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Tim Schaepers fragt Annette Ehling was es mit verrückten Hutmachern auf sich hat

AKZENTE MIT KÖPFCHEN

Es gibt Berufe, die im letzten Jahrhundert immer mehr an Bedeutung verlieren – leider. Massenware von der Stange und von Übersee prägen zum Beispiel die Mode. Gut, dass es Menschen wie Annette Ehling gibt, die mit ihrer Arbeit Akzente setzt. Wer sich traut, mit einer handgefertigten Kopfbedeckung einem Outfit das gewisse Etwas zu verpassen, ist im Geschäft „Hutkunst Ana“ an der richtigen Adresse. Dort bekommt jeder nach seinem Geschmack und für jede Situation den passenden Hut.

Wenn ich an den Beruf ‚Hutmacherin‘ denke, denke ich zuerst an den Hutmacher aus „Alice im Wunderland“. Hast du das schon öfter gehört?

Das habe ich so in der Kombination noch nicht gehört. Aber der „Mad Hatter“ ist natürlich eine sehr bekannte Figur und was er trägt, ist auch wirklich sehr toll (lacht). Der Begriff „Mad Hatter“ für Hutmacher ist historisch begründet, da man früher zum Steifen der Hüte giftige Appreturen benutzt hat. Und vom Einatmen der Dämpfe wurden die Männer damals verrückt. Das war wahrscheinlich so wie Klebstoff schnüffeln (lacht).

 

Interessant. Dann hat die Verrücktheit der Figur einen wahren Hintergrund?

Der sogenannte „Mad Hatter“, wie die berühmte Figur aus dem Film auf Englisch heißt, kommt in der Tat aus der Branche. Und dass es damals Männer waren, liegt an der körperlich schweren Arbeit des Hutziehens. Frauen waren in der Regel für die weitere Verarbeitung, also den Putz, zuständig. Das kann man auch an der alten Berufsbezeichnung „Putzmacherin“ erkennen.

 

Wie kamst du dazu, so einen außergewöhnlichen Beruf zu wählen?

Ich habe erst ein Studium der Romanistik und Kunstgeschichte gemacht und schon immer gerne gemalt, gebastelt und genäht. Nun finde ich, dass die Kunstgeschichte und meine Hobbys im Beruf der Modistin, also der Hutmacherin, wunderbar zu verwenden sind. Der Beruf beinhaltet viele kunsthandwerkliche Techniken, die ich unglaublich interessant finde und die viel mit Wissen und Erfahrung zusammenhängen. Die Techniken entwickeln sich auch immer weiter, obwohl es ein solch altes Handwerk ist. Zudem haben mich die Gestaltungsfreiheit und die zahlreichen Materialien sehr fasziniert.

 

Seit wann übst du die Kunst des Hutmachens aus? Hast du gleich nach dem Studium damit angefangen?

Nach meinem Studium in Münster – ich habe Französisch und Spanisch, eben neben Kunstgeschichte auf Lehramt studiert, – wollte ich erst mal nicht in die Schule. Bei einem Arztbesuch habe ich in den Kleinanzeigen eines Magazins geblättert und las, dass es einen Hutlehrgang in der Schweiz gibt. Dort habe ich mich kurzerhand angemeldet und da war es um mich geschehen. Dieser Geruch von gedampftem Filz war sehr anregend (lacht). Dann habe ich versucht, weiter zu lernen.

 

Ist das ein klassischer Ausbildungsberuf?

In Deutschland ist das ein klassischer Ausbildungsberuf, genau. Ich habe hier allerdings keine Lehrstelle gefunden. Das war besonders hier in der Gegend sehr schwierig. In Süddeutschland zum Beispiel und Berlin gibt es sehr viel mehr Möglichkeiten. Im Süden des Landes ganz einfach wegen der Trachtenmode. Dann bekam ich jedoch die Chance, bei Marianne Jongkind in den Niederlanden ein Praktikum zu machen. Sie ist eine sehr berühmte Hutmacherin und arbeitet handwerklich perfekt. Ich hatte mich zunächst gar nicht getraut zu fragen, ob ich ein Praktikum bei ihr machen kann, weil ich dachte, dass sie sicherlich tausende Anfrage bekommt.

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Und es hat dann doch geklappt?

