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Tom Feuerstacke und Barbara Stahr schauen sich verbal eine Pflegefamilie an

WESTFÄLISCHE FAMILIEN

Nicht alle Kinder wachsen auf der Sonnenseite des Lebens auf und werden in eine heile Welt geboren. Oft sind es die unterschiedlichsten Augenblicke in einem Leben, die über die Entwicklung eines Kindes entscheiden. Momente, die das Leben der Kleinen auf den Kopf stellen. Und besonders diese Kinder brauchen Hilfe. Benötigen Familien, in denen sie sich weiter in Ruhe entwickeln können. Das klappt in den meisten Fällen auch sehr gut. Aber manchmal haben Kinder einen dermaßen schweren Rucksack zu tragen, da sie Vernachlässigung, Gewalt und Missbrauch erlebt haben. Um diese Kinder kümmern sich zum Glück ganz besondere Menschen, indem sie diese pflegen und beschützen.

Barbara. Was ist der SKF? 
Wir sind der „Sozialdienst Katholischer Frauen“ in Münster. Unter anderem ist der SKF ein Träger der Jugendhilfe. Somit sind wir ein Wohlfahrtsverband. Dieser Verband hat Frauen- und Kinderschutzhäuser. Wir sind in der Wohnungslosenhilfe aktiv. Wir haben einen Betreuungsverein, eine Kita und beraten Schwangere. Die Schwangerschaftsberatung mit Sexualpädagogik berät schwangere Frauen und Frauen bis zu drei Jahren nach der Geburt.  Und wir haben den Bereich „Adoptionen und Pflegefamilien“. Etwas Besonderes stellen hierbei die westfälischen Pflegefamilien dar, die wir begleiten und beraten. 

 

Was ist eine ‚westfälische Pflegefamilie‘ und warum wird sie besonders erwähnt? 
In diesen Familien leben Kinder, die ihre eigene besondere Geschichte haben. Familien, die diese Kinder betreuen, erhalten noch mal eine besondere Unterstützung durch uns. 

 

Auf eurer Internetpräsenz schreibt ihr von ‚entwicklungsbeeinträchtigten Kindern‘, die in diesen westfälischen Pflegefamilien leben. Worin unterscheiden sich diese Kinder zu anderen Pflegekindern? 
Der Übergang zwischen den Kindern ist fließend. Häufig sind die Kinder etwas älter als die anderen und haben dementsprechend mehr erlebt und mitgemacht in ihrem Leben. Das Herkunftssystem muss mehr mitbetreut werden. Einige der Pflegekinder haben physische und psychische Beeinträchtigungen. 

 

Bei der Beschreibung ‚entwicklungsbeeinträchtigt‘ dachte ich als Erstes an geistige und körperliche Behinderungen. Du sprichst aber vor allem von Kindern, die in ihrem Leben bereits viel erlebt haben. Was sind diese Erlebnisse?

Es sind traumatisierte Kinder. Sie haben in ihrem Leben keine ausreichenden Beziehungsangebote erhalten. Durch diese Vernachlässigung haben diese Kinder Entwicklungsauffälligkeiten. Es sind im Grunde posttraumatische Belastungsstörungen und das im sehr frühen Alter. Dementsprechend können sich die meisten nicht äußern oder erinnern sich nicht. Es hat aber große Auswirkungen auf ihr Verhalten im Hier und Jetzt.  

 

Diese Kinder haben bereits sehr früh physischen und psychischen Missbrauch erfahren?

Es geht viel weniger um das Thema Missbrauch. Vernachlässigung ist ein großes Thema und das Thema Missbrauch spielt auch immer wieder eine Rolle. 

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Wie geschieht die Vernachlässigung, sodass als Reaktion auf ein traumatisches Erlebnis eine verzögerte psychische Störung auftritt?
Ein Beispiel dafür wäre ein Kind, dass den ganzen Tag in seinem Zimmer sitzt und nicht weiß, wann es was zu essen bekommt oder wann sich jemand kümmert. Vielleicht bekommt es was oder auch nicht. Und wenn das Kind in einem Alter ist, wo es nicht nachvollziehen kann, warum das so ist, wäre das bereits eine Vernachlässigung. Das Kind kann dabei bereits Todesangst durchleben.  

