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Tom Feuerstacke und Nina Heckmann besprechen eine Alarmierung

ZUM WOHLE DER BEVÖLKERUNG

Erst dieses Jahr haben wir gesehen, in welche Notlage die Bevölkerung geraten kann, wenn eine Katastrophe passiert. Von jetzt auf gleich verlieren Menschen ihr Hab und Gut. Sie sind von einem Moment auf den anderen obdachlos und nicht mehr in der Lage, sich selbst zu versorgen. Die Bevölkerung ist auf Hilfe angewiesen, und zwar sofort. Diese wäre nicht gesichert, wenn es keine Menschen gäbe, die ehrenamtlich in verschiedenen Vereinen Einsatzeinheiten bilden. Diese werden sofort nach Alarmierung in Bewegung gesetzt und lindern Leid. Einer dieser Vereine ist das Deutsche Rote Kreuz.

Nina, wenn ich an das Deutsche Rote Kreuz denke, fällt mir als allererstes die Blutspende ein. Wenn ich weiter nachdenke, kommt mir meine Patentante in den Sinn. Sie war seinerzeit mit weißer Haube, grauem Mantel und Umhängetaschen aus Leder auf Veranstaltungen im Sanitätsdienst tätig. Ich dachte damals, sie sei eine Nonne.
(Lacht) Die meisten Leute denken beim DRK an die Blutspende, wenn man sie fragen würde, was wir eigentlich machen. Vielleicht kämen noch der Rettungsdienst und die Erste Hilfe dazu. Das stimmt natürlich, denn wir machen all das. Es steckt aber noch viel mehr dahinter. Wir sind bunter als gedacht.

Was unterscheidet euch vom Technischen Hilfswerk im Bereich des Katastrophenschutzes?
Das THW ist eine Bundesanstalt. Wir sind ein Verein, also privat organisiert. Das ist ein großer Unterschied. Während das THW mehr für Logistik und Technik zuständig ist, kümmern wir uns um die betroffenen Menschen und sind Teil der Einsatzeinheiten NRW. Eine Einheit umfasst 33 Einsatzkräfte und besteht aus verschiedenen Komponenten, unter anderem aus dem Sanitätsdienst und dem Betreuungsdienst. 

Betreuungsdienst klingt etwas so wie ein ehrenamtlicher Escortservice?
(Lacht) Der Betreuungsdienst ist eine wichtige Säule und kommt am häufigsten zum Einsatz. Mitnichten ist das ein Kaffeeangebot. Betreuung bedeutet, wenn Menschen evakuiert werden müssen, das zu organisieren. In Münster geschieht das häufig durch die Bombenentschärfungen. Viele schaffen es selbst und kommen bei Bekannten oder Verwandten unter. Es gibt aber auch Menschen, die bettlägerig sind, es nicht verstehen oder niemanden haben, wo sie hinkönnen. Für diese Menschen sind wir dann gerne da.
 
Wenn ich es richtig gelesen habe, bedient ihr neben dem Sanitäts- und Betreuungsdienst noch eine dritte Komponente, mit der ihr zu der Einsatzeinheit gehört?

Das stimmt. Es gibt noch den technischen Bereich. Der ist beim THW sicherlich höher einzuschätzen. Um aber unsere Aufgaben autark bewältigen zu können, bauen wir Zelte selbst und beheizen diese auch, wenn es im Herbst und Winter sonst zu kalt ist. Wir stellen unsere gesamte Stromversorgung sicher und sind in der Lage, unsere Wasserversorgung technisch zu organisieren.

Eure Einsatzeinheiten rekrutieren sich durch das Ehrenamt?
Das ist komplett ehrenamtlich. Von daher ist es spannend, da wir ja nicht einfach irgendwen irgendwo hinschicken können. Damit man diese Aufgabe erfüllen kann, braucht es eine fundierte Ausbildung. Und wenn wir dann die super ausgebildeten Ehrenämtler haben, muss sichergestellt sein, dass diese bei Alarmierung auch zur Verfügung stehen.

