Tim Schaepers spricht mit Markus Frieling über Wertschätzung in der Pflege

Wer würde nicht gerne in den eigenen vier Wänden alt werden? Doch es ist nicht immer einfach, alle Dinge des täglichen Lebens alleine zu bewältigen. Familienangehörige sind oftmals beruflich oder mit den eigenen Kindern eingespannt – da springen Markus
Frieling und sein Team ein. Ob als Hilfe im Haushalt, die Begleitung beim Spaziergang oder ein vertrautes Gesicht zum Schnacken. Ein Gespräch über Probleme, Entwicklungen und die Zukunft. 

„WITH A LITTLE HELP FROM MY FRIENDS“

„Home Instead“ bedeutet so viel wie „zu Hause stattdessen“. Was ist damit gemeint?

Damit ist gemeint, dass wir stundenweise Senioren und Familien zu Hause versorgen. Wir sind ein sogenannter zugelassener ambulanter Pflegedienst, also MDK-geprüft. Das ist der Medizinische Dienst der Krankenversicherung. Dieser legt zum Beispiel den Pflegegrad älterer Menschen fest. Er stellt aber auch die Qualität der Versorgung durch Pflegedienste sicher.

 

Damit nicht jeder einfach so einen Pflegedienst betreiben kann?

Genau. Ein gewisser Qualitätsstandard muss erfüllt werden. Damit hat man einen kassenzugelassenen Betrieb. Das heißt, wir sind in der Lage, mit allen gesetzlichen und privaten Krankenkassen abzurechnen.

 

Treten Kunden direkt an euch heran oder geht das über die Krankenkasse?

Unsere Kunden kommen zu uns und sagen zum Beispiel: „Ich brauche täglich morgens von 8 bis 10 Uhr und abends von 18 bis 20 Uhr oder den ganzen Tag oder wie auch immer Unterstützung.“ Weil sie einfach nicht mehr alles zu Hause alleine schaffen. Das ist in der heutigen Zeit sehr wichtig, da die Familienangehörigen oftmals beruflich eingebunden sind und nicht in dem Maße die Zeit für die Betreuung aufbringen können.

 

Oder zum Teil verzogen sind. Es kommt ja vor, dass Senioren nur selten Besuch
bekommen. Manchmal, weil sie keine Familie mehr haben.

Ganz genau. Da springen wir punktuell ein. Das ist auch der Unterschied. Wir machen keine klassische 24-Stunden-Pflege. 

 

Das wäre meine nächste Frage. Was unterscheidet euch von anderen Pflegediensten?

Es gibt unterschiedliche Pflegegrade. Unsere Kunden liegen bei Pflegegrad 2, 3 oder 4. Wir können diejenigen betreuen, die keine medizinische Versorgung benötigen. Da grenzen wir uns vom herkömmlichen Pflegedienst ab. Diese ambulanten Dienste arbeiten vollständig mit Pflegefachkräften. Wir konzentrieren uns auf die Pflege und Betreuung sowie auf die Versorgung demenziell Erkrankter.


Pflege aber schon in vollem Umfang, sprich baden oder duschen auch?

Ja. All das, wobei wir unterstützen können. Häufig ist es so, dass Menschen noch sehr viel können. Alleine duschen, aber vielleicht gestützt werden müssen. Denn wir möchten gerne, dass die Menschen selbstbestimmt bleiben. Also das, was sie noch können, sollen sie auch so lange wie möglich machen können. Dass die zu versorgende Person durch uns aktiviert wird, ist uns sehr wichtig. Deshalb gehen wir mit den Menschen spazieren, spielen Spiele, helfen im Haushalt oder trinken einfach einen Kaffee zusammen.

 

Wie kamst du dazu, dich um pflegebedürftige Menschen zu kümmern?

