Heute treffe ich Thomas Pieper, einen der Betreiber des Fusion Clubs, des Heaven, des Coconutbeaches. Er ist Wegbereiter der elektronischen Musikszene in Münster, Initiator vom Docklands Festivals sowie diverser anderer Kulturevents und gastronomischer Einrichtungen, die unsere Stadt erst so richtig lebenswert machen. Wir reden über die Ungerechtigkeiten, die ihm und seiner Branche in den letzten Monaten widerfahren sind und über Hoffnung. Vor dreizehn Monaten war ich in seinem Büro und wir sprachen gerade über einen Auftrag, als die Nachricht reinplatzte, dass Deutschland in den Lockdown geht. Wir konnten das zunächst nicht so richtig einordnen und waren sprachlos. Ein Jahr später sind wir wieder im Lockdown und: fassungslos! Aber diesmal ist Thomas Pieper nicht sprachlos und das ist auch nötig – mich hat unser Gespräch nachdenklich gemacht und Thomas´ Sicht hat mich überzeugt. 

 

DENN SIE WISSEN NICHT, WAS SIE TUN. 

Thorsten Kambach spricht mit Thomas Pieper über das neue Infektionsschutzgesetz und die ungerechten Auswirkungen auf die Kulturszene.

Hallo Thomas, ich erinnere mich, dass ich vor einem Jahr bei dir im Büro saß, als der Lockdown erstmalig startete. Heute, dreizehn Monate später, sind wir wieder im Lockdown und deine Branche ist davon besonders betroffen. Also stehen wir am Beach, wo außer Palmen, Sand und dir nichts zu finden ist …

Doch, unsere Mitarbeiter, die sind auch hier. Sie machen den Beach tatsächlich sommerfertig! Wir sind gar nicht total pessimistisch, denn wir glauben, dass in diesem Sommer mehr gehen wird, als im letzten. Danach sieht es zwar im Augenblick nicht aus, aber wenn man hochrechnet, wie es mit den Impfungen läuft und welche Tools wir haben, ist dieser Optimismus nicht unbegründet. 

Welche Tools meinst du?

Insbesondere die Impfung. Schaffen wir die versprochenen 10 Millionen pro Woche, ist das Ende absehbar. 

Warum treffen wir uns, wenn alles prima ist?

Es ist nicht alles prima. Da sind ganz große Probleme, über die geredet werden muss. Doch zunächst zu den weiteren Tools: es gibt die Schnelltests und damit kann sich jeder vor Veranstaltungen testen lassen.

So wie beim Einkaufen auch …

Ganz genau. Dazu noch den Mund-Nasenschutz und das von uns längst ausgearbeitete Hygienekonzept. 

Ihr habt also drei Tools, die ihr nutzen würdet?

Genau, wenn denn auch mal auf die Wissenschaft gehört würde. Die sagt nämlich, dass an der freien Luft das Infektionsgeschehen deutlich geringer bis kaum vorhanden ist. Wenn alle zudem Sorgfalt walten lassen und aufeinander aufpassen, sind wir auf einem Level wie im letzten Sommer. Dann, das haben wir letztes Jahr gesehen, kann man nicht nur lockern, sondern muss es, meiner Meinung nach. Allerdings rennt uns wegen der zögerlichen und inkonsequenten Maßnahmen der Vergangenheit die Zeit davon. Wir eiern rum: Warum nicht einmal in Deutschland ein wirklich knallharter Lockdown gefahren wurde, um die Zahlen zu senken und wir stattdessen seit Monaten in einem Lockdown-Light dümpeln, ist mir unerklärlich. Zumal es viele Länder gibt, die bewiesen haben, dass es nur so wirklich Sinn macht. 

Es müsste doch zudem einfacher zu lockern sein. Denn die Geimpften gab es letztes Jahr noch gar nicht.

Genau, das kommt noch hinzu. Die Politik vermeidet seit März letzten Jahres, unserer Branche konkrete Perspektiven aufzuzeigen. Allen anderen Branchen werden Versprechungen gemacht, natürlich an Inzidenzen gekoppelt, nur bei uns sieht das anders aus. 

