Arndt Zinkant fragt Holger Kreymeier, was Ihn am GEZ-Fernsehen stört

Als Journalist hatte Holger Kreymeier schnell sein Hauptthema gefunden: Die eigene Branche. Mit seiner One-Man-Show „Fernsehkritik TV“ überzog er vom heimischen Studio aus ab 2007 vieles mit Spott, ob Trash-Fernsehen oder Gebührenverschwendung. Vor einigen Jahren suchte er sich dann Mitstreiter und gründete seinen eigenen Internet-Sender: „Massengeschmack TV“. Die Fans sind weitgehend dieselben, die Themen aber breiter gefächert.

DER MANN AN DER MEDIATHEKE

Würden Sie kurz beschreiben, was Massengeschmack-TV genau ist?

Wir sind im Grunde wie Netflix, nur mit Talksendungen und Magazinen.

 

Und welches Format ist bei Ihnen das erfolgreichste?

Sicherlich die von mir moderierte „Mediatheke“ – eine Sendung, die sich kritisch anderen Medienformaten widmet. Zuvor produzierte ich ja alleine mein Format „Fernsehkritik TV“, ab 2007 – darauf baute alles Folgende auf. Die ganze Community wurde quasi „drumherum gebaut“. 

 

Gab es da eine Initialzündung?

Ja, das war ein Besuch bei meiner Hausbank im Jahr 2013. Bis dahin hatte ich „Fernsehkritik TV“ im Homeoffice bei mir zuhause gemacht. Die Zahlen sahen zu dem Zeitpunkt so gut aus, dass der Bankberater mich fragte: „Wollen Sie nicht expandieren? Den Kredit dafür bekämen sie sofort.“ Damals dachte ich, dass es doch eine tolle Sache wäre, ein eigenes Studio zu haben. Dann stieß ich auf ein bereits existierendes, dass der Besitzer abgeben wollte, und dachte: „Das ist ja perfekt! Da könnte man dann auch mehrere Sendungen produzieren.“

Sie vermieten das Studio auch manchmal weiter. Aber das das meiste Geld kommt durch die Abonnenten?

Hauptsächlich. Wir haben mittlerweile sogar „Lebenszeit-Abos“, die ich in einer schwachen Minute angeboten hatte, weil wir finanziell etwas durchhingen. Das lohnte sich aber – denn binnen eines Tages kamen 10 000 Euro rein. Mit diesen Abos und den übrigen sind wir dann etwa bei 3000 Stamm-Zuschauern.

Was erwarten diese thematisch?

Das Hauptaugenmerk liegt immer noch auf der Medienkritik, mit der ich ja ursprünglich allein gestartet war. Wenn ich also auf irgendwelche Trash-Sendungen draufhaue. Zurzeit gibt es da den Trend der dubiosen Coaches, die sich im Internet breitmachen und jedem Reichtum versprechen. Wenn ich Beiträge über solche Leute mache, die Andere hinters Licht führen – so etwas kommt stets am besten an.

 

Die Frankfurter Rundschau hat sie vor neun Jahren den „Meckerer vom Dienst“ genannt…

Damals war ich noch als Einzelkämpfer unterwegs und hatte gerade den Grimme-Online-Award bekommen. Da war ich in aller Munde und habe wirklich auf alle draufgehauen, das muss ich zugeben (lacht).

Wie ein Oliver Kalkofe als Journalist?

Ja, so in etwa. Den kenne ich übrigens gut und hatte ihn mehrmals zu Gast. Er hat mich in der Tat inspiriert, als er Mitte der 90er mit seiner „Mattscheibe“ loslegte. Das wollte ich auch in ähnlicher Manier machen – bin aber natürlich kein Komiker mit dem Talent eines Kalkofe. Das kann man an meinen ersten Folgen von Fernsehkritik TV gut sehen, denn damals habe ich mich fast nur über Trash lustig gemacht. Aber ich bin eben doch ein gelernter Journalist, und dieses Handwerk schlug dann rasch in meiner Arbeit immer mehr durch.

