Tom und Anne Gellinek besprechen Europas Machtzentrale


Wenn man Journalist wird, möchte man informieren und Menschen an den erfahrenen Sachverhalten teilhaben lassen. Oft endet man in einer kleinen Redaktion und transportiert die Geschehnisse von Schützenfesten und goldenen Hochzeiten an jene, die es interessiert. All das hat seine Daseinsberechtigung und tut auch not. Wenn man gute Arbeit liefert und sich anstrengt, leitet man am Ende eine kleine Redaktion. Spannend wird es, wenn diese Redaktion in Moskau oder Brüssel liegt und man sich täglich in der Machtzentrale der Politik befindet. Man nicht das Thema suchen muss, um es zu produzieren, sondern die Nachrichten einem zufliegen. Eine Form von Journalismus, der einen 24 Stunden in den Bann zieht.

HALLO NACH BRÜSSEL

WIR SCHALTEN INS ZDF-STUDIO NACH BRÜSSEL

Anne, zum Studium warst du in Münster. Wie lange hast du in unserer wunderschönen Stadt gelebt? 

 

Das ist eine sehr peinliche Frage, weil ich sehr lange studiert habe. Also zehn Jahre werden das schon gewesen sein. 

Damit bist du ja im Prinzip Münsteranerin, auch wenn du gebürtig aus Mülheim an der Ruhr stammst?

 

Wahlmünsteranerin würde ich sagen. Ich komme aus dem Ruhrgebiet und mich hat Münster damals wahnsinnig beeindruckt, weil das so eine Puppenstubenstadt ist, in der alle Rad fuhren. Ich wollte aus dem Ruhrgebiet weg. Hinterher habe ich meiner Heimat Abbitte getan, weil ich fand, dass das Ruhrgebiet auch sehr viele spannende Dinge zu bieten hat. Aber damals wollte ich unbedingt nach Münster. 

Du bliebst nicht in Münster, sondern machtest dich auf den Weg in die schöne Stadt Moskau, um auch dort dein Studium voranzutreiben?

Nach Moskau ging es zu den Zeiten der Sowjetunion. Da habe ich an einem Institut für russische Sprachen studiert. 

Heute bist du Chefin im Hauptstadtbüro des ZDF in Brüssel. Was macht die leitende Journalistin im Zentrum der europäischen Politik? 

Ich berichte darüber, wie die Europäische Union sich zusammenfindet, sich manchmal auch streitet und weiterentwickelt. Das mache ich zusammen mit drei weiteren Kollegen. Wir sind zu viert im Studio Brüssel. Ich bin die Chefin, das heißt, dass ich neben der Berichterstattung auch noch ein paar organisatorische Dinge erledigen muss. Es bedeutet auch, dass ich mir manchmal aussuchen darf, welche Berichte ich machen darf.

Wie viel Zeit bleibt dir denn für den Journalismus bei der ganzen administrativen Arbeit, die du als Studioleitung leisten musst?

Manchmal gebe ich Interviews so wie jetzt (lacht). Aber man muss wissen, dass wir in den Auslandsstudios keine riesige Redaktion haben. Wir sind 17 Menschen und ich muss mich nicht großartig mit Vertragsverhandlungen auseinandersetzen. Es ist schon so, dass ich mich hauptsächlich mit der Berichterstattung beschäftige. Der Orgakram hat noch einen sehr überschaubaren Aufwand. Natürlich musste ich mich intensiv darum kümmern, wie wir in Coronazeiten berichten und uns organisieren.

Wenn man in ein Hauptstadtstudio berufen wird. An welcher Stelle liegt Brüssel auf der Wunschliste einer Journalistin?

Ich glaube ziemlich weit oben, weil es ein superinteressantes Studio ist. Die Journalistin ist in Brüssel sehr präsent. Du musst dich eigentlich nie bemühen, mit irgendwelchen Geschichten ins Programm zu kommen. Es ist so, dass dir die Redaktionen die Geschichten aus den Händen reißen. Da hat es die Kollegin in Südafrika sicherlich etwas schwerer ins Programm zu kommen. Bei uns ist es eher wie in Washington. Sobald in der EU etwas passiert, sind wir auf dem Sender. Und wir wollen ja berichten. 

Du hast das Handwerk Journalismus von der Pike auf gelernt. Du hast Dokumentationen produziert, die 45 Minuten lang waren und viel Hintergrund geliefert haben. Vermisst du es manchmal, dich länger mit einem Thema zu befassen?

Wir haben gerade eine 45-minütige Dokumentation gedreht mit dem Titel "Der europäische Patient. Wie ein Virus den Kontinent verändert hat." Für diesen Film sind mein Kollege Stefan Leifert und ich durch ganz Europa gereist und haben geguckt, welche Bruchstellen in Europa durch Corona sichtbar geworden sind. Ja wir machen noch lange Filme. Es gab auch einen über den Brexit. Das reportieren, was ich in Moskau gemacht habe, dass ich nach Sibirien fahre mit dem Boot und fünf lange Tage nicht erreichbar bin, das mache ich hier natürlich nicht. Das vermisse ich manchmal. Hier stehe ich sehr viel vor verschlossenen Türen und muss rausfinden, was dahinter geschieht. Das ist eine andere Art von Journalismus. 

Ich bin mit der Gründung der Europäischen Union groß geworden und kann mich noch gut daran erinnern, wie froh wir über die Währungsunion waren und das Öffnen der Grenzen und die daraus folgende Freizügigkeit. Heute hat man das Gefühl von Bruch und Dallas. Die Briten verabschieden sich. Orban nervt und auch die polnische Führung zeigt sich nicht sehr kooperativ. Und der Herr Kurz in Österreich ist sauer über Deutschlands Flüchtlingspolitik. Wie erlebst du Europa im Zentrum ihrer Macht? 