Was erwartest du denn? Wollt ihr direkt öffnen?

Absolutes Nein. Bei einer derart brisanten Lage, wie sie aktuell vorherrscht, wollen wir natürlich nicht öffnen – wir sind und waren uns unserer Verantwortung immer bewusst. Zumindest trifft das auf den Großteil meiner Kolleginnen und Kollegen zu. Es scheint aber so, dass die Regierenden all dem, was gerade den jüngeren Menschen unter uns Spaß bereitet, rigoros einen Riegel vorschieben, leider oft entgegen wissenschaftlicher Erkenntnisse. 

Das liegt vielleicht daran, dass eure Zielgruppe womöglich ohnehin nicht zu den Kernwählern der großen Koalition gehört … 

Könnte sein … dabei sind die Jüngeren die, die unter den Einschränkungen am meisten leiden, also die Siebzehn-, Achtzehn-, Fünfundzwanzigjährigen; die gerade in andere Städte gehen, studieren, ihre erste große Liebe kennenlernen, einen Lebensplan erstellen und eben solche Räume und Veranstaltungen, wie wir und natürlich auch andere sie bieten, brauchen. Wirklich brauchen. Das ist eine eigene Welt, ein eigener soziokultureller Mikrokosmos, abseits des Establishments, der ganz bedeutend ist für diese Generation. Doch das scheint nicht relevant für die Entscheidenden. 

Du bist Betreiber von Clubs aber auch Gastroeinrichtungen mit Biergarten – also keinen Clubs. Du kennst somit beide Seiten. Die kommerzielle, die den Mainstream und Mitbürger:innen aller Altersgruppen bedient, wie auch die subkulturelle Szene. Was sind die Unterschiede? 

Zum Vergleich: Im Biergarten können wir 300 Leute versorgen … da geht es mittags los – das ist einem Open Air nicht unähnlich. 

Stimmt, das sind zwei „Events“, die ungefähr gleich lange gehen, kenne beides … aber beim Biergarten ist es doch so, dass die Leute ausschließlich sitzen, an großen Tischen, zusammen essen …

Du vergisst: und viel trinken. Vermutlich mehr als auf unseren Kulturevents. All das passiert außerdem ständig ohne Mundschutz, gerne auch singend, aber definitiv immer laut sprechend und feiernd. Kann man natürlich auch übersetzen auf die Terrasse eines Italieners, wo die dritte oder vierte Flasche Wein über den Tisch geht. Dann gibt es meistens nur eine oder zwei Toiletten, wo sich alle nach und nach mal reinquetschen. 

Hmm, im Biergarten werden die Tische außerdem häufig neu besetzt – sind dann nicht sogar mehr Leute im Biergarten als auf einer Beach-Veranstaltung?

Ob es mehr sind … sicherlich. Denn im Biergarten mit drei-, viermal Neubelegung, reden wir über bestimmt das vierfache an Durchlauf. 

Wieviele Leute wären denn auf einem Kulturevent, wie ihr sie umsetzt?

Zu unseren Events wollen wir zunächst gar nicht ganz öffnen. 500-700 Leute würden reichen – ohne Begrenzung der Einlasszahlen würden weit über tausend Leute reingehen. Die große Frage ist auch, ob Biergarten- oder Restaurantgäste schnellgetestet werden müssten. Bei unseren Veranstaltungen wären definitiv alle vorher getestet, und alle tragen fast durchgehend einen Mundnasenschutz. Nur in ausgewiesenen Sitz/Trinkbereichen darf dieser zwecks Nahrungsaufnahme abgenommen werden. 

Also nicht nur beim Reinkommen wie im Biergarten?

(lacht) Das wäre schön, aber soweit sind wir nicht! Der Mundnasenschutz ist wirklich zu 99 Prozent bei unseren Veranstaltungen zu tragen. Darüber hinaus ist es so, dass gerade auf elektronischen Musikveranstaltungen wirklich wenig gesprochen wird und sprechen ist das, was Aerosole rumfliegen lässt. 

Auf euren Veranstaltungen wird nicht geredet?