Ich finde gerade heute Medienkritik wichtig, zumal sich die Medien auch immer ähnlicher werden. Haben Sie da ein zentrales Thema im Fokus?

Wir beobachten aktuell zum Beispiel den riesigen Bereich der alternativen Medien, jetzt in der Corona-Zeit, wo viele sich als Kämpfer gegen den Staat und Merkel gerieren und damit horrende Spenden einsammeln. Da werden teils abstruse Verschwörungstheorien verbreitet – wie etwa, dass Bill Gates wie ein Bond-Bösewicht die ganze Welt mittels Impf-Regime beherrschen will.

Geld ist ein gutes Stichwort – Sie sind auch vehementer Kritiker des GEZ-Beitrags. Warum?

Ich bin nicht grundsätzlich gegen einen Rundfunkbeitrag. Bestimmte Formate und Themen kann man über den Markt nicht finanzieren, z.B. Hochkultur oder hochwertige journalistische Beiträge und Dokumentationen. Oder auch Reportagen über Randthemen, Beiträge für Minderheiten wie etwa Behinderte. Aber das Problem der Öffentlich-Rechtlichen ist: Sie betreiben nach wie vor eine Masse von 67 Radiosendern, ein Relikt aus den Achtzigern, was kein Mensch mehr braucht. Früher konnte man hier in Hamburg nur den NDR empfangen, bei Ihnen war es dann wohl der WDR.

 

Mit eigenem eigenen Münster-Studio.

Aber heutzutage kann man von Norwegen bis Südafrika alle Radiosender empfangen, die es gibt! Außerdem unterhalten die Öffentlich-Rechtlichen auch noch 18 vollwertige Fernsehender – wo dann der „Sturm der Liebe“ morgens auf diesem Programm läuft und abends auf jenem. Die zeigen alle dasselbe, nur zu den verschiedenen Uhrzeiten, da kann man auch gleich alle zu einem Programm zusammenlegen. Alles andere
ist Schwachsinn!

 

Und die tummeln sich außerdem noch im Internet mit dem Format „funk“.

Das ganze verkrustete System ist viel zu teuer. Verwaltungsräte, Programmdirektoren, Intendanten – das muss alles grundsätzlich neu durchdacht und reformiert werden, es passt nicht mehr ins moderne Medienzeitalter. Ich glaube außerdem nicht, dass die Öffentlichen für Unterhaltung zuständig sind – in dem Punkt haben wir ein überbordendes Angebot: Im Netz, bei den Privaten oder auch bei Netflix. Da braucht kein Mensch noch die „zwangsfinanzierte Zwangsunterhaltung“.

 

Sehen Sie da ein Umdenken?

Leider nicht. Was auch daran liegt, dass die politischen Parteien in den Verwaltungsräten sitzen und kein Interesse an Reformen haben. Die einzige Partei, die dagegen opponiert, ist die AfD – aber das tut sie aus Populismus und weil sie nicht in diesen Räten vertreten ist. Da hat man leicht reden! Aber Rot, Grün und CDU haben ein großes Interesse – nicht in dem Sinn, dass man direkt aufs Programm einwirken würde. Aber über die Mitbestimmung bei der Besetzung der Chefredakteursposten kann man eben doch Einfluss geltend machen. Das hat Folgen für den Inhalt des Programms, da kann mir keiner was anderes erzählen.

 

Teils haben Sie auch mal verbal hart zugelangt – etwa, als Sie die GEZ mit der Stasi verglichen.

Das mag überspitzt und polemisch gewesen sein. Andererseits ist der Beitragsservice die größte Datenzentrale in Deutschland: Die haben über uns quasi mehr Informationen als der Bundesnachrichtendienst. Und die werden leider auch munter weitergegeben. Auch darüber habe ich neulich eine Geschichte gemacht: dass ein privates Inkassounternehmen Gebührengelder eintreiben sollte. Da werden also munter Daten an Inkassounternehmen weitergegeben – skandalös! Natürlich will ich nicht behaupten, dass die unsere Wohnung verwanzen wie im Film „Das Leben der Anderen“. Aber die bekommen Einblick in Dinge, die sie nüscht angehen. Ich glaube, ich hatte damals auch nur gesagt: “Eine KLEINE Stasi“.