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Das klingt schwierig. Wo liegen denn die Hindernisse der Sicherstellung, dass im Falle einer Alarmierung alle Posten besetzt sind?
Wie gesagt, es sind Ehrenamtler, die zunehmend privat eingebunden sind. Sei es durch Familie, Beruf oder Uni. Da muss man sich loseisen können. Wir merken schon, dass das zunehmend schwieriger wird. Da kommt es immer häufiger vor, dass die Personen nur für ein paar Stunden zur Verfügung stehen. Wenn wir an unseren Einsatz im Ahrtal bei der Hochwasserkatastrophe denken, waren unsere Leute mehrere Tage im Einsatz. Das muss man mit seinem privaten und beruflichen Leben organisieren können. 

Nina, lass uns das mal durchspielen. Ich rufe euch an: „Hallo DRK, ich habe eine Bombe gefunden.“ Was passiert jetzt?
(Lacht) Ich hoffe, du rufst nicht uns an, sondern die Feuerwehr, denn sie ist dafür zuständig. Sie hat den Plan, was in dem Fall alles anlaufen muss. Es gibt Pläne, die abgestimmt sind mit dem DRK und anderen Hilfsorganisationen. Wenn sich so etwas anbahnt, haben wir die Möglichkeit, unsere Leute vorab zu informieren. So können wir unsere Einheiten stellen, das ist sehr hilfreich. Manchmal haben wir auch nicht die Möglichkeit der Voralarmierung. 

Verständlich. Aber wie ist das Ganze organisiert, wenn die Feuerwehr auf den Knopf drückt und bei euch die rote Lampe angeht? Und das am Ende des Tages ohne Vorlauf?
Wir alarmieren unsere Einsatzkräfte durch bekannte Systeme. Für unsere Einsätze in Münster und Umgebung ist alles, was wir brauchen, gepackt. Damit auch nichts fehlt, wird das in regelmäßigen Abständen durch unsere Ehrenamtler überprüft. Es gibt zwei Standorte in Münster und jeweils einen in Hiltrup und Nienberge, von denen aus sich unsere Fahrzeuge in Bewegung setzen. Damit unsere Kräfte dann auch wissen, wo es hingeht, wird der Einsatz von der Leitstelle der Feuerwehr koordiniert.

Sage mal, Nina, kannst du eigentlich eine Erbsensuppe kochen?
(Lacht) Ich kann eine Erbsensuppe kochen.

Kochst du die Erbsensuppe für die Evakuierten im Einsatz?
In dem Ausmaß, wie es für Großbetreuungslagen benötigt würde, könnte ich das nicht alleine. 

Gibt es bei euch denn immer Erbsensuppe?
(Lacht) Das ist eine Legende. Natürlich ist es sinnvoll, so was in der Bevorratung zu haben. Denn wenn man nichts frisch bekommt und alles schlimm ist, dann braucht man diese Konserven. Ich kenne es in der Regel aber so, dass immer was anderes gekocht wurde als eine Konserven-Erbsensuppe.

Also, ich würde mir im Falle einer Evakuierung eine Erbsensuppe aus der Gulaschkanone wünschen. Aber zurück zum Ernsten. Du erwähntest gerade das Ahrtal. Wie lange wäre das DRK in der Lage, Menschen zu betreuen und zu versorgen? Vor allem bei einer Evakuierung von mehreren Tagen am Stück?
Das kann ich gar nicht genau sagen. Bislang gab es hier in Münster kaum längere Einsätze über mehrere Tage. Hinzu kommt, dass wir auch noch nicht in der Situation waren, uns länger als die ersten paar Stunden autark versorgen zu müssen, ohne die Möglichkeit der Nachschubbeschaffung. Wir hatten noch nie eine Einsatzlage wie im Ahrtal hier in Münster. Und auch dort war der Nachschub gewährleistet. Bislang können wir uns glücklich schätzen, dass es in unserer Region nicht zu derart großen Katastrophen gekommen ist. Hinzu kommt, dass eine Versorgung von so vielen Menschen mit drei Mahlzeiten am Tag gar nicht autark funktionieren würde. Es bräuchte in dem Fall immer eine Zulieferung.
 
Ihr seid in der Lage, mit eurer Einsatzeinheit von jetzt auf gleich bis zu 500 Personen zu versorgen. Das ist ja mal eine Zahl!
Das muss ich etwas relativieren. Zum einen sind für die Betreuung von 500 unverletzten Betroffenen sogar zwei Einsatzeinheiten vorgesehen. Zum anderen handelt es sich bei den meisten Personen um Menschen, die zwar ihr Haus verlassen und räumlich versorgt werden müssen. Aber sie müssen nicht an die Hand genommen und rundum versorgt werden. Deswegen geht das. 