Nicht nur auf unseren wird kaum gesprochen, auch generell bei konzertanten Darbietungen. Vielleicht wird mal unterm Mundschutz gejubelt, aber man steht oder sitzt nicht zusammen und redet die ganze Zeit – kennst du doch.

Kann ich bestätigen. 

Dann haben wir zudem von allen Gästen die Namen, schon ab dem Vorverkauf sind diese bekannt. Geht natürlich auch mit der Luca-App, die alte Freunde von mir auf den Markt gebracht haben und die mit unserem Ticket VVK System korrespondiert. Neuerdings sind dort sogar negative Testnachweise integriert. Mit einem Device haben wir also zukünftig Tracking, VVK und den negativen Testnachweis abgedeckt. Ohnehin kommen unsere Gäste in den seltensten Fällen mal eben so rum und sind deshalb immer maximal vorbereitet. 

Letztes Jahr, das fällt mir gerade ein, hatten die Restaurants doch sogar drinnen geöffnet, oder irre ich mich?

(lacht) Stimmt absolut. Da hilft auch keine Maske oder der Abstand wirklich – das muss man sich mal vorstellen. Indoor auf teils engstem Raum dürfen wir ohne Mundnasenschutz zusammenhocken, aber Outdoor auf über 2000qm müssen 200 Leute mit Mundnasenschutz in 1,5 Meter voneinander entfernten Kreisen stehen.…

Im Infektionsgesetz steht also, dass Restaurant öffnen dürfen dieses Jahr?

Na ja, die dürfen, warum auch immer, zumindest vor uns öffnen. Das passiert ja alles in einer festgelegten Reihenfolge. Erst Zoos, dann Museen, dann Theater, dann Restaurants …  

Und ihr?

Ganz am Ende, da kommen wir. Alles was Vater, Mutter, Kind oder Oma und Opa Spaß macht, geht halt, aber das, was Teenager und Twentysomethings gut finden oder gar brauchen, ist per se auf dem Index. Versteh mich nicht falsch, ich bin, wie schon erwähnt, auch Restaurantbetreiber und gönne jeder Branche eine Chance. Aber wenn genau in diesem Punkt so offensichtlich der Verstand ausgeschaltet ist und nicht auf die Wissenschaft gehört wird, macht mich das stutzig. In Barcelona wurde übrigens gerade ein Modellprojekt mit 5000 Gästen ohne Mindestabstand, mit Masken und Schnelltests, ausgewertet. Oh Wunder, es ist perfekt gelaufen und war kein Superspreader Event – nachweislich. 

Letztes Jahr habt ihr euch tolle Sachen einfallen lassen. Das Tanzen in Kreisen erwähntest du gerade schon …

Die will ich definitiv nicht mehr, das sehe ich nicht ein. Wie gesagt, jeder Virologe wird Dir sagen, dass in einem geschlossenen Raum mit fünfzig Leuten – da ist es auch völlig egal, ob man da zwischen Tischen oder Sitzen 1,5 Meter Abstand hat – das Infektionsrisiko deutlich größer ist, als bei draußen, bei Open Air Veranstaltungen wie unseren. Das steht in keinem Verhältnis und war letzten Sommer schon eine Farce. Da war es so, dass wir diese Kreise aufgemalt haben mit 1,5 Meter Radius – auf einer Fläche für zweitausend Leute haben wir da zweihundert untergebracht – während gleichzeitig die ganze Stadt geöffnet war. Da fühle ich mich verarscht. 

Jede Veranstaltung für junge Menschen wirkt auf die Alten wie Ischgl-2.

Diese Ischglisierung muss endlich mal aufhören, jetzt fängst du auch noch an. Wir können nichts dafür, dass vermutlich die Mehrheit unserer verantwortlichen Politiker:innen ernsthaft meint, dass eine geschlossenen Apres Ski Ballerbude mit einem elektronischen Open Air gleichzusetzen ist. Wir haben schlichtweg viel zu viele alte, konservative Politiker:innen, die noch nie in ihrem Leben in einem Technoclub oder auf einem Festival waren und somit schlichtweg keine Ahnung von der Lebensrealität der jungen Menschen haben.

Was heißt das?