 

Bei Ihren eigenen Talkformaten haben Sie deutlich weniger Berührungsängste als die Öffentlichen. Denn Sie reden ja auch mit „Schmuddelkindern“ bzw. Outlaws: Ken Jebsen, Oliver Janich, Akif Pirincci oder Leuten von „Russia today“.

Jebsen war nicht bei mir – wir waren nur beide gemeinsam in einer anderen Talkshow zu Gast. Aber mir ist ja auch wichtig, denen zu widersprechen. Sonst sitzen die nur in ihrer Bubble. Bei Pirincci hat mich die Person als solche interessiert: Der war ja ein ganz toller Schriftsteller, der wunderbare Katzenkrimis verfasst hat. Ich wollte wissen, wo der Mann falsch abgebogen ist. Wie konnte es dazu kommen, dass er sich so aggressiv und beleidigend äußert? Und er hat sich bei mir eigentlich um Kopf und Kragen geredet. Solche Leute werden in der Tat woanders nicht eingeladen. Aber wenn sie mich persönlich interessieren, nehme ich mir diese Freiheit.

 

Und bei Russia today?

In dem Fall war ich ebenfalls der Gast. Ich habe damals gesagt: „Ich komme zwar, möchte aber umgekehrt auch einen Beitrag über euch produzieren.“ Ich habe diesen Beitrag dann auch gemacht, der kritisch war und deutlich machte, dass die für die russische Regierung Propaganda betreiben. Und dazu standen sie auch erstaunlich offen. Die Moderatorin Jasmin Kosubek – das bekannteste Gesicht des Senders – gab offen zu: „Wir machen Nachrichten, die im Sinne der russischen Regierung sind.“ Solche Offenheit finde ich wiederum gut. Die würden halt nie einen kritischen Bericht über Putin machen.

 

Meinem Eindruck nach herrscht zurzeit aber auch ein Mangel an kritischen Berichten über Merkel…

Das ist in der Tat richtig. Für mich ist es auch ein Phänomen, dass sogar der Spiegel positive Berichte über Angela Merkel bringt – aus früheren Kohl-Zeiten kenne ich das Blatt noch anders. Diese Frau löst bei vielen Leuten immer noch etwas Merkwürdiges aus. Sie wird ja nie konkret, sondern stochert im Allgemeinen, was viele Menschen offenbar goutieren. Ich kann‘s mir nicht erklären.

 

Wie viele Sendungen bringt Massengeschmack TV eigentlich insgesamt? 

Wir produzieren etwa ein Dutzend verschiedene Sendungen und bringen fast jeden Tag eine neue. Da ist für viele Geschmäcker etwas dabei.

 

Zum Beispiel für Film-Nostalgiker wie mich. Neulich stieß ich auf diese Fanboy-Talkrunde über Christopher Lees alte Dracula-Filme. Fand ich herrlich, denn das war auch noch meine Zeit.

Genau – das ist das Schöne an unserm Sender, dass wir eben auch zu solchen Themen mal eine Sendung machen, wohl wissend, dass sie nicht die große Masse ansprechen kann.

INFO

Nach einigen Semestern Soziologie verschlug es Kreymeier Ende der 90er Jahre in Hamburgs Medienszene, u.a. zu Bild-TV und Spiegel-TV. Ab 2007 produzierte er dann vom heimischen Studio aus seinem Magazin „Fernsehkritik TV“. Dem Genre blieb Kreymeier auch in seinem Internetsender Massengeschmack-TV treu, der außerdem Sendungen wie „Pantoffelkino“ oder den „Comic-Talk“ mit Hella von Sinnen produziert.

Viele, viele weitere Infos zum Holger Kreymeier erfahrt Ihr am besten hier:

Arndt Zinkant / Illustration Thorsten Kambach

Erstmalig erschien dieser Text in Stadtgeflüster Interview

April 2021

​Alle Rechte bei Stadtgeflüster – das Interviewmagazin vom

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