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Claudia Maschner und Dr. Markus Jürgens über das Vorankommen im Leben

WIE KOMMT MAN RÜCKWÄRTS VORWÄRTS?

Zum Feierabend mal ne lockere 80-Kilometer-Runde mit dem Rennrad rund um Münster strampeln? Oder zum Wochenende einen Marathon laufen, um im Training zu bleiben? Wer so bewegungsverrückt (googeln zwecklos, den Begriff habe ich eben erst erfunden) … also, wer so bewegungsverrückt ist, der läuft auch 100 Kilometer rückwärts – mit dem Rücken voran und das in Weltrekordzeit! 

Darf ich vorstellen: Markus Jürgens, Weltmeister. Auch noch Sportwissenschaftler an der Uni Münster. Der Mann weiß also, was er tut. Ach ja, ganz frisch außerdem bitte: Dr. Markus Jürgens. So viel Zeit muss sein, auch mit Weltrekord im Nacken.

Herzlichen Glückwunsch zum Doktor. Ging es in der Arbeit auch ums Rückwärtslaufen?

Danke! Und nein, die Promotion dreht sich um die professionelle Wahrnehmung im Sportunterricht.

 

Rückwärtslaufen im Unterricht, wäre das was?

Na klar! Ich war mit dem Thema auch schon an Schulen. Das kam gut an. Für Leistungssportler ist es ja auch eine Trainingsmethode, um Koordination und Konzentration zu verbessern. Ich habe es auch mal für den Hochschulsport angeboten. Ein Kurs kam zustande, danach gab es leider zu wenig Interessierte.

 

Das heißt, es geht ganz easy, das Rückwärtslaufen?

Es bedeutet natürlich eine Umstellung, aber probiere es einfach mal aus, es ist eine absolute Bereicherung! Ich habe zum Beispiel nie einen besonderen Laufstil entwickelt. Beim Rückwärtslaufen allerdings sieht das bei mir sehr grazil und fast federnd aus. Du läufst ja die meiste Zeit auf dem Vorfuß, die Wadenmuskulatur wird viel mehr beansprucht als beim Vorwärtslaufen. Insgesamt erfordert es ganz andere Bewegungsabläufe.

 

Müsste man das Laufen also neu erlernen?

So ungefähr. Das hat mich am Anfang auch so gereizt. Es war wie eine neue Sportart, die ich da für mich entdeckt habe. Einer der Vorläufer der Rückwärtslaufbewegung in Deutschland hatte mir ganz begeistert davon vorgeschwärmt. Achim Aretz, er hat damals auch in Münster studiert. Jedenfalls gibt es ordentlich Muskelkater, selbst wenn du gut trainiert bist, weil eben andere Muskeln angesprochen werden. Ich bin immer schon gern gelaufen. In der Jugend und auch später noch habe ich intensiv Handball gespielt. Da war ich der Einzige, der sich gefreut hat, wenn es zum Schluss noch zum Lauftraining auf den Sportplatz ging.

 

Und dann?

Dann habe ich immer die nächste Herausforderung gesucht. 2006 bin ich meinen ersten Marathon gelaufen. Dann dachte ich mir, wenn du das schaffst, kannst du bestimmt auch so einen Ultra mit 54 Kilometern laufen. Oder beim 6-Stunden-Lauf Münster mitmachen. Lief alles super, dann müssten doch auch 100 Kilometer rund um Bielefeld drin sein. Und so ging das immer weiter. 2014 bin ich dann schließlich mit dem Rückwärtslaufen angefangen. Nach nur vier Monaten Training hatte ich den Weltmeistertitel. Mit nur zwei Sekunden vor dem Favoriten aus Italien. Da hatte es mich gepackt!

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Eine Rückwärtslauf-WM?

Die findet eigentlich alle zwei Jahre statt. Fast 120 Sportlerinnen und Sportler sind dabei. Es gibt alle lauftypischen Distanzen von 50 Metern über Staffeln bis zum Marathon, nur den Hürdenlauf lassen wir aus.

 

Aber 100 Kilometer … ist das überhaupt noch gesund?

Die Frage kommt oft, wenn man von diesen sogenannten Ultra-Läufen hört. Das ist praktisch alles jenseits vom Marathon, also Strecken über 43 Kilometer. Ich kann da nur für mich sprechen und sagen, dass es mir guttut. Andere sitzen acht Stunden am Schreibtisch. Wir laufen halt mal ab und zu acht Stunden. Was ist wohl ungesünder?

 

Und die Rückwärts-Geschichte?