Die denken vermutlich tatsächlich, wir wären alle Ischgl. Dabei sind wir von Ischgl soweit entfernt wie eine Space-X Rakete vom Papierflieger. Wenn nicht sogar noch weiter. 

Wie soll der Staat das denn unterscheiden?

Kulturveranstaltungen unter freiem Himmel als erstes öffnen und genehmigen. Vor jeglichen Aktivitäten in geschlossenen Räumen – das ist doch logisch. Wie wäre das? Darüber hinaus würde man damit mal endlich zuerst an die Jüngeren denken. Eigentlich ganz einfach also …

Dir geht es also zunächst „nur“ um den Outdoorbereich?

Natürlich! Ich rede aktuell nur von Outdoor. Wir müssen diesen Sommer eine vernünftige Behandlung erfahren und eine Chance bekommen. Wenn die Indoor-Sessions wieder losgehen, sollten die Inzidenzen schon sehr niedrig sein. Das ist doch klar. Wobei viele Kollegen auch Indoor diverse Maßnahmen wie neue Lüftungsanlagen und Virenreiniger installiert haben, um zumindest im Spätsommer/Herbst ihre Chance zu bekommen. Der Frühsommer dürfte dafür aber zu früh kommen. 

Das ist tatsächlich absurd. Der Biergarten oder das Restaurant dürfen öffnen, ein Open Air Event mit ausgeklügeltem Hygieneschutzkonzept darf aber zeitgleich nicht stattfinden oder nur so klein, dass es nicht umsetzbar ist.  

Das befürchte ich tatsächlich auch diese Sommer!

Könnte unser Bürgermeister Lewe nicht einschreiten und … 

Nicht ganz einfach. Es wird gerade geprüft, inwieweit die Kommunen selbstständig Regelungen anpassen dürfen und wo ihnen die Hände gebunden sind. Es braucht aber definitiv von der Landesregierung und zumindest bis Ende Juni von der Bundesregierung grünes Licht für einen gewissen Spielraum. Über unseren OB, viele Politiker in Münster und unsere Verwaltung beklage ich mich hier explizit übrigens nicht. Die haben letztes Jahr schon alles möglich gemacht, was irgendwie im Rahmen der Gesetzgebung zu realisieren war. 

Hm. Kann denn die Landes- oder Bundesregierung die einzelnen Kommunen so genau einschätzen – oder sollten das nicht besser die Kommunen selber tun?

Der Bund kann natürlich nur begrenzt überblicken, was in den einzelnen Ländern oder Kommunen los ist, aber zum Glück greift das angepasste Bundesinfektionsschutzgesetz nur bis zum 30. Juni und auch nur dann, wenn die Inzidenz über 100 liegt. So wurde es mir zumindest von einem Vertreter der Landesregierung bestätigt. Bedeutet, wenn die Inzidenz absehbar unter 100 bleibt, kann die Landesregierung das Heft des Handelns wieder in die Hände nehmen, auch vor Ende Juni. Hoffentlich tut sie das diesmal mit besonderem Augenmerk auf die jüngere Generation, bei der sich mittlerweile die Depressionsraten vervielfacht hat. Unabhängig davon muss diese Generation dringend auch ein Zeichen erhalten. Ich habe letztens gelesen, dass 85% der jüngeren Mitbürger wahnsinnig diszipliniert bisher alle Maßnahmen mitgetragen haben. Da muss die Politik erkennen, dass Freiheiten, die offensichtlich vornehmlich der Ü30 Generation zu gute kommen, sehr schnell dazu führen werden, dass die Akzeptanz bei den Jüngeren rapide abnimmt. Dann haben wir ein Abdriften in die Illegalität ohne jegliche Hygieneschutzkonzepte. Das gab es letztes Jahr schon zuhauf und das wird dieses Jahr noch extremer werden. 

Wenn ich zwanzig wäre und mir klar wird, dass die Hälfte der Leute ihre Erstimpfung erhalten hat, könnte mich auch nicht viel zurückhalten. 

Dann ist es aber so: keine Luca-App, keine Kontrollen, kein Mund-Nasenschutz, keine Schnelltests. 

