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Tim Schaepers spricht mit Tobias Sudhoff über Künstler, die Ferrari fahren 

NAHRUNGSMITTELWENDEZEIT

Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten, oder doch?
Tobias Sudhoff kocht, schreibt, musiziert, unterrichtet, bringt Menschen zum Lachen und dreht sich bei seinen Shows schon mal auf dem Kopf. Der Studienabbrecher ist ein Tausendsassa, der wenig schläft und einen Plan hat, die Welt zu einem lebenswerteren Ort zu machen. Für den passionierten Gourmet geht das natürlich über den Gaumen. Wie das funktionieren soll und was sein medizinisches Wissen damit zu tun hat, erklärt der Conférencier im Gespräch mit Tim Schaepers.

Was machst du beruflich?

Ich habe mir auf meine Visitenkarte „Diversionist“ drucken lassen. Das trifft es am besten. (lacht)

 

Das denke ich auch. Du bist Koch, Autor, Musiker, Comedian beziehungsweise Kabarettist. Welcher Begriff ist dir diesbezüglich am liebsten?

Ich finde es überflüssig, eine Trennung vorzunehmen. Die Comedians, die behaupten, überhaupt nicht politisch zu sein, sind oft genug politisch oder gesellschaftskritisch. Ich arbeite in der schönen alten Tradition des Lustigseins und es ist mir egal, wie man es nennt.

 

Ich habe gelesen, der Begriff Clown würde ebenfalls zutreffen?

Clown passt überhaupt nicht. Ein Clown nimmt eine Rolle ein und schminkt sich, sodass er nicht mehr zu erkennen ist. Und das ist genau das Gegenteil von dem, was ich tue. Auf der Bühne bin ich leider ich. Und wer mich nicht mag, der mag mich auch auf der Bühne nicht. (lacht)

 

Du hast studiert, unter anderem Niederlandstudien?

Ja, ich habe einige Jahre in Amsterdam gelebt und daher kommt auch die Affinität zum Kabarett und zum Jazz. In Amsterdam ist das Alltag. Künstler und Musiker sind dort normale Berufe. Lange Zeit war es so, dass du hier gefragt wurdest: „Was machst du beruflich?“ Und darauf antwortest: „Ich stehe auf der Bühne und erzähle Lustiges.“ Dann sagen die Leute: „Haha, aber wovon lebst du?“ In den Niederlanden fragt man: „Und, fährst du schon Ferrari?“ Da gibt es auch diese Unterscheidung zwischen Kabarett und Comedy nicht.

 

In deinem Programm bist du jedenfalls kritisch gegenüber der Politik.

Aber ich mache nicht dieses strenge Kabarett, in dem die Parteien angeklagt werden. Das ist typisch deutsch. Ich mache Gesellschaftskritisches und kritisiere natürlich auch die Politik, aber ich bin nicht Anti-CDU oder Anti-FDP. Wobei das die Kandidaten sind, bei denen ich eher kritisch wäre.

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Medizin und Philosophie hast du auch studiert. In den Niederlanden oder in Deutschland?

Alles in Münster. Ich bin übrigens fröhlicher Studienabbrecher. Ich bin gar nichts, ich habe keine Ausbildung.

 

In einem Interview habe ich gelesen, du hättest zum Wohle der Menschheit aufgehört zu studieren?

(Lacht) Das ist korrekt. Ich interessiere mich sehr für Neurobiologie. Wie aus einer unbewussten Zelle über die Verschaltung mit hundert Milliarden anderen ein Bewusstsein entsteht, ist eine ziemlich skurrile Sache. Wie das wirklich funktioniert, wissen wir bis heute nicht. Da es damals den Studiengang Neurobiologie nicht gab, habe ich Medizin studiert. Ich hatte einen extrem guten Medizinertest hingelegt und bin in den oberen 0,5 Prozent gewesen. Wie ich das hinbekommen habe, weiß ich nicht – zumal ich am Tag davor gesoffen hatte. (lacht)

 

Vielleicht deswegen?

Vielleicht. (lacht) Manchmal hilft das. Doch dann habe ich festgestellt, dass Medizin gar kein wissenschaftliches Fach ist. Dann habe ich gemerkt, dass ich einen Haufen Begriffe in den Kopf getrichtert bekommen habe. Nach zweieinhalb Jahren war dann die Luft raus. Dadurch habe ich Teile meines Gehirns – also Speicherplatz – verballert für Wörter wie: Musculus sternocleidomastoideus. Das ist der größte Halsmuskel.

