Chiara Kucharski im Stadtgeflüster Interview mit Sabrina Tietz

Chiara Kucharski spricht mit Fotografin Sabrina Tietz, die in Münster ökologische Arbeit der besonderen Art betreibt. Was genau es heißt, wenn eine Braut „ganz in grün“ heiratet und ob es trotzdem Laune macht, wenn man feiert, als gäbe es ein Morgen, erfahren wir von ihr. Von Naturschutzprojekten, nachhaltigen Möglichkeiten in der Fotobranche und lokalem Engagement mit umweltfreundlichen Unternehmen: Bei dieser sympathischen Frau ist alles im grünen Bereich.

RINGFINGER TRIFFT GRÜNEN DAUMEN


Wie entwickelte sich dein Gedanke, als Fotografin nachhaltig zu arbeiten?
Nachhaltigkeit ist ein großes Thema, das mich persönlich sehr beeinflusst. Ich bin Naturmensch durch und durch, gerne draußen und möchte meinen Teil dazu beitragen, dass wir die Natur und unsere Lebensgrundlage erhalten. Der Punkt, an dem ich mich selbständig gemacht habe, war auch der Start, an dem ich wusste, ich möchte auch dort nachhaltig handeln.

Wie sieht das im Konkreten aus?
Das lässt sich zum Beispiel dann vereinbaren, wenn ich mir Fotografie-Technik zulege, die ich auf dem Gebrauchtmarkt kaufe, aufbereiten und warten lasse. Dass ich zu Shootings mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreise und bei jedem Auftrag, einen Teil an Naturschutz-Organisationen spende, wie die NABU-Naturschutzstation hier in Münster. Ich kompensiere meinen gesamten Co2-Ausstoß, der so anfällt. Damit sich das Ganze auch von vorne bis hinten durchzieht.

Du hast also wirklich alle Prozesse möglichst nachhaltig aufgestellt?
Ja, auch in der Digitalisierung, indem ich Drucksachen vermeide oder wenn etwas anfällt, es in der Umweltdruckerei gedruckt wird. Oft geht das auch von den Kunden aus, dass sie sagen, sie wollen auf Nachhaltigkeit achten. Die nicht möchten, dass nach der Hochzeit ein riesiger Müllberg anfällt oder anstatt nach Italien zu reisen, wird regional geheiratet. Das ist natürlich spaßig, wenn ich dann in genau die Richtung weiter beraten kann. 

In der Fotografie ist das „Trend-Thema“ noch wenig verbreitet. Erreichst Du mit deinem nachhaltigen Angebot viele Leute?
Das ist 50/50, würde ich sagen. Es gibt viele, die mich über Instagram „Hashtag Hochzeitsfotografin“ finden und dann ganz neu auf das Thema gestoßen werden. Einige Paare wollen einfach „nur“ Fotos und Nachhaltigkeit interessiert sie nicht so sehr. Andere werden aber auch gerade erst über die grüne Schiene auf mich aufmerksam. Vor einiger Zeit war ich auf der Nachhaltigkeitsmesse „Autarkia“ mit einem Stand vertreten, da kommen dann viele mit genau dem Gedanken, umweltbewusst zu feiern.

Was müsste sich im Bereich grüner Hochzeitsfotografie noch ändern?
Momentan gibt es nicht wirklich viele Plattformen, wo sich nachhaltige Dienstleister bündeln. Es starten aber gerade einige Portale, „The Eco Wedding“ ist da eine. Die sind eben noch sehr klein. In Hamburg sollte 2020 die erste nachhaltige Hochzeitsmesse stattfinden, die fiel dann natürlich aus. Schwierig ist, dass Menschen nicht auf dem Schirm haben, dass es dieses Angebot gibt. Niemand gibt „Nachhaltiger Hochzeitsfotograf“ in Suchmaschinen ein.

Wie werden Hochzeiten „grün“ und nachhaltig?
Ein Aspekt ist das Hochzeitskleid. Soll es eines sein, dass man genau einen Tag lang trägt und dann hängt es im Keller? Oder kann ich auf den Second-Hand-Markt gehen? Wenn es ein neues Kleid sein soll, muss es dann eines sein, dass in den USA oder in Asien geschneidert wurde oder kann ich eines aus Deutschland nehmen.