Die ist auf jeden Fall gesund, weil die Gelenke und Muskeln ganz anders beansprucht werden als im normalen Training. Deshalb ist es ein guter Ausgleich. Oder ein guter Wiedereinstieg nach Verletzungen. Wer anfängt, sollte es auf dem Sportplatz üben, da hat man ja zur Orientierung die markierten Bahnen. In der Natur suchst du dir erst mal eine gerade Strecke ohne Hindernisse und läufst ein paar hundert Meter rückwärts, dann wieder vorwärts und steigerst das. Bis du allerdings 1500 Kilometer im Jahr rückwärts laufen kannst, dauert es. Ich habe die letzten 15 Jahre darauf hingearbeitet.

 

Da muss man ja auch ganz schön Vertrauen entwickeln!

Das stimmt. Im Training und bei den Wettkämpfen begleitet mich meine Freundin. Sie ist auch Rückwärtsläuferin.

 

Und Weltmeisterin! Jenny Wehmschulte.

Genau. Wir wechseln uns dann ab. Wer gerade vorwärts läuft, sagt die Strecke an. Natürlich seitenverkehrt, damit der Rückwärtslaufende nicht auch noch umdenken muss.

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Fürs Gehirn also auch noch eine Herausforderung?

Auf jeden Fall werden die Sinne geschärft. Du musst dich ja auch immer wieder zur Orientierung kurz umgucken. Also über die Schulter gucken. Es ist zunächst ungewohnt, deshalb schult es die Koordination. Beide Gehirnhälften arbeiten, dadurch verbessert sich die Gehirndurchblutung. Es bilden sich neue Synapsen. Das kann sogar helfen, degenerativen Erkrankungen im Alter wie zum Beispiel Alzheimer vorzubeugen.

 

Aber ist doch schon ein bisschen verrückt, oder?

(Lacht) Man wird schon manchmal komisch angeguckt, vor allem in Münster. Du bekommst schon mehr Aufmerksamkeit als der alltägliche Jogger am Aasee. Mir persönlich geht es bei diesen ganzen sportlichen Herausforderungen aber immer darum, zu sehen, was der Körper so schaffen kann.

 

Aber wo ist Schluss mit lustig?

Da sollte man schon gut auf seinen eigenen Körper hören. Das musste ich auch erst lernen. Ich will zwar immer wissen, was noch so geht, aber letztens habe ich auch einen geplanten Trainingslauf nach fünf Stunden abgebrochen, weil ich doch nicht so fit war. Und wenn du beim Double Ultra Triathlon Emsdetten 24 Stunden lang fast ohne Pausen geschwommen, Rad gefahren und gelaufen bist, dann tut das natürlich auch weh. Aber das ist ein anderer Schmerz als ein Beinbruch, und am Ende siegt einfach das gute Gefühl.

 

Wie bitte? 24 Stunden? Siegt da nicht das Schmerzmittel?

Ich habe in einer Studie gelesen, dass es bei Extremsportlern sehr verbreitet ist, auch schon prophylaktisch etwas zu nehmen. Für mich käme das nicht infrage. Ich will ja die Grenzen meines Körpers oder meiner Kraft austesten und nicht die von irgendeinem Medikament. Natürlich freue ich mich, wenn ich Erster oder Zweiter werde, aber entscheidend ist der Kampf mit mir selbst. Mein persönliches Ziel ist deshalb das Ankommen.

 

Schon mal überlegt, woher dieser extreme Bewegungsdrang kommt?

Die besten Vorbilder waren bestimmt meine Eltern, die immer sehr sportlich waren. Sie sind auch beide schon viele Marathons gelaufen und fahren heute als Rentner noch viel Fahrrad. Ich würde sagen, ich bin einfach von innen getrieben. Wenn andere den berühmten Schweinehund bekämpfen, um Sport zu treiben, muss ich mit mir kämpfen, um mal nichts zu tun. Zum Ausgleich und zur Vorbeugung gegen Stürze und Verletzungen mache ich aber auch fast jeden Tag Yoga.

 

Kann ja auch sehr anstrengend sein. Meditation?

Habe ich tatsächlich versucht, ist mir aber zu unbequem mit Schneidersitz und gerader Haltung. Und zu ruhig. Außerdem liebe ich es einfach, in der Natur unterwegs zu sein, und das ist ja auch fast meditativ. Wenn du bei so einem Ultra Trail mal 20 oder 30 Kilometer alleine läufst und mit den Gedanken so für dich bist.

 

Ist klar. Wann sitzt du mal?