 

Eine solche Vernachlässigung geschieht ja schneller, als ich vermutet hätte. Vor allem bin ich überrascht, dass diese Form der Vernachlässigung eine solche Reaktion hervorruft?

Das muss nicht immer so sein, aber vielleicht ein anderes Beispiel:  Eine depressive Mutter wird einem Kind nicht die Reaktion zeigen können, wie eine Mutter, die schwingungsfähig ist. So bekommt das Kind möglicherweise kein Lächeln zurück, da die erkrankte Person dazu nicht in der Lage ist. Kinder lernen aber durch das Miteinander mit ihren Eltern. So kann es zu Entwicklungsauffälligkeiten und Verzögerungen kommen. 

Warum habt ihr diese Familien „westfälische Pflegefamilien“ genannt?
Es handelt sich mittlerweile um einen Verbund von fast 50 Trägern. Alle haben sich dem Konzept der westfälischen Pflegefamilien angeschlossen. Geleitet wird das Ganze unter anderem vom Landesjugendamt des Landschaftsverband Westfalen-Lippe. Die Leistungen unseres Konzepts bieten wir den Jugendämtern an. Mittlerweile gibt es den Verbund 25 Jahre. Ein solcher Verbund ist in dieser Größe einzigartig hier in Deutschland und garantiert einen Qualitätsstandard.       

 

Wenn sich ein Paar dazu entscheidet, einem Pflegekind ein Zuhause und noch wichtiger eine Familie zu bieten, melden sie sich beim Jugendamt der jeweiligen Kommune. Welche Kriterien müssen bei dem Paar erfüllt sein, wenn es eine westfälische Pflegefamilie werden will?
Es müssen keine Paare sein. Wir suchen auch immer alleinstehende Personen oder Familien melden. Die Jugendämter bieten übrigens kein WPF an. Deswegen können die Menschen sich gerne bei uns direkt melden. Wichtig sind ein polizeiliches Führungszeugnis ohne relevanten Eintrag, eine ärztliche Bescheinigung vom Hausarzt und die finanzielle Existenz der Interessierten darf nicht vom Pflegegeld abhängig sein. Ansonsten ist uns wichtig, dass die Interessierten Lust haben, einem Kind eine zweite Chance zu bieten. Es gibt da nichts, was erfüllt werden muss, um ein Pflegekind aufnehmen zu können. Die Beratungen bei uns sind intensiver und wir begleiten die Familien kontinuierlich über Jahre. Ich betreue momentan 14 Familien. Und nicht nur, wenn es ‚brennt‘. In regelmäßigen Abständen sehen wir uns und besprechen Situationen, die im Alltag auftreten. Die Frage nach der Eignung höre ich nicht so gerne. Ich begebe mich lieber mit den Menschen auf einen Prozess. Am Ende stellt sich bei den Pflegeeltern eher die Frage, ob die Bereitschaft da ist, ein Kind aufzunehmen, welches einen größeren Rucksack aufhat. 

 

Das klingst sehr niedrigschwellig. Am Ende müssen sich Eltern entscheiden, ob sie wollen und was sie wollen. Und das funktioniert, ohne dass Konflikte entstehen?

Am Anfang steht ein Kennenlernen und eine ausführliche Schulung. Man erfährt alles über die Kinder, um die es geht. Welche Geschichten stehen hinter den Kindern? Wie verhalten sie sich; insbesondere, wenn sie in ein neues Familiensystem kommen. Wie geht man damit um? Das ist die eine Seite. Anderseits gehen wir mit den Interessenten ihre eigene Geschichte ganz intensiv durch. Aber vor allem spricht man über die Vorstellung, wie ein gemeinsames Leben aussehen kann. Am Ende dieser Vorbereitung erstellen wir ein Profil, in dem noch mal ganz klar aufgestellt wird, welches Kind am Ende in diese Familie aufgenommen werden kann. Was können wir uns vorstellen und was nicht? 

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Vermutlich geht es auch ganz praktisch um die Lebensumstände. Mit wie vielen Personen lebt man wo auf welcher Quadratmeterzahl?

Das ist nicht genau festgelegt. Schön wäre ein Rückzugsort für das Kind. Es muss keine Villa sein. Ansonsten wird nichts als Kriterium gesehen.

 

Was sind das für Paare, die sich entscheiden, eine westfälische Familie zu werden?