 

Wer weiß. Vielleicht sitzt du irgendwann bei „Wer wird Millionär?“ und bekommst diese Frage gestellt.

Stimmt! Das wärs. Dafür habe ich Medizin studiert. (lacht) Nein, aber Arzt wollte ich sowieso nie werden. Damals sah ich die Menschen eher missmutig und hoffnungslos, was sich aber gewandelt hat. Ich habe immer mehr das Gefühl, dass wir eine Veränderung schaffen können.

 

Das wird sich vielleicht in den nächsten vier Jahren mit einer neuen Regierung zeigen.

Politisch ist Deutschland natürlich nur ein Pups in der Welt – aber wenigstens etwas. Oft ein vorbildlicher Pups. Doch wenn wir pupsen, stinkt es meistens, wie wir nach zwei Weltkriegen wissen. Im Jahr 2050 etwa werden wir eine Stagnation in der Kurve der Weltbevölkerung erleben. Wenn wir diesen Steady State erreicht haben, können wir gucken, ob wir überhaupt überlebensfähig sind. Dass wir eine Überlebensfähigkeit entwickeln als globale Gemeinschaft, müssen wir jetzt organisieren. Das ist unsere letzte Chance und unsere Aufgabe.

 

Dein neues Programm heißt „Iss was?!“, eine Musik-Kabarett-Show. Wie muss ich mir das vorstellen? Gibt es mal was auf die Ohren und mal was für die Lachmuskeln?

Teils, teils. Mal im Wechsel, mal parallel. Es ist sehr bunt. Mit mir spielen der Schlagzeuger Willy Ketzer und der Bassist Paul G. Ulrich. Willy Ketzer war ein Drummer von Helge Schneider und Mitglied des legendären Paul-Kuhn-Trios, dem auch Paul G. Ulrich angehörte. Mit beiden Musikern arbeite ich seit vielen Jahren vertrauensvoll und sehr glücklich zusammen.

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Also geht es in die Jazz-Richtung?

Nicht nur. Wir haben auch ein Hip-Hop-Stück und ich mache sogar einen Headspin auf der Bühne. Es ist wirklich eine sehr abwechslungsreiche Show. Doch Hip-Hop ist nur ein kleiner Teil, denn das Publikum ist ja in meinem Alter und älter.

 

Na ja, es gibt viele Künstler in dem Genre, die bereits älter sind als du. Bei Wikipedia steht, du bist 1972 geboren, richtig?

Ich rede nie über meinen Jahrgang. Aber so viel sage ich: Bei Wikipedia steht eine Lüge. Das Alter klassifiziert Menschen und ich möchte keine Klassifikation. Noch mit 100 Jahren möchte ich sagen können, dass ich ein Restaurant in der Toskana eröffne.

 

Ohne dass jemand sagt, du wärst dafür zu alt?

Genau. Ich will nicht, dass Leute sagen: Mit 20 bist du zu jung und irgendwann zu alt für etwas. Es ist eine fucking Zahl und ich mache, wonach ich mich fühle.

 

Was ist denn das Kernthema deines Programms? Du bist Koch und der Titel lässt vermuten, dass es ums Essen geht.

Die Nahrungsmittelwende – übrigens ein Begriff, den ich vor vielen Jahren geprägt habe. Über das Thema habe ich mal einen TEDx-Vortrag gehalten. Darüber, dass Spitzengastronomen die Welt retten, aber mit Geschmack. Wir müssen nicht alle Veganer oder Vegetarier werden, sondern „Qualitarier“. Wir werden die Welt nicht mit erhobenem Zeigefinger verändern. Wir müssen zeigen, dass die Alternative so viel geiler ist. Ich möchte den Menschen erklären, wie man mit Gemüse so tolle Sachen machen kann, dass man in den Himmel fliegt. Nur darf das nicht elitär werden. Das müssen wir für alle ermöglichen. Und Spitzenköche haben in der Vergangenheit bereits Trends gesetzt, die Einzug in Küchen aller Schichten gefunden haben.

 

Du bist auch an der FH Münster unterwegs. Was genau machst du dort?

Ich leite ein Projekt namens „Social Kitchen“, welches wir versuchen zu installieren. Das ist eine Gruppe aus Politik, Wirtschaft und der Hochschule. Mir wurde oft der Vorwurf gemacht, gutes Essen könnten sich nur Besserverdiener leisten. Mit dem Projekt möchte ich zeigen, dass das nicht der Fall ist.

