehen. Die riskieren nicht nur ihre eigene, sondern auch die Gesundheit der anderen. Und ich will, dass meine Gäste beruhigt zu uns kommen können, deswegen gilt auch bald 2G plus. Außerdem haben wir zwei fette Klimakassetten und zwei große Virenfilter.

 

Themawechsel. Viele junge Menschen, die gerne in Kneipen gehen, träumen davon, selbst eine Bar zu eröffnen. Welchen Tipp kannst du ihnen mit auf dem Weg geben, außer nicht selbst sein bester Kunde zu werden?

Als ich damals anfing, haben ein, zwei Kollegen gesagt: „Das ist es. Als Typ ’ne eigene Kneipe haben!“ Ich fand das auch schon immer total geil. Und es macht mir nach wie vor mega Spaß. Ich bin immer noch mit Leidenschaft dabei. Ich trinke auch immer noch gerne ein paar Bierchen, aber man muss schon zusehen, dass man gut haushaltet. Sonst funktioniert das nicht.

 

Es scheint ja ganz gut bei dir zu laufen. Du hast beziehungsweise hattest schon mehrere Läden, unter anderem das Mutter Birken im Kreuzviertel, die Hafenarena, an Rosenmontag bist du immer in der Stadt präsent und dieses Jahr leitest du den Weihnachtsmarkt am Harsewinkelplatz.

Man muss auf alle Fälle den Überblick behalten und wirtschaftlich arbeiten – ganz wichtig. Aber am liebsten bin ich hier in der Gorilla Bar, dann kann ich auch mal ganz entspannt mit Stammgästen quatschen.

 

Gehst du in deiner Freizeit eigentlich noch in Bars?

In den letzten Jahren habe ich immer gut zu tun gehabt und war eigentlich immer irgendwo im Einsatz. Ansonsten gehe gerne mal in andere Läden, aber eher selten.

 

Dann wünsche ich dir und der Gorilla Bar weiterhin viel Erfolg – und auf die nächsten 20 Jahre!

Danke, danke! Ich hoffe, es werden noch viele gute Konzerte folgen und viele weitere Events. Wir arbeiten dran, dass der Laden immer interessant bleibt und nicht 08/15 wird.

 

INFO

Bernd Redeker

Der in Bünde geborene Bernd Redeker kam einst für sein Jurastudium und blieb für das Münsteraner Nachtleben. Gut vernetzt organisiert der Wahlmünsteraner unter anderem das Stadtfest, Public Viewing, das Oktoberfest und 2021 erstmalig den Weihnachtsmarkt am Harsewinkelplatz. Außerdem betreibt er unter anderem die Gorilla Bar – seit 20 Jahren.

Autor Tim Schaepers / Illustration Thorsten Kambach / Fotos Pressefotos

Erstmalig erschien dieser Text in Stadtgeflüster Interview Januar 2022

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