Da kann ich zustimmen. Aber ich merke das an mir selber, wie die Bereitschaft sich den Regeln entsprechend zu verhalten, nachlässt. Da macht sich jeder, und ich auch, irgendwann die eigenen Regeln.

Ja, die Leute stumpfen ab. Unter anderem auch deshalb, weil die Entscheidenden offensichtlich wenig in den vergangenen vierzehn Monaten gelernt haben. 

Was würdest du tun, in der Verantwortung stehend?

Ich würde die jungen Leute mit einbeziehen und ernst nehmen. Ich finde auch die mediale Berichterstattung oft unerträglich. Über Jüngere liest man doch maximal nur: 

Hier ist eine illegale Party hopsgenommen worden, dort sind Cops einmarschiert, weil dort ein illegaler Rave war und so weiter. Ich habe aber noch nie irgendwo gelesen, dass das die sind, die am meisten unter der Situation leiden. Ich habe zwei Kinder und weiß, wovon ich da rede. Ich habe einen Kleinen, einen Sechsjährigen, für den ist das schon hart, aber er kommt ganz gut klar. Natürlich leidet er bisweilen auch, aber aktuell sieht er zumindest seine Mitschüler und es gab im gesamten Winter Notbetreuung, wo er immer wieder soziale Kontakte mit seinen Freunden hatte. Wenn ich mir aber anschaue, wie meine Tochter leidet, dann ist das eine andere Dimension. Sie ist vor der Pandemie zum Studieren nach Berlin gezogen und startet gerade in ihr eigenständiges Leben, entwirft den Plan dafür und würde genau jetzt Freundschaften und Beziehungen für die Ewigkeit knüpfen. Wie so viele in ihrem Alter …

 

Wie geht es ihr?

 

Äußerst bescheiden. Sie hat aufgrund der kurzen Zeit in Berlin nur bedingt soziale Kontakte knüpfen können, hat die Uni bisher kein Mal von innen gesehen, sitzt seit einem Jahr nur in ihrer Bude vor ihrem Bildschirm, lernt und wird logischerweise langsam wahnsinnig. In dem Alter werden nicht nur einfach Partys gefeiert, wie es die „Alten“ annehmen, sondern es werden Freundschaften für Leben geschlossen, die erste große Liebe wird erlebt und die Nacht als Freiraum entdeckt. Clubs und Festivals sind essentiell wichtige Orte der Begegnung, eigene Mikrokosmen ohne den Einfluss der Erwachsenen, wo Menschen zusammentreffen, die sich so nie begegnen würde. Musik, die vermutlich direkteste Form der Wahrnehmung, wird entdeckt und begleitet einen durchs ganze Leben. All das fällt weg, seit fast eineinhalb Jahren – und das ist für einen jungen Menschen eine deutliche längere Zeit als für uns.

Aufgrund der wenigen Ahnung, die Merkel und Co. diesbezüglich haben, erfüllt sie die Vorstellung von junger Kultur vermutlich mit Schrecken. 

Die kennen es selber halt nicht und haben Kultur, geschweige denn Subkultur in der Form wie viele von uns sie erleben, vermutlich nie kennengelernt. Ich mutmaße, dass für sie Oktober- und Schützenfeste, Vereinspartys, Empfänge von Lobbyverbänden oder der Wiener Opernball die Highlights des Jahres sind – und dabei bleibt die Subkultur unserer urbanen Zentren eine völlig fremde Welt.

Zusammengefasst ist es also so: ihr bietet eine sichere Möglichkeit, im Sommer, draußen, mit Nachverfolgung, getestet, teils geimpft, mit Mundnasenschutz, aber ohne Abstand mit vielleicht einem Drittel der normalen Kapazität Kultur zu erleben, dürft dies aber erst, nachdem Tourismus, Zoos, Theater, Museen, die klassische Gastronomie, der Einzelhandel und was auch immer öffnen dürfen – ohne die besseren Konzepte zu haben und ohne wissenschaftlich belegbare Argumente. 