 

Was genau ist „Social Kitchen“ denn?

Das sollen Küchen im öffentlichen Raum sein, in denen Menschen unter Anleitung mit ganz wenig Geld Spitzengastronomie erleben und selber machen können. Außerdem wollen wir zeigen, wo man Lebensmittel biologisch korrekt kaufen oder zum Beispiel im Wald selber sammeln kann. Die Idee ist, die Gemeinschaft als Kraft zu entdecken und den Geschmack zu implementieren, um einen gesellschaftlichen Wandel zu erreichen. Außerdem werde ich mit meinen Studierenden ein Kochbuch veröffentlichen, für Menschen, die nur sehr wenig Geld zur Verfügung haben. In dem Buch steht, wie man gesund, ökologisch, nachhaltig und sternegastronomieverdächtig lecker kochen kann.

 

Apropos Gastronomie. Mit dem Restaurant „Westfälische Stube“ hattest du einen Michelin-Stern. Jetzt hast du ein neues, die „Neue westfälische Stube“. Greifst du mit deinem Team wieder nach den Sternen?

Nein, überhaupt nicht. Das ist zu zeitintensiv und dafür müsste ich einen festen Laden haben. Die „Neue Westfälische Stube“ ist ein Pop-up-Restaurant. Mein Team und ich kochen einmal im Monat im „Smells Like“ von Erkan Ular. Außerdem sind wir auch immer mal in anderen Küchen und kochen von unserer Karte.

 

Als wäre das nicht alles genug, bist du außerdem als Musiker mit dem SingAlong auf Tour gewesen. Das ist gemeinschaftliches Singen mit Publikum?

Richtig. Mit Gereon Homann am Schlagzeug und ich am Piano. Wir singen beide mit dem Publikum und sind in ganz Deutschland unterwegs. Aktuell natürlich nicht. Denn Rudelsingen heißt, sich gegenseitig mit Aerosolen anzuhusten, und das ergibt ja keinen Sinn.

 

Und was spielt ihr so? Ich habe gelesen, von ABBA bis Zappa ist alles dabei.

Alles. Inklusive Heavy Metal.

 

Wie ist denn die Publikumsstruktur bei einem so weitgefassten Bereich?

Ich sage es mal so: Wenn du ein Mann, Single und zwischen 40 und 60 Jahre alt bist, dann solltest du auf diese Veranstaltungen gehen.

 

Und wie fühlt es sich an, wieder auf der Bühne zu stehen, nachdem so vieles ausfallen musste?

Der Kontakt zum Publikum hat mir sehr gefehlt. Und vor den ersten Malen war ich angespannter, als ich dachte. Es brauchte etwas, um wieder in den Flow zu kommen. Aber was wirklich geschmerzt hat, war, nicht mit meinen Musikern zusammen musizieren zu können. Das ist unfassbar, was einem da verloren geht. Dieses Gefühl, mit Menschen auf der Bühne zu stehen und miteinander über Musik zu kommunizieren.

 

Konntest du im Lockdown mal runterfahren und dich entspannen?

Furchtbar! Gar nicht. Denn ich bin von einem guten Einkommen als Künstler von einem auf den anderen Tag auf null gefallen und musste mich neu erfinden. Ich konnte dann durch Kontakte der Fachhochschule und auf Eigeninitiative als Produktentwickler arbeiten. Das habe ich früher auch schon gemacht.

 

Wie bekommst du alles unter einen Hut?

Die einzige Antwort darauf lautet: Schlafmangel. Und wahrscheinlich ein nicht entdecktes ADHS oder so. (lacht)

 

INFO

Tobias Sudhoff

In den Jahren 2018-2019 übernahm Tobias Sudhoff das Sternerestaurant „Westfälische Stube“. Seine ersten Bühnenerfahrungen machte er in den Neunzigern in Amsterdam. Heute trifft man ihn auf den Bühnen dieses Landes mit seinen Shows als Entertainer und Musiker. Außerdem unterrichtet er an der Fachhochschule Studierende der Ökotrophologie und arbeitet als Produktentwickler in der Lebensmittelindustrie.

Autor Tim Schaeppers / Illustration Thorsten Kambach / Fotos Pressefotos

Erstmalig erschien dieser Text in Stadtgeflüster Interview November 2021

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