Meine Familie und ich haben das vor vielen Jahren mit meiner Mutter erlebt. Sie hat gesagt, sie möchte so lange wie möglich in ihrer gewohnten Umgebung bleiben und nach Möglichkeit mit Menschen, denen sie vertrauen kann. Zu der Zeit hätte ich gerne genau so eine Leistung in Anspruch genommen. Das war der Grund, warum ich dieses Unternehmen gegründet habe. Ich bin selber keine Pflegefachkraft, sondern Diplom-Betriebswirt. Ich war vorher Unternehmensberater.

 

Also wie man eine Firma leitet, das weißt du?

Das weiß ich. Doch als ich 2017 das Unternehmen gründete, habe ich meine ersten Kunden selbst versorgt. Ganz einfach, um zu wissen: Was kommt auf meine Mitarbeiter zu? Denn die Belastung, der man zum Beispiel mit Demenzerkrankten ausgesetzt ist, ist schon nicht ohne.

 

Kann man sagen, dass es sich bei der Arbeit um deine Berufung oder eine Herzensangelegenheit handelt?

Auf jeden Fall. Herzensangelegenheit trifft es ganz gut. Mir ist es wichtig, die Kunden so gut wie möglich zu versorgen. Und auch Zeit mitzubringen. Bei anderen Pflegediensten wird nach Leistungskomplexen abgerechnet. Das heißt, es gibt eine vorbestimmte Zeit für eine pflegerische Leistung. Bei uns ist es so, dass wir eine Zeit festlegen mit den Kunden und alles machen, was man so machen kann. Ganz wichtig ist natürlich der soziale Kontakt.

 

Ein Mensch, mit dem man mal quatschen kann?

Richtig. Dass regelmäßig eine vertraute Person kommt, mit der man über die Sorgen des Alltags reden kann.

 

Wie viele Menschen betreut ihr?

Im Moment versorgen wir rund 400 Kunden mit mehr als 100 Mitarbeitern. Wobei wir nicht nur in und um Münster unterwegs sind, sondern auch in weiten Teilen des Kreises Warendorf, von Ostbevern über Warendorf ganz im Osten bis Drensteinfurt. Diesen Bereich haben wir zu Beginn der Pandemie mit übernommen.

 

Wie alt sind eure Kunden im Schnitt?

Das ist nicht so leicht zu sagen. Unsere älteste Kundin ist über 100 Jahre alt und unsere jüngsten sind im Kindesalter. Das liegt daran, dass wir nicht nur Senioren, sondern auch Familien betreuen. Wenn sich ein Elternteil das Bein bricht und eine Familie Unterstützung im Haushalt oder bei der Kinderbetreuung braucht, dann springen wir auch ein. Das macht etwa 20 Prozent unserer Arbeit aus und ist natürlich auch eine schöne Abwechslung.

 

Kommen viele aus der Pflege oder gibt es auch Mitarbeiter, die „nur“ Gesellschaft leisten und im Haushalt helfen?

Der Großteil ist multiflexibel einsetzbar. Eine ganze Reihe hat Vorerfahrung – sie sind ausgebildete Pflegefachkräfte. Wir nehmen aber auch gerne Quereinsteiger, weil wir ein internes Schulungssystem haben. Wir bereiten unsere Mitarbeiter vor dem ersten Einsatz vor und schulen sie im weiteren Verlauf der Beschäftigung. Das ist für uns ein wichtiger Baustein, um die Qualität in der Versorgung zu gewährleisten.

 

Ich kann mir vorstellen, dass es im Moment viele Menschen aus der Pflege gibt, die sagen: Das wird mir zu viel, ich suche mir was anderes.

Das ist klar. Die Menschen sind teilweise hohen Belastungen ausgesetzt. Hinzu kommen Schichtdienste und wenig Zeit mit
den Patienten.

 

Und das hat die Corona-Pandemie einmal mehr bewiesen. Wie hat sich eure Arbeit in den letzten anderthalb Jahren verändert?

