ARNDT ZINKANT FRAGT PROF. WALTER KRÄMER, WAS ER GEGEN DEN DUDEN HAT

Mit Anglizismen fing es an. Das zunehmende „Denglisch“ ging Walter Krämer so auf die Nerven, dass der Wirtschaftsprofessor mit Gleichgesinnten 1997 den Verein Deutsche Sprache gründete – der mittlerweile 33 000 Mitglieder zählt. Diese befassen sich heute meist mit der „Gendersprache“, die sie als unverständlich oder schlicht falsch ansehen. Ein Gespräch über Fluchen, den Duden und Claus Kleber.

GENDERN – NEIN DANKE!

Herr Professor Krämer, fluchen Sie regelmäßig? 

Hin und wieder schon. Warum?

 

In einem neueren Newsletter Ihres Vereins wird ein Sprachwissenschaftler zitiert: Wir sollten alle mehr fluchen, denn dadurch würde das Schmerzempfinden wie durch einen Blitzableiter gemindert.

Stimmt – das entkrampft quasi das Nervensystem und ist tatsächlich gesund. Wenn mir ein Hammer auf die Füße fällt, bleibe ich natürlich auch nicht kultiviert, sondern es entfährt mir ein kräftiges „Sch…“.

 

Wie sind Sie auf das Thema deutsche Sprache gekommen? Sie sind ja kein Germanist, sondern Ökonom.

Sie wissen ja, dass in den 90er-Jahren von Gender noch nicht groß die Rede war – zu dieser Zeit empfand ich vor allem „Denglisch“ als Ärgernis, also die vielen Anglizismen. Wenn ich damals von Auslandssemestern zurückkam und in Düsseldorf landete, dachte ich, ich wäre in Chicago. Das ging mir auf den Keks, und ich stellte fest, dass es anderen Leuten auch so ging. Dann haben wir 1997 den Verein Deutsche Sprache e. V. gegründet. Mit sieben Leuten – woraus heute 33 000 geworden sind. 

 

Bei Durchsicht Ihrer Mitglieder fiel mir auf, dass es nicht nur wie erwartbar viele Professoren sind, sondern auch Prominente wie Dieter Hallervorden oder Hape Kerkeling. 

Zu meiner besonderen Freude …

 

Wie haben Sie die gewonnen – muss man da viel Werbung machen?

Der letzte große prominente Kopf, der zu uns stieß, ist Peter Sloterdijk! Die Zeitschrift „Cicero“ veröffentlicht alle zwei Jahre eine Liste der führenden Intellektuellen – und beim letzten Mal war Sloterdijk auf Platz eins. Er hat mir von sich aus einen Brief geschrieben: Er finde es gut, was wir gegen den Duden unternehmen, und er würde dem Verein gern beitreten.

 

Was genau werfen Sie der Duden-Redaktion denn vor?

Dass sie das generische Maskulinum abschaffen will. Der Duden hat in seiner Internetausgabe formuliert: „Mieter: männliche Person, die etwas gemietet hat“ – das ist nicht wahr! Der Mieter kann männlich, weiblich, transsexuell oder was auch immer sein. Es ist einfach eine Person, die mietet. Das soll unserer Meinung nach auch so bleiben.

 

In Ihrem jüngsten Artikel im „Cicero“ bringen Sie ja genau dieses Beispiel und sagen, dass das generische Maskulinum eben nicht nur Männer meine und Frauen „unsichtbar“ mache. Ist das Ganze also
ein großes Missverständnis?

Das Problem rührt von unglücklichen Übersetzungen von Grammatikern des deutschen Barock her: Diese haben die Artikel „der“, „die“ und „das“ als Geschlechtswörter bezeichnet. Übrigens auch einer unserer größten Grammatiker: Jacob Grimm. Daher rührt der Irrtum, sie hätten etwas mit dem biologischen Geschlecht zu tun. Nehmen Sie mal folgenden Satz: „Karlheinz, die Drecksau, hat wieder mal das Klo nicht geputzt – das muss Erika, der Putzteufel, für ihn tun.“

 

Was meinen Sie: Warum bezieht die Germanistik nicht dagegen Stellung?

