Chiara Kucharski und Klemens Jakob besprechen einen Lebens(t)raum

18 Quadratmeter Wohnfläche und viel Freiheit. Ersteres kennen sicherlich viele Münsteraner Studierende, die den Wohnungsmarkt durchstöbern. Doch mit so wenig Wohnraum verbindet man nicht sofort einen autarken, ausgeklügelten und nachhaltigen Lebens(t)raum. In den Achtzigern kündigte Klemens Jakob seinen Job bei der Deutschen Bundespost kurz vor der Verbeamtung, um mit Fahrrad und Anhänger allein von Bamberg nach Afrika zu fahren. Vielleicht war dies der Grundstein für seinen unabhängigen Lebensstil. Chiara Kucharski hat mit dem heutigen Baubiologen über sein Verständnis eines guten Lebens gesprochen und möchte mehr über das Konzept „ownworld“ erfahren. 

 

MIT MINIHAUS ZUM SELBSTVERSORGER

Wie würdest du „ownworld“ erklären? Oder sollen wir mit deinem „ownhome“, dem Tiny House, anfangen?

Letztendlich geht es gar nicht um das Haus, sondern um einen bestimmten Lebensstil. Dieses Haus ist gut geeignet als Basis für den Lebensstil, für den ich das Wort „weltgerecht“ geprägt habe. Ein Stil, der den aktuellen Umständen unserer Welt gerecht wird. Nicht auf Kosten anderer Menschen oder des Ökosystems zu leben, sondern eingebunden in das Ganze.

 

Wie kann man die aktuellen Anforderungen unserer Zeit benennen? Was unterscheidet sich da zur früheren Zeit?

Irgendwann gab es mal einen Teil der Menschen, der sich das Recht herausgenommen hat, mehr Ressourcen zu verbrauchen als die Natur uns bietet, wenn wir die Ressourcen gerecht auf alle Menschen verteilen würden. Wir sind jetzt so weit gekommen, ich sage es mal ganz krass formuliert, dass der Lebensstil, den wir hier in Deutschland leben, im Durchschnitt vierzig Sklaven erfordert. Das heißt jetzt nichts anderes, als dass dieser Lebensstil unser komplettes Ökosystem zerstört. 

 

Du hast mal den Satz geschrieben, dass du nur das in deinem Leben verwenden möchtest, was du auch wirklich brauchst. Wie viel ist das? 

Es gibt eine Berechnung von der ETH Zürich (Eidgenössische Technische Hochschule). Die haben ausgerechnet, was die Erde an Energie und Ressourcen zur Verfügung stellt. Umgerechnet in einen Leistungswert kam dann die Veröffentlichung der 2000-Watt-Gesellschaft. Im Nachhinein habe ich erfahren, dass sie eigentlich eine 1000-Watt-Gesellschaft errechnet hatten, aber es geschönt wurde, damit es auch ein bisschen akzeptabel für die Allgemeinheit wird. 

 

Will heißen?

Wenn wir nicht mehr als 1000 Watt pro Kopf als durchschnittliche Leistung pro Jahr verbrauchen für Ernährung, Mobilität, Kleidung und Wohnung, dann ist das im Rahmen der Ressourcen, die uns zur Verfügung stehen. Das lässt sich aber ganz individuell gestalten: Wenn jemand in Polen auf dem Land wohnt und viel Auto fährt, lässt sich vielleicht irgendwo anders wiederum etwas sparen. Aber insgesamt sollte es an diesen Wert herankommen. 

 

Das ist, was du mit deinem ownhome umsetzt?

Für mich ist das ownhome eine gute Basis, um genau diesen Wert gut erreichen zu können und nicht groß auf irgendwelchen Komfort verzichten zu müssen. 

 

Was bedeutet „gutes Leben“ für dich? 

Es gibt ja diese schöne Idee der „materiellen Grundgeborgenheit“. Diese Dinge sollten jedem Menschen zur Verfügung stehen. Dass man ein Dach über dem Kopf hat, dass man es nicht zu kalt oder zu warm hat, Wasser und bequeme Klamotten und dass man sich gesund ernähren kann. Darüber hinaus finde ich, müssten es keine weiteren materiellen Werte sein. Dann kann man sich all dem zuwenden, was den Menschen individuell Spaß und Freude macht und was dem Gemeinwohl dient. 

 

Wie hängt der Hausbau ansonsten mit deinem Lebensmodell zusammen? 

Dass man Materialien verwendet, die aus der Natur kommen und auch wieder in die natürlichen Räume zurückgehen können und der Verbrauch an Energie ein bestimmtes Kontingent nicht übersteigt.   

 

Du hast dich, wie bei Tiny-Häusern üblich, gegen Räder und Mobilität entschieden und für eigene Selbstversorgernetze. Wie sieht da der Alltag aus?  

Bezogen auf die Mobilität fahre ich oft und gerne mit dem Rad oder bin elektrisch mit dem Auto unterwegs. Weite Strecken werden mit dem Zug gefahren. Bei meiner Ernährung wächst ein Teil direkt ums Haus. Wir leben zu siebt auf dem Gelände, kooperieren mit der solidarischen Landwirtschaft aus dem Nachbarort und haben jemanden, der beim Foodsharing mitmacht. Versorgungstechnisch leben wir hier im Paradies. 

 

Osmoseanlage, Biogasanlage, Phasen-Wechsel-Speicher als Heizung. Wie viel Know-how muss man sich anschaffen, um so autark wie du leben zu können? 