Ich hatte zuvor an einem Workshop von ihr teilgenommen und traute mich dann, sie eines Tages anzurufen und zu fragen. Da sagte sie nur: Ja Ana, kannst du morgen kommen? Dann ließ ich alles stehen und liegen und habe bei ihr angefangen zu arbeiten. Das war Mitte der Neunzigerjahre. In den vier Jahren bin ich drei Mal in der Woche nach Soest in Holland gependelt und zwei Tage in der Woche habe ich hier mein Geld verdient. In der Zeit habe ich viel gelernt, auch viel experimentelle Techniken, die man im normalen Hutgeschäft nicht braucht. Das lag daran, dass Marianne Jongkind auch Hüte für große Haute-Couture-Shows in den Niederlanden und Frankreich entworfen hat. Wir haben uns über die Jahre gut angefreundet und machen immer noch viel zusammen.

 

Nun sitze ich hier in deinem eigenen Laden. Gibt es den schon lange?

Nein, die Eröffnung war sechs Wochen vor dem ersten Lockdown. Ich wollte eigentlich nie einen Laden haben. Dann hatte ich 2019 so gute Presse, weil ich in London ausgestellt habe, dass Fernsehsender und Zeitungen über mich berichteten. Da dachte ich: Wenn das vorbei ist, sehen mich und meine Hüte wieder keiner oder nur wenige.

Das macht doch mit Sicherheit nervös, wenn man gerade erst einen Laden geöffnet hat und plötzlich muss man ihn wegen der Pandemie wieder schließen, oder?

Das hat mich insgesamt nervös gemacht, das stimmt. Das Geschäft ist zunächst super angelaufen. Während der Pandemie war ich dennoch immer optimistisch. Wobei wir gefühlt jede Krise mitgenommen haben. Erst der Lockdown, dann zwei schlechte Weihnachtsgeschäfte und dann der fürchterliche Krieg und zuletzt die Inflation. Dennoch bin ich mit dem Laden sehr zufrieden, den ich zusammen mit Elke Schrader betreibe. Sie ist Kürschnerin und hatte schon Erfahrung mit dem Betreiben eines eigenen Geschäfts. Das machte es für mich am Anfang einfacher, den Schritt zu wagen. Zudem ist die Lage echt super.

 

Das finde ich auch – hier, direkt an der Bergstraße unweit des Kiepenkerls.

Wir haben hier viel Arbeit investiert und den Laden renoviert. Zuerst hatten wir an einen Pop-up-Store gedacht, hätten es aber schöner gefunden, einen eigenen Showroom zu haben. Den haben wir jetzt und es ist wirklich schön. Das Feedback unserer Kunden ist auch sehr gut. Wir bekommen auch interessante Aufträge und ich fertige dann nach Kundenwunsch an.

 

Hier ist also alles handgemacht, nichts gekauft?

Nein, das mache ich nicht. Ich bin keine Händlerin. Die Hüte in meinem Laden sind alle handgefertigt.

 

Heutzutage sieht man Hüte – mit Ausnahme von Caps – eher selten auf den Köpfen der Menschen. Hast du eine bestimmte Klientel?

Altersmäßig ist meine Kundschaft gar nicht einzugrenzen. Es sind meistens Frauen, die etwas Eigenes, etwas Individuelles suchen. Frauen, die Spaß an Kleidung haben und sich trauen. Die Erfahrung habe ich des Öfteren gemacht, dass sich die Menschen nicht trauen, Hüte zu tragen und das finde ich schade. Ich meine, was soll schon passieren (lacht)? Es kommen immer mal Frauen in den Laden und sagen, ihnen stünden keine Hüte. Die konnte ich dann mit meiner Beratung und dem passenden Hut vom Gegenteil überzeugen. Viele Frauen kennen sich sehr gut mit Mode aus, aber nicht mit Hüten. Anders als unsere Großmütter, bei denen Hüte ja teilweise Pflicht war.

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Das bringt mich zu meiner nächsten Frage: Kaufen die Leute auch Alltagshüte oder eher Hüte zu besonderen Veranstaltungen? Ich denke zum Beispiel an Pferderennen, bei denen ja viele Frauen mit Hut auflaufen.