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Wie oft probt ihr den Ernstfall?
Durch Corona war das Ganze sehr schwierig. Wir mussten mit den Übungen zum Teil pausieren. Vielmehr war es eine große Herausforderung, alles aufrechtzuerhalten. Ein Dienst, der rein ehrenamtlich funktioniert, weil Menschen sich untereinander treffen wollen, leidet unter Kontaktbeschränkungen. Unter verschärften Bedingungen hatten wir eine Übung während der Pandemie. Seit den Lockerungen konnten wir dieses Jahr bereits wieder wie üblich zweimal den Ernstfall proben. An Dienstabenden wird alle 14 Tage in kleinen Gruppen ständig geprobt und vor allem auch ständig aus- und fortgebildet.  

Wenn ich mich entscheide, beim DRK aktiv zu werden, wie lange dauert die Ausbildung?
Völlig unterschiedlich. Am längsten dauert die sanitätsdienstliche Ausbildung. Diese umfasst sechs Wochenenden. Die betreuungs- und technische Ausbildung ist nicht ganz so lang. Allerdings kommen verschiedene Unterweisungen dazu. Fahren unter Blaulicht und Bedienen der Funkgeräte zum Beispiel. 

Wenn ich als Ehrenamtler anfangen möchte, findet ihr auf jeden Fall was für mich?
Unser Anspruch ist es, dass wir für jeden eine Aufgabe haben, die die Person ausfüllen kann. Natürlich kann es dann und wann mal sein, dass es nicht passt. Das geschieht, wenn die Vorgaben in der gewünschten Aufgabe nicht erfüllt werden können. 

Also noch mal: Ich rufe euch an und möchte aktiv werden. „Hallo, mein Name ist Tom und ich möchte Arzt werden.“ Klappt das?
(Lacht) Das würde schwierig sein. Vermutlich nicht lösbar. Für besondere Aufgaben gibt es gesetzlich vorgeschriebene Qualifikationen. Für Mediziner und im Rettungsdienst gibt es klare Vorgaben. Wenn ich also sage, dass man für jeden etwas findet, gibt es trotzdem Bereiche, für die man eine entsprechende berufliche Ausbildung mitbringen muss. In anderen Bereichen kann man bei uns ausgebildet werden.  

Andersrum gefragt: Wenn ein Arzt anklopft, der bei euch als Koch aktiv werden möchte, ginge das?
Wenn er die Feldkochausbildung bei uns macht, ginge das. Häufig ist es so, dass man im Ehrenamt etwas machen möchte, was mit dem eigentlichen Beruf nichts zu tun hat. Von daher ist diese Frage gar nicht so abwegig – was einem aber klar sein sollte. Auch wenn man zu Hause als guter Koch bekannt ist, heißt das nicht, dass man für viele Menschen kochen kann.  

Ab wann brauche ich mich für ein Ehrenamt bei euch nicht mehr zu melden?
Altersmäßig gibt es eigentlich keine harte Grenze. Wenn man sich körperlich fit fühlt für das, was da kommt, gibt es kein fixes Alter. Die einzige Altersgrenze, die es gibt, gilt für taktische Führungspositionen. Und bevor du fragst: (lacht) Für diese Positionen braucht es Vorkenntnisse. Schließlich müssen diese Kollegen alles zusammenhalten und koordinieren. Es ist also keine Aufgabe, die man an ein paar Wochenenden lernt. Es ist eine große Herausforderung, die verschiedenen Gebiete der Einsatzeinheit zu führen. Und für diese Führung bedarf es einer fundierten Ausbildung.

Danke, Nina, für diesen kurzen Einblick in eure Einsatzeinheit. Ich danke dir stellvertretend für eure Ehrenamtler, die sich in den Dienst für die Gesellschaft stellen. 

Danke, das machen wir gerne und aus voller Überzeugung.

 

INFO

Nina Heckmann

DRK-Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising

Deutsches Rotes Kreuz

Das Deutsche Rote Kreuz ist die nationale Rotkreuz-Gesellschaft in Deutschland nach den Genfer Abkommen und als solche Teil der internationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung mit Hauptsitz in Berlin.

Autor Tom Feuerstacke / Illustration Thorsten Kambach / Fotos Philipp Köhler, Nina Heckmann

Erstmalig erschien dieser Text in Stadtgeflüster Interview November 2021

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