Also möglichst regional, um Transportwege zu sparen …
Wir haben auch in Münster ein Brautkleid-Atelier, das Kleider schneidert oder auch Brautkleid-Studios, wie in Hannover, die mit komplett nachhaltigen Materialien arbeiten und die Mode rein vegan herstellen, wo beispielsweise keine Seide verwendet wird. Das sind so Aspekte, auf die man achten könnte. Das gilt für den Anzug natürlich genauso. Ein weiterer Punkt wären die Eheringe. Möchte man da auf konventionelles Gold setzen …

Oder…
Es gibt mittlerweile auch zertifiziertes Fair-Trade-Gold, womit viele Goldschmiede arbeiten, oder wäre Recycling-Gold eine Alternative? Was ich auch charmant finde, ist, alten Familienschmuck, den keiner mehr trägt, einschmelzen zu lassen und daraus die Ringe zu fertigen. Finde ich eine total schöne Sache.  

 

Haben Paare oft feste Vorstellungen oder wirst Du quasi zum Wedding Planner?
Im Fokus steht bei mir natürlich immer die Fotografie. Ich bin ganz klar kein Hochzeitsplaner, die können da noch viel mehr in die Tiefe gehen. Aber ich habe schon ein Netzwerk an Unternehmen, die nachhaltig arbeiten und da wird dann auch gern vermittelt und kooperiert. Es gibt viele Paare, die machen sich von vorne bis hinten Gedanken.

Wie sehen die, abgesehen von der Brautausstattung, dann aus?
Von den Einladungskarten, die recyclebar oder einpflanzbar sind, die regional gedruckt werden, über das Essen, die Location, den Gästetransport. Dass man zum Beispiel einen Bus mietet und nicht jeder mit dem Auto fährt. Ich finde aber auch, es muss nicht immer alles sein. Das sage ich auch oft. Es bringt schon so viel, wenn jeder auch nur ein bisschen etwas macht und sich dem Thema mit den Schritten nähert, die passen.

So dass es nicht zu dogmatisch wird.
Genau, wenn ich auf keinen Fall nur Vegetarisches anbiete, weil ich möchte, dass meine Gäste da Fleisch essen können, dann soll einem keiner etwas vorschreiben. Das Ganze soll ja Spaß machen und in der Art auch widerspiegeln, wie die Paare leben.

Also wird genauso ordentlich auf die Pauke gehauen?
Auf jeden Fall! Die Feiern sind immer sehr lustig. Es sind schon sehr klassische Hochzeiten. Vor 10 Jahren hätte man vielleicht gesagt, da laufen alle in Jutesäcken herum und es wird nur Salat gegessen, da hat man ja heute so tolle Alternativen, dass Du deine Hochzeit genauso feiern kannst und es gar nicht weiter auffällt, dass es nachhaltig ist.

Fotografieren geht ja zum Glück auf Abstand … Kannst immerhin Du aktuell normal arbeiten?
In der Regel begleite ich etwa 20 Hochzeitspaare im Jahr, manchmal ein paar mehr und letztes Jahr konnten davon nur drei Hochzeiten stattfinden. Jetzt sind für dieses Jahr viele Anfragen da, aber ob und wie viele davon dann auch stattfinden, im April, Mai, Juni, das steht ja noch in den Sternen. 


Hast Du einen Alltag?
Da sind Hochzeiten einfach Saisongeschäft, in der Regel so von April bis Oktober wird geheiratet. Wenn dann die Hochzeitssaison da ist, und die ersten Aufträge anfangen, dann bin ich hier echt am Schwitzen. (Lacht.) 


Wow, das klingt nach Arbeit.
Von einer Hochzeit komme ich meist mit 3000-4000 Bildern zurück. Da werden dann die 500 oder 600 Besten ausgesucht und bearbeitet. Es gibt von mir eine Onlinegalerie oder auch nachhaltig gefertigte Hochzeitsalben. Dann hat man vielleicht den Freitag Zeit, um noch ein bisschen Verwaltungsarbeit zu machen. 