Genauso. Ich bin seit fünf Jahren in Brüssel. Meine Arbeit begann 2015 mit der Griechenlandkrise und der Frage, ob das Land in der EU bleiben kann. Das ging über in die Flüchtlingskrise und wurde dann vom Brexit abgelöst. Was ich damit sagen will, dass meine Zeit hier in Brüssel hauptsächlich aus Krisenberichterstattung besteht. Das heißt, dass die Europäische Union in einer permanenten Schieflage war und ist. Das muss man nicht beschönigen. Das ist eine wahnsinnig schwierige Zeit für die EU gewesen und vielleicht ist es gelungen mit dem großen Hilfspaket in dieser Coronapandemie einen kleinen Schritt, aus der Krise rauszumachen.

Die kleinen Länder wurden durch das geschnürte Hilfspaket ruhiggestellt. Auf mich wirkt das Ganze mehr wie ein Burgfrieden. Alle konzentrieren sich auf die nächsten Streitereien?  

Klar ist das ein Burgfrieden und die kleineren Länder haben ihre Interessen sehr stark durchgesetzt. Man darf einfach nicht vergessen, dass die Europäische Union eine riesige Kompromissmaschine ist. Das ist eine Union, die gegründet wurde, um die Interessen zwischen den Ländern auszugleichen. Das gelingt mal besser und mal schlechter. Das ist so und das muss man auch gar nicht romantisch verklären. So ist sie gegründet und verfasst und deshalb gibt es manchmal auch wahnsinnigen Stress. 

Woran machst du diesen eventuellen kleinen Türspalt aus, der sich geöffnet hat?

Fakt ist, dass diese Pandemie erstmal die schlechten Seiten der EU hervorgebracht hat, mit Grenzschließungen, Exportbeschränkungen und jeder hat zuerst an sich gedacht. Niemand wollte wen Fremdes um sich und wollte auch seine Masken nicht verschicken. Das ist einem Verständnis gewichen, dass man in Europa wahnsinnig aufeinander angewiesen ist und dass die europäische Interessengemeinschaft mehr Vorteile als Nachteile bringt. Aber am Ende kommt ein kleines Ergebnis dabei raus. 

Die Briten haben ernst gemacht und scheren aus der EU aus. Eine politische Mamutaufgabe für das Bündnis. Eine riesige Nummer für die Journalisten?

Das war natürlich ein Schock und das hat hier in Europa niemand wirklich vorausgesehen. Dass die Briten so stimmen würde, war nicht zu erwarten und wirklich ein Schock für die Spitzen der EU. Wir Journalisten haben es auch nicht erwartet. Das Drama ist allerdings noch nicht zu Ende und wir wissen nicht, wie dieser Austritt aussehen wird, der gerade wieder verhandelt wird. Das kann noch sehr bitter werden. Ich glaube, dass gut sein wird für Großbritannien. Die viel beschworene Souveränität von Boris Johnson, von der er redet. Wie er ausführt, dass sie sich endlich aus den Fesseln der EU befreien und wieder tolle Wirtschaftsverträge machen können. Ich vermute, dass das eine totale Illusion ist. Es entspricht vermutlich nicht der Wahrheit, dass Großbritannien jetzt durchstarten kann und vorher gebremst wurde von Europa. 

Verrate mir mal Anne. In Brüssel laufen ja nicht nur Spitzenpolitiker rum. Sondern auch Politiker, die ordentlich nerven und niemand weiß, warum sie da sind. Wobei Spitzenpolitiker sicherlich auch nerven können. Kommen bei euch eigentlich alle zu Wort?

Ja. Es geht darum, die Diskussion in Europa abzubilden, und dafür müssen natürlich auch die zu Wort kommen, die Europa von innen bekämpfen, wie die Rechtspopulisten im Europaparlament. Mein Job ist es darzustellen, wie das Meinungsspektrum ist, und dazu gehören eben auch Leute aus radikalen Parteien, die die EU abschaffen wollen.

Vermutlich ist deine Aufenthaltszeit in Brüssel beschränkt. Wo würdest du dir wünschen, wohin deine journalistische Reise geht?
 

Natürlich haben wir zeitlich begrenzte Verträge und meine läuft in einem Jahr aus. Ehrlich gesagt, keine Ahnung, wo es dann hingeht. Ob es nochmal ins Ausland geht oder in die Zentrale, das weiß ich nicht.

Du warst natürlich mit Münster in der schönsten Stadt der Welt… 

…(lacht) das stimmt. Aber da gibt es ja leider kein ZDF-Studio…

…aber gibt es in deinen Gedankenspielen gar nichts, dass dich noch reizt?

Mit Moskau und Brüssel habe ich mir zwei Träume erfüllen können und lasse das jetzt alles ganz locker auf mich zukommen.

Anne Gellinek

Die 1962 in Mülheim an der Ruhr geborene Journalisten hat mit vielen spanenden Reportagen Zuschauer begeistern können. Sie war Chefin des ZDF-Studios in Moskau. Beute leitet sie das Studio des ZDF in Brüssel und begeistert immer noch.

Interview Tom Feuerstacke / Illustration Thorsten Kambach

Foto: Copyright: ZDF/Rico Rossival, Honorarfrei für redaktionelle Berichterstattung inkl. SocialMedia bei Nennung ZDF und Rico Rossival.

Erstmalig erschien dieses Interview in Stadtgeflüster Interview

Januar 2019

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