Ganz genau, so liest man es zumindest aus den kursierenden Beschlussvorlagen und den Erfahrungen von 2020. Ich bin gespannt, ob die europaweit stattfindenden Modellprojekte mal zu einem Umdenken bewegen. Vor allem frage ich mich aber, warum dem überhaupt so sein muss, liegt das vielleicht daran, dass wir wenig Lobby haben und nicht ins Wählerbild der aktuell Regierenden passen? 

Mir war das bisher gar nicht so klar, wie absurd vieles ist und ich muss sagen, dass ich als Interviewer unparteiisch sein sollte, aber in diesem Fall kriege ich das Kotzen.

Ich kann nur sagen: Bitte hört auf die Wissenschaft, schaut euch die Erfahrungen an aus dem letzten Jahr und habt nicht nur in allen anderen Bereichen außer Kultur ein wenig Mut. 

Eins noch: Ist Münster nicht Modellstadt, wie passt das dazu?

(lacht) Das ist das beste! Wir sind Modellprojektstadt, aber wenn du drüber nachdenkst, ist das die nächste Absurdität.

Warum?

Ganz einfach: eine Modellstadt versucht gewisse, weitgehend sichere, Experimente und wenn die gut ausgehen, werden sie ausgerollt. Modellprojekte sind also per se dafür da, Grenzen zu testen um Daten zu erhalten und zu wissen, das geht, das nicht. Aber wenn ich generell völlig unbegründete Vorurteile gegenüber einer bestimmten Szene habe, brauche ich natürlich keine Modellprojekte. 

Also Mut zum Risiko?

Es geht bei allem auch immer um Menschenleben, deswegen hört sich Mut zum Risiko ein wenig so an, als wenn wir uns hier auf völlig unkontrollierte Pfade begeben möchten. Im Grunde braucht es gar nicht so viel Mut, um bei Inzidenzen unter 50 Modellprojekte zu starten. Denn das sind vorsichtige, kontrollierte und immens wichtige Schritte für unser Land – am Ende erhöhen diese Schritte auch die Glaubwürdigkeit der Politik, um die es ja nicht zum Besten steht, gerade bei der jungen Bevölkerung! Warum werden in allen möglichen Bereichen weit größere Risiken gegangen, nur bei uns passiert so gut wie nichts. Verhungern wir, wenn große Fleischfertigungsbetriebe mal in den Lockdown müssen; leiden wir wirklich, wenn der innereuropäische Reiseverkehr etwas eingedämpft wird und stattdessen in den Kommunen unseres Landes kulturelle Freizeitaktivitäten in größerem Stil realisiert werden? 

Was ist denn mit Reisen?

Oh man. Wenn ich letztes Jahr an die vollbesetzten Reisebusse, die zu hunderten an die Adria gekachelt sind, denke. Hier durften keine 300 Leute draußen mit Mundschutz zusammen raven, während sich deutsche Urlauber mit Millionen von Urlaubern aus anderen Ländern, wie die Lemminge, ohne Mundnasenschutz, an den Stränden drängen durften, um nachher auch noch in Clubs und Bars unkontrolliert durchzudrehen. Da fehlt mir das Verständnis und leider habe ich große Sorge, dass es diesen Sommer wieder ähnlich kommen könnte. Wie gesagt, mir geht es nicht darum, mit 15.000 Leuten ein schweißtreibendes Festival zu veranstalten, sondern mit ein paar hundert Gästen und wenn es die Situation zulässt, auch gerne mit 4-5.000 Gästen, draußen und mit ausgeklügeltem Sicherheitskonzept zusammen zu kommen. 

Ich überlege gerade, wie ich das alles finde und muss sagen, mir fehlen die Worte. Ich hoffe, die Verantwortlichen kriegen die Kurve. Mühe werden sie sich geben, denn in diesem Jahr sind Wahlen und da sind die jüngeren auch dabei. 

Und könnten die Quittung geben.

Vita:

Der zweifache Vater und Kulturunternehmer Thomas Pieper ist Gründer und Betreiber diverser Clubs und Restaurants in Münster und Dortmund: das Heaven, der Coconut-Beach, das Fusion – um nur einige zu nennen.

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Interview Thorsten Kambach / Fotos Maren Kuiter

Erstmalig erschien dieser Text in Stadtgeflüster Interview

Mai 2021

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