Da sieht es so aus, dass ich mich komplett mit eigener Energie und eigenem Wasser versorge. Von der Biogasanlage hatte ich vorher zum Beispiel überhaupt keine Ahnung. Ich habe dann Katrin Pütz aus Köln kennengelernt. Sie ist auf den Bau von kleinen Biogasanlagen spezialisiert. Ich konnte sie dafür begeistern, dass wir gemeinsam hier eine kleine Biogasanlage aufbauen. Wichtig ist da einfach, Bewusstsein zu schaffen, dass wir viel mehr selbst schaffen können, uns Rat holen können, anstatt dass man alles „machen lässt“. 

 

Gibt es da nicht gehörig „Gegenwind“ von Behörden, das alles genehmigt zu kriegen?

Die technischen Hürden sind tatsächlich deutlich kleiner als die rechtlichen Hürden. Rechtlich ist es fast unmöglich, die Wasserautarkie genehmigt zu bekommen. Da ist eine Mischung aus zivilem Ungehorsam, Gesetzeslücken suchen und geduldiger Kommunikation notwendig. Es gibt einige Initiativen, die sich bemühen, dass sich da in der Gesetzeslage noch mehr ändert. Dass sich mit der Energiewende auch eine Sanitärwende einrichtet. 

 

Was gibt es für Gründe, dass eigene Kreisläufe kaum erlaubt sind? 

In Zukunft wird Wasser auch in Deutschland ein sehr, sehr wertvolles Gut sein. Wasser- und Stromkreisläufe greifen ineinander. Das heißt, wenn wir 13000 Liter Trinkwasser verwenden, um 65 Kilogramm Dung in Form von menschlicher Scheiße zum nächsten Klärwerk zu transportieren, dann ist das doppelt absurd, weil die Erde die Nährwerte nicht wieder zurückbekommt und das Wasser weg ist. Anstatt unsere wertvollen Ausscheidungen direkt vor Ort so aufzubereiten, dass sie als „Baustein“ neuen Lebens eingesetzt werden können. 

 

Für alle, die begeistert vom unabhängigen Wohnen sind, bietest du auch Baupläne an.

Es gibt viele, die von meinem Konzept Teile übernehmen. Welche, die wollen Altbau, also bestehende Bauwerke, verändern. Welche, die den Wasserkreislauf nachbauen. Und auch neue Bauprojekte. Denn ich stelle fest, dass viele Menschen mit ihrem aktuellen Leben einfach nicht mehr zufrieden sind. 

 

Bin ich falsch informiert, dass man sich deine ownhome-Bausätze auch IKEA-like herunterladen und nachbauen kann? 

Das war der ursprüngliche Gedanke. Wir haben uns dann komplett gegen die Vermarktung unserer Ideen entschieden, um zu verhindern, dass unser doch sehr gewinnorientiertes Wirtschaftssystem die Idee auflöst. Jeder, der in diese Richtung gehen oder bauen will und den Mut fasst: „Ich baue mir mein Haus“, den unterstützen wir. Angefangen vom Plan bis zur Umsetzung und allen Ideen, die sonst nicht klappen könnten. Wir können Hilfestellung in den Bereichen leisten, wo jemand glaubt, er könne von diesen Dingen etwas nicht selbst.

 

Wie könnten dann die ersten Schritte aussehen, wenn man bislang nur den Wunsch nach einem Tiny House hegt? 

Der erste Schritt ist, zu überlegen, wie man leben möchte. Will ich beispielsweise alleine leben oder möchte ich mit ähnlich Gesinnten in einer Gemeinschaft leben? Für alles kann man sich natürlich auch Inspirationen holen, was es bereits an Plänen und Umsetzungen gibt. Diese Pläne kann man umsonst nutzen. Alle Abänderungen sind dann immer mit Kosten verbunden. Dann gibt es bei uns im Verein mehrere Architektinnen und Architekten, mit denen man sich zusammensetzen kann, um das Ganze in professionelle Form zu bringen. 

 

Wie viel muss man für so ein Basis-Minihaus ohne Schnickschnack hinblättern?

So wie ich jetzt hier lebe, mit Materialkosten für alles wie Technik, Terrasse, Innenausbau sind das zwischen 50000 und 60000 Euro. Wenn man den eigenen Wasserkreislauf weglassen würde, wären das schon 10000 Euro weniger. 

 

Wow! … Ist aber auch nicht unwichtig beim Autarksein.

Für mich ist das eines der wichtigsten Dinge bei dem Ganzen. 

 

Wie funktionieren die erwähnten solidarischen Gemeinschaften?

Neben der solidarischen Landwirtschaft in Bezug auf die Ernährung haben wir hier selbst einen Verein für solidarische Bauwirtschaft gegründet. Da sitzen viele kompetente Menschen mit drin, die ihre Arbeitskraft für Ideen zur Verfügung stellen. Die bauen oder mithelfen wollen. 

INFO

Klemens Jakob

Zunächst gelernter Groß- und Außenhandelskaufmann, dann Reisender. Schließlich arbeitete er in der ökologischen Land- und Forstwirtschaft und studierte Baubiologie. Vor einigen Jahren kehrte er seiner gegründeten Solarfirma den Rücken und widmet sich seinem selbst erbauten Tiny House in Isingen, am Stadtrand von Rosenfeld in Baden-Württemberg.

Autor Chiara Kucharski / Illustration Thorsten Kambach

Erstmalig erschien dieser Text in Stadtgeflüster Interview August 2021

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