Aus welchem Material bestehen diese nachhaltigen Alben?
Das Papier, auf das die Fotos aufgedruckt werden, wird aus Baumwollresten aus der Textilherstellung gefertigt. In der Baumwolle sind rund um die Samen kurze Fasern – so genannte Linters – enthalten, die sich nicht zum Spinnen eignen. Die wurden früher weggeworfen. Darauf haben sich Papierhersteller spezialisiert, aus diesen Fasern ihr Papier herzustellen. Das wird dann mit mineralischen Farben bedruckt, die komplett Erdöl-frei sind und unglaublich haltbar sind.

Wie haltbar etwa?
Diese Alben kannst Du echt noch vererben. Die Farbpigmente wurden getestet, sie zerfallen nicht und sind über 100 Jahre haltbar. Das Ganze wird in einer Buchbinderei, ganz handwerklich noch in Stoffe nach Wahl gebunden, was auf dem Privatmarkt so gar nicht verfügbar ist.

Durch moderne Technik wird heute fast jeder zum semiprofessionellen Hobbyfotografen. Merkst Du das in deiner Branche?
Auf jeden Fall. Aber ich habe auch selbst mal über die nebenberufliche Schiene angefangen, das will ich gar nicht verheimlichen. Das ist natürlich auch eine Riesen-Verantwortung. Gerade bei Hochzeiten, ist es die große Aufgabe, an dem Tag, der sich nicht wiederholen lässt. Da sollte man routiniert reagieren können, wenn es in einer Kirche stockdunkel ist oder andere Dinge unerwartet passieren. 

 

Das Risiko wäre dann einfach da?
Genau. Kürzlich habe ich noch von einem Paar gehört, die organisierte Person sei einfach nicht gekommen. Das ist leider kein Einzelfall. Dass Leute gar nicht auftauchen, ist natürlich schon eine harte Nummer. Aber dass der Umgang mit der Kamera nicht stimmt, die Bilder zu dunkel sind oder verschwommen… Es gibt sicherlich auch viele Hobbyfotografen, die wahnsinnig tolle Arbeit abliefern, das will ich gar nicht kleinreden.

Das routinierte Handwerk macht den Unterschied, auch preislich.
Die Preise unterscheiden sich natürlich enorm. Das ist schon etwas, das professionellen Fotografen vielleicht manchmal auf den Magen schlägt, die sind natürlich nicht konkurrenzfähig, wenn ich für eine Hochzeit 40 Stunden arbeite und die auch irgendwie bezahlt bekommen muss, mit allem, was da dranhängt.

Was blättert man da so auf den Tisch?
Da liegt man dann bei einer Tagesreportage locker bei 2.000 Euro. Wenn ich dann einen Hobbyfotografen habe, der dir das für 600 Euro anbietet, dann sind die Paare natürlich auch verwirrt, wie es zu solch unterschiedlichen Preisen kommt. Ich habe ja dafür jahrelang gelernt.

Wie sähe deine optimale Feier aus?
Also ich habe schon geheiratet. Aber ich muss ganz ehrlich sagen, wenn ich heute nochmal heiraten würde, würde ich es wahrscheinlich ein bisschen anders machen. Man muss keine Riesenparty schmeißen, um eine schöne Hochzeit zu haben. Ein Trend ist, glaube ich, dass die Feiern etwas kleiner, persönlicher und intimer werden.

Ja.
Bei mir wäre das, glaube ich, draußen, im Garten. Wiesenblumen auf dem Tisch und sich nicht zu stressen, mit Plänen und Abläufen, wie Torte anschneiden und Luftballons fliegen lassen - das sowieso nicht – und der Tanz muss perfekt sein… Dass man sich da nicht so einen Druck macht, sondern einfach eine Riesensause und eine schöne Zeit miteinander hat.

Das klingt gut, lieben Dank für deine Zeit.

Infobox
Sabrina Tietz hat ihre Liebe zur Fotografie und zur Umwelt verbunden und sich 2016 selbstständig gemacht. Ursprünglich kommt sie aus Potsdam und ist vor Jahren für ihr BWL-Studium nach Münster gekommen – und geblieben. 2018 hat sie es gewagt, mit „NatureWeddings“ voll und ganz auf ihre Nische als Nachhaltigkeitsfotografin zu setzen und begleitet seitdem grüne Hochzeiten und vieles mehr.

Autor Chiara Kucharski / Illustration Thorsten Kambach

Erstmalig erschien dieser Text in Stadtgeflüster Interview März 2021

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