(Lacht) Bei der Arbeit oder wenn ich am Computer neue Trainingsstrecken austüftele. Das ist mittlerweile schon eine Herausforderung, immer wieder schöne Touren zu finden. Die meisten Läufer bereiten sich mithilfe von gut durchdachten Plänen vor. Ich trainiere, weil ich Bock drauf habe. Da würde wahrscheinlich manch ein Trainer die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

 

Wie sieht es im Urlaub aus?

Im September sind Jenny und ich mit dem Fahrrad nach Schweden gefahren. Bike Packing, also mit ultraleichtem Gepäck auf dem Gravel Bike unterwegs. Das waren am Ende 2.300 Kilometer. Für den Rückweg haben wir nach drei Wochen aber dann den Zug genommen.

 

Ich gebe es auf. Wie lange kann man so einen Extremsport denn machen?

(Lacht) Mal sehen! Bisher hatten wir Glück und die Knochen und Gelenke haben alles ohne bleibende Schäden gut mit gemacht. Beim Iron Man auf Hawaii treten ja auch noch 70- und 80-Jährige an. Aber es stimmt schon: Manches, was uns heute selbstverständlich erscheint, kann auch ganz schnell vorbei sein. 

 

Engagierst du dich deshalb auch bei Spendenläufen?

Ehrenamtliche Arbeit ist mir schon sehr wichtig. Als Rückwärtsläufer bekomme ich sehr viel Aufmerksamkeit geschenkt. Das möchte ich positiv nutzen. Mit meinem Heimatverein, der Laufgemeinschaft Emsdetten, organisieren wir zum Beispiel den Salvus-Teekottenlauf. Da sind dieses Jahr mit Spenden und Startgeldern 18.000 Euro zusammengekommen. Obwohl alles virtuell stattgefunden hat. Das heißt, wer starten wollte, hat fünf Euro gespendet, ist irgendwann seine Strecke gelaufen und hat uns dann die gestoppte Zeit übermittelt.

 

Wer bekommt die Spenden?

Die gehen an vier Vereine: an das örtliche Hospiz, den Verein Herzenswünsche, an Sprungbrett e.V. und an „Alle lieben Schmidt“. Der Verein wurde von Bruno Schmidt gegründet. Ein befreundeter Sportler, der an Lateralsklerose, kurz ALS, erkrankt ist. 

 

Lief dazu nicht die Icebucket Challenge?

Das Eiswasser-Kippen sollte auf die Krankheit aufmerksam machen. Sie ist sehr selten und wenig erforscht. Bruno habe ich auch für meine Podcast-Reihe interviewt. Es ist beeindruckend, wie er weiterkämpft und anderen helfen will, obwohl er mittlerweile vom Hals abwärts gelähmt ist.

 

Du kanntest ihn schon vor seiner Erkrankung?

Bevor ALS bei ihm ausgebrochen ist, hat Bruno sich noch einen Traum erfüllt und ist mit dem Rennrad quer durch Deutschland gefahren, um erkrankte Menschen zu besuchen. Darüber gibt es nun eine Doku, die mich sehr bewegt hat. So kam ich auch auf die Idee, seinen Verein zu unterstützen.

 

Was sind für dich die nächsten Herausforderungen?

Im November steht wieder der Steinhart Ultra an. Das werden 56 Kilometer vorwärts. Mit den Steigungen wird es sehr interessant. Jenny und ich sind auch schon Trails im Allgäu und im Taunus gelaufen. Da gibt es viel Abwechslung. Meine Freundin ist Spezialistin für solche Strecken. Und im Winter trainieren wir einfach weiter. Fitnessstudio oder Indoor Cycling sind nicht so mein Ding. Fünf Grad und Nieselregen, das ist genau mein Wetter. Und im April wird geheiratet!

 

Herzlichen Glückwunsch! Das klingt nach einem super Plan!

 

INFO

Dr. Markus Jürgens

Ihn könnt ihr auch in seinem Podcast hören. Der „Rückwärtsläufer“ auf allen Plattformen, auf denen es Podcasts zu hören gibt. Auf seiner Internetseite schreibt er über seine Laufabenteuer. So wie den Double Ultra Triathlon Emsdetten mit 7,6 Kilometer Schwimmen, 360 Kilometer Radfahren und 84,4 Kilometer Laufen. In 24 Stunden „gefinisht“! Oder 100 Kilometer rückwärts in 12:20:37 (Weltrekord) – wow!   

Autorin Claudia Maschner / Illustration Thorsten Kambach / Fotos Uli Engelhardt, Bender

Erstmalig erschien dieser Text in Stadtgeflüster Interview Dezember 2021

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