Oftmals kommen Frauen, die Hüte auf Hochzeiten tragen möchten, Brautmütter und Trauzeuginnen zum Beispiel. Ich mache nicht viel für Herren. Die kommen dann aber meist auch wegen solcher Anlässe zu mir und suchen was Klassisches. Es gibt aber auch viele Leute, die Hüte für den Alltag haben möchten. Hüte haben ja auch eine Funktion. Sie schützen vor dem Wetter: Im Sommer einen Strohhut zum Schutz vor der Sonne und im Winter einen warmen Filzhut zum Schutz vor der Kälte.

 

Du hast es gerade schon angesprochen: In Süddeutschland ist Hutmode wegen der Tradition verbreiteter. Da kommt mir der Tiroler in den Sinn. Im Norden denke ich an den typischen Elbsegler. Gibt es für die Region um Münster auch einen typischen Hut?

Eigentlich nicht. Man könnte den Kiepenkerl und seinen Hut hernehmen. Wenn das ein Wunsch eines Kunden wäre, würde ich so einen natürlich auch gerne machen.

 

Du bedienst also jeden Hutwunsch. Das sehe ich auch an deinem breit gefächerten Sortiment. Du hast auch Hüte, die nicht schützen, sondern als Accessoire dienen.

Hüte können auch etwas sein, was ein Outfit komplett macht. Hüte sind das dreidimensionale Tüpfelchen auf dem ‚I‘. Es hat mal jemand gesagt: Hüte sind der Akzent der Mode. Und der Satz trifft es ganz wunderbar.

 

Wie lange brauchst du für einen Hut?

Das ist sehr unterschiedlich. Manchmal muss ich einen Unterbau machen. Es kommt auch auf die Materialien und die Trockenzeiten an. Man arbeitet viel mit Dampf in der Produktion. Für einige Hüte brauche ich etwa zwei, für aufwendiger Gefertigte auch mal drei bis vier Tage.

 

Woher beziehst du deine Inspiration für deine Hüte?

Mich sprechen besonders Formen an. Besonders schöne Stoffe sind auch sehr inspirierend. Ich arbeite gerne mit Stroh und schönen Filzen. Die Struktur von Materialien kann mich ansprechen. Mit vielen Farben und Mustern arbeite ich auch sehr gerne.

 

Gibt es eine Person, für die du gerne mal einen Hut kreieren würdest?

Das ist eine sehr interessante Frage. Da habe ich noch nie drüber nachgedacht.

 

Ich denke da an eine sehr berühmte Hutträgerin, wie die Queen zum Beispiel. Oder so.

Ja klar. Für die Queen einen Hut zu entwerfen, das wäre natürlich ein Traum. Aber auch sonst für jemanden aus dem Britischen Königshaus. Ich finde, die Maxima aus den Niederlanden trägt immer sehr schöne Hüte, – das wäre auch toll. Ich könnte mir aber auch gut vorstellen, für die Herren der Schöpfung Hüte zu machen, wie Max Raabe oder Boy George, der ja in die Punk-Richtung geht; das würde mir sehr viel Spaß machen.

 

Jetzt bin ich heute zum ersten Mal in einem Hutgeschäft und treffe zum ersten Mal eine Hutmacherin und du hast ein Tuch auf dem Kopf?

Das war mir klar, dass du das ansprichst (lacht). Ich trage fast immer eine Kopfbedeckung, aber wenn ich hier bin und ein Gefühl von Arbeit habe, dann trage ich sehr gerne Haarbänder. Die halten meine Haare zurück und stehen mir auch gut, wie ich finde. Ansonsten trage ich alles an Hüten. Für mich ist ein Outfit ein Gesamtkonzept.

 

Vielleicht erlebt der Hut ja eine Renaissance. Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interesse ist in den letzten Jahren gestiegen, wie ich finde. Dir auch vielen Dank.

INFO

Annette Ehling

Die 1961 in Borken geborene Annette Ehling lebt seit 1980 – mit Unterbrechungen durch Auslandsaufenthalte in Frankreich und Spanien – in Münster. Nach ihrem Lehramtsstudium machte sie ein Praktikum bei einer berühmten Hutmacherin in Holland. 2019 eröffnete sie zusammen mit Elke Schrader einen eigenen Laden in der Bergstraße. Neben ihrem Beruf lehrt Ana an einer Schule in Steinfurt Spanisch und Kunst.

Autor Tim Schaepers / Illustration Thorsten Kambach / Fotos Annette Ehling

Erstmalig erschien dieser Text in Stadtgeflüster Interview November 2022

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