Erst mal war da ein riesiges Vertrauensproblem. Keiner wusste, was passiert jetzt? Wie wird das Virus übertragen? Wir mussten natürlich schon zu Beginn alle Hygienemaßnahmen sicherstellen, vor allem da wir in der Hochrisikogruppe unterwegs waren und sind. Der Vorteil war, dass wir im Gesundheitswesen alles zuerst bekommen haben: zuerst die Masken, FFP2-Masken, Schnelltests, die Impfungen. Das war gut, aber eben auch sehr wichtig.

 

Inwiefern hat es das tägliche Arbeiten verändert?

Wir hatten eine Phase, in der wir die Mitarbeiter hier im Unternehmen durch geschultes Personal haben testen lassen. Das war natürlich wichtig, um sowohl die Kunden als auch die Mitarbeiter zu schützen. Das Problem war, dass uns die Kapazitäten gefehlt haben. Wenn eine Mitarbeiterin in der Woche 30 Stunden bei uns arbeitet, dann brauchte sie für zwei bis drei Tests in der Woche mitunter vier Stunden inklusive Anfahrt. Dieses Defizit 
auszugleichen, war eine riesige Herausforderung, zumal wir
Kunden haben, die auf unsere Hilfe angewiesen sind.

 

Wie habt ihr dieses Defizit ausgeglichen? Durch Überstunden oder habt ihr Leute einstellen können?

Wir haben immer wieder eingestellt und mussten Gott sei Dank nicht so viele Überstunden machen. Das heißt aber nicht, dass, wenn ich heute jemanden einstelle, die Person morgen arbeiten kann. Wir haben gewisse Vorlaufzeiten von sechs bis acht Wochen, bis ein Mitarbeiter voll bei uns angekommen ist.

 

Würdest du sagen, ihr seid über den Berg? Ich vermute mal, dass der größte Teil eurer Kunden geimpft ist.

Das stimmt. Doch die Mitarbeiter arbeiten weiterhin mit Maske, auch wenn sie geimpft sind. Zudem müssen sich alle mindestens zweimal die Woche testen. Das ist natürlich wichtig, um unsere Kunden bestmöglich schützen zu können, und das hat bisher sehr gut geklappt. Ich denke, das wird auch noch eine ganze Zeit so bleiben.

 

Nun wird die Bevölkerung immer älter. Da müsstet ihr euch ja eigentlich im steten Wachstum befinden, oder?

Wir können tatsächlich im Moment nicht so viele Leute einstellen, wie wir Anfragen von potenziellen Kunden haben. Wir sind in der Situation, dass wir Versorgungen ablehnen müssen. Hinzu kommt, dass ambulante Pflegedienste seit unserer Gründung 2017 sogar weniger wurden aufgrund von Personalmangel. Das hängt natürlich auch mit der Wertschätzung zusammen, die man erfährt oder eben nicht erfährt. Da reichen eine Einmalzahlung und drei Wochen Klatschen nicht aus.

 

Ich habe großen Respekt vor eurer Arbeit und hoffe, dass sie in Zukunft auch von der Politik besser gewürdigt wird. Und dass ihr schnell neue, kompetente Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter findet.

Danke, das hoffe ich auch.

INFO

Markus Frieling

Der gelernte Diplom-Betriebswirt (geb. 1965 in Emsdetten) war bis 2017 als Unternehmensberater tätig, bevor er sein eigenes Unternehmen aus der Taufe hob. Er gründete den ambulanten Pflegedienst „Home Instead“ und kümmert sich mit über 100 Angestellten um Senioren und Familien.

Viele, viele weitere Infos zum Markus Frieling erfahrt Ihr am besten hier:

Tim Schaepers / Illustration Thorsten Kambach

Erstmalig erschien dieser Text in
Stadtgeflüster Interview
Oktober 2021

​Alle Rechte bei Stadtgeflüster – das Interviewmagazin vom

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