Dort finden sich überwiegend Leute, die politisch links stehen – und da ist man immer der Meinung, den Menschen zum Besseren erziehen zu müssen. Bei den öffentlich-rechtlichen Medien kann das durchaus zu prophetischem Gehabe führen, weil diese ihr Publikum ebenfalls durch pädagogische Maßnahmen „bessern“ wollen. Aus deren Sicht gehört Gendersprache dazu. 

 

Da sind wir schon beim Thema der gesellschaftlichen Spaltung, dem Graben zwischen Progressiven und Bewahrern. Das führte bereits zu Anfeindungen gegen Ihren Verein.

Das sind wir gewöhnt. Seitdem ich den Verein gegründet habe und das Wort „deutsch“ ohne negative Konnotation verwende, werde ich als „Rechter“ oder Schlimmeres beschimpft. Auch die Nationalflagge ist ja überwiegend negativ konnotiert. Ich habe mir seinerzeit zum 50. Geburtstag einen Fahnenmast für den Garten gewünscht. Da hängt nun die deutsche Fahne dran – was in Frankreich oder Amerika, wo wir lange gelebt haben, selbstverständlich ist. Wenn man das hierzulande macht, wird man als Rechter beschimpft. Historischer Unsinn: Denn das war ursprünglich die Flagge des Hambacher Festes, eine Fahne von Studenten, die der Obrigkeit an die Zöpfe gehen wollten.

 

Da tut sich, wie gesagt, eine Spaltung auf, die ziemlich genau entlang der „Gender-Sprachgrenze“ verläuft. Wie groß ist diese Kluft?

Falls Sie das mit einer Links-Rechts-Spaltung assoziieren wollen, würde ich einwenden, dass es mittlerweile eine ganze Menge von linken „Überläufern“ gibt. Es finden sich dort immer mehr Leute, die in puncto Sprache ähnlich wie wir ticken. Zum Beispiel Carola Rackete, die durch ihre Flüchtlings-Rettungsaktionen im Mittelmeer bekannt geworden ist. Sie lässt kein Interview verstreichen, ohne
zu sagen, dass sie nicht als „Kapitänin“ bezeichnet werden will. Sie sei ein Kapitän! Mit Ausrufezeichen. 

 

Und wer noch?

Sahra Wagenknecht gehört ebenfalls dazu. Sie bezeichnet sich selbst beruflich als Ökonom. Wer sie dann etwa in Interviews sprachlich verbessern will, dass sie doch wohl „Ökonomin“ sei, beißt auf Granit. In diesem Sommer ist mir außerdem positiv aufgefallen, dass die doppelte Olympiasiegerin Ulrike Meyfarth in mehreren Medien zu den „größten Sportlern der deutschen Nachkriegszeit“ gezählt wurde. Wären es nur die größten Sportlerinnen gewesen, hätte sie sich zu Recht gewehrt – denn dann wäre sie ja nur mit Frauen
verglichen worden.

Es gibt auch Leute, die Angela Merkel als „größte Kanzlerin aller Zeiten“ bezeichnen. Was definitiv stimmt! – Spaß beiseite: Mittlerweile gendern auch Top-Moderatoren wie Claus Kleber. Ist das seine Privatmeinung oder zieht da eine Lobby die Fäden?

Dazu wird es in unserer nächsten Vereinszeitung einen schönen Artikel geben: Es hat sich nämlich jemand beim ZDF beschwert, dass die Moderatoren die Sprache willkürlich verändern und das Verstehen erschweren. Die Standardantwort der Chefredaktion lautete jedes Mal: „Wir schreiben das unseren Moderatoren nicht vor. Die sprechen so, wie sie es für richtig halten.“ – Doch am Ende kam heraus, dass es sehr wohl eine Order von oben gab. Vermutlich sogar vom Intendanten persönlich.

 

Letzte Frage zum Gendern: Gibt es Argumente der Gegenseite, die Sie akzeptieren?