Das ist total unterschiedlich. Es sind ungewollt kinderlose Paare und alleinstehende Personen. Dann gibt es die Regenbogenfamilien. Es gibt aber auch Familien, die bereits mehrere Kinder haben und sich so beschenkt fühlen, dass sie noch ein weiteres Pflegekind wollen, um ihr Glück teilen zu können. Was alle Familien eint: Sie haben alle so viel positive Energie, die sie antreibt, den Schritt mit einem Pflegekind zu wagen.

 

Ich hörte, dass ihr dringend auf der Suche seid nach Familien, die Pflegekinder aufnehmen. Wie kommt es, dass sich im Moment nur so wenige Pflegeeltern finden?

Das ist schwer zu sagen. Ich vermute aber, dass Menschen sich das nicht zutrauen. Außerdem ist es auch moderner geworden, kinderlos zusammen zu leben. Was aber nicht zu verkennen ist: Die Zahl der Kinder, die Familien brauchen, ist deutlich angestiegen. Und das steigert natürlich den Bedarf.

Das klingt alarmierend. Wie viele interessierte Familien fehlen euch im Moment?

Die Zahl der Kinder, die einen Lebensort benötigen, ist steigend und auf der anderen Seite gibt es momentan nicht genügend Pflegeeltern.    

 

Schaffen es eigentlich alle Familien, ihre Kinder in die Volljährigkeit zu begleiten? Oder ist das Engagement eine zeitlich begrenzte Aufgabe für Pflegeeltern?

Das ist es nicht. Zeitlich gibt es da keine Begrenzungen. Ich begleite Familien jetzt seit 16 Jahren und habe schon viele in die Volljährigkeit mitbegleitet. Einige haben ihr Abitur gemacht und andere erlernten in Ausbildungen Berufe. Aber ab und an klappt eine dauerhafte Pflege nicht. Das ist aber eher selten.

Wie viele Kinder, die zur Pflege in eine Familie kamen, wurden anschließend adoptiert?

Das ist eine rechtliche Geschichte, zu der die leiblichen Eltern der Kinder ihr Einverständnis erklären müssen. Das gestaltet sich nicht immer einfach. Allerdings gibt es Adoptionen mit Volljährigen, die dann dieses Einverständnis nicht brauchen. Wir sprechen dann von einer Erwachsenenadoption. Zu beobachten ist aber, dass es in den letzten Jahren immer mehr zu Stiefkindadoptionen kommt. Mit Einverständnis der leiblichen Eltern adoptieren Familienangehörige diese Kinder.

Das mit der Adoption hat ja auch was mit dem juristischen Stellenwert eines Pflegekindes gegenüber den leiblichen Kindern zu tun, wenn es um Erbschaften geht.

Das stimmt. Aber das spielt eigentlich kaum eine Rolle, weil nach einer Adoption alle Hilfen, die begleitend laufen, wegfallen und das ist nicht gewollt. Von daher werden Kinder meistens erst nach der Volljährigkeit adoptiert.

Der Fürsorge und Verantwortung gegenüber dem Pflegekind tut das Ganze auch keinen Abbruch, wenn es nicht adoptiert wird? Ich frage mich nun mal, ob man nicht noch mehr Verantwortung übernimmt durch eine Adoption.

Ein Pflegevater, der auch ein leibliches Kind hat, sagte mir in einem Gespräch, dass er zwei Kinder hat, die er beide sehr liebt, aber auf unterschiedliche Weise. Die Zuneigung und Liebe leidet nicht unter einer fehlenden Adoption.

Danke Barbara für das Gespräch. Ich hoffe für alle Kinder, die auf der Suche sind, dass sich bald genügend Familien finden.
Danke euch.

INFO

SKF

Der Fachdienst des SkF e. V. Münster lädt Paare und Einzelpersonen ein, die sich für die Aufnahme eines Pflege- oder Adoptivkindes interessieren. An diesem Abend informieren die Fachkräfte: über die besondere Situation von Kindern, für die ein neuer Lebensort gesucht wird, über die Voraussetzungen und Vorbereitungswege, um Pflege-/Adoptiveltern zu werden, über das Leben mit einem Kind.

Autor Tom Feuerstacke / Illustration Thorsten Kambach / Fotos shutterstock

Erstmalig erschien dieser Text in Stadtgeflüster Interview November 2022

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