Was auf den ersten Blick überzeugt, hat mit Statistik zu tun, also mit meinem Fachgebiet: Nämlich die Frage „Wer sind deine fünf Lieblingsautoren?“ – und dann kommen meist nur Männer als Antwort. Es folgt die Behauptung: Hätte man auch nach Autorinnen gefragt, wären auch Frauen genannt worden. Das ist aber ein falscher Umkehrschluss, denn in der Geschichte waren – mit Homer angefangen – fast alle Autoren Männer. Weibliche Schriftsteller sind historisch eine Minderheit. Man muss also die Verhältnisse ändern, nicht die Sprache. Wenn man zum Beispiel nach den fünf Lieblingsärzten fragte, würden vielleicht sogar mehr Frauen genannt, weil der Arztberuf mittlerweile sehr frauen-affin geworden ist.  

 

Wir „feiern“ zurzeit ja auch 25 Jahre Rechtschreibreform. Wie lautet da Ihr Fazit?

Wenn man mal schaut, wie diese Leute seinerzeit angetreten sind, muss man die Reform als rundum gescheitert bezeichnen, denn sie wurde mehr oder minder zurückgenommen. Mein großes Vorbild Wolf Schneider, der Ihnen sicher bekannt ist, war früher sehr aktiv bei uns; ein bekannter Journalist und Autor, der mittlerweile 96 ist, aber gleichwohl immer noch auf Tischen tanzt. Schneider war ein großer Gegner der diversen Rechtschreibneuerungen, hat allerdings eine einzige Neuerung übernommen: Er schreibt „daß“ nicht mehr mit Eszett. Weil seine Enkel ihm gesagt haben, dass man dadurch einfach nur alt wirke. (Lacht) 

 

Sie haben den Verein 1997 gegründet. Kämpfen Sie gegen Windmühlen oder schauen Sie optimistisch in die Zukunft? 

Wir haben, wie gesagt, über 30 000 Mitglieder, haben mit dem Thema also sicherlich einen Nerv getroffen. Bewirkt haben wir dennoch nicht allzu viel. Denn die, die das öffentliche Leben dirigieren, sind die öffentlich-rechtlichen Medien. Diese sind ebenso wie meisten Zeitungen politisch von linken Journalisten dominiert. Ich selbst bin bekennendes FDP-Mitglied, und meine Partei wird von weniger als einem Prozent der Medienschaffenden präferiert. 

 

Was die Anglizismen betrifft, da hat das Corona-Jahr uns ja etliche neue wie „Home-Office“ beschert.

... und die Öffentlich-Rechtlichen haben nicht mal versucht, deutsche Entsprechungen zu erfinden. Mit Wolf Schneider zusammen habe ich übrigens mal ein Buch gemacht, das sich mit den vielen Eindeutschungen befasste – die es früher ja gab, ausgerechnet nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Deutschen allen Grund gehabt hätten, bescheidener aufzutreten. Ein Beispiel: Im Jahr 1968 wurde von den USA, England und der Sowjetunion der „Nuclear Non-Proliferation Treaty“ unterzeichnet. Aber auf Deutsch wurde damals ein „Atomwaffensperrvertrag“ daraus gemacht, was viel plastischer ausdrückt, worum es ging. Aber diese Kreativität wird heute gescheut. Man weicht davor zurück. Das ärgert mich – aber bei diesem Thema ist wohl „der Drops gelutscht“, wie man so sagt.

INFO

Prof. Walter Krämer 

Walter Krämer (geb. 1948) studierte Mathematik und Wirtschaftswissenschaften. Seit 1988 ist er Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik am Fachbereich Statistik der Universität Dortmund. Außerdem erhielt er Rufe an die Hochschule St. Gallen und an die Universitäten York (Kanada), Hamburg und Münster. Das „bekennende FDP-Mitglied“ gründete 1997 den Verein Deutsche Sprache.

Autor Arndt Zinkant / Illustration Thorsten Kambach

Erstmalig erschien dieser Text in Stadtgeflüster Interview August 2021

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