Arndt Zinkant fragt Hermann Bleker nach der Aura französischer Autos

Als er den Citroën DS, die legendäre „Göttin“, 1969 erstmals sah, war es um Hermann Bleker geschehen. Damals wurde das Autohaus von seinem Vater gegründet, heute ist die Bleker-Gruppe der größte Citroën-Händler in Deutschland. Der Chef hat über diese Entwicklung ein Buch geschrieben: „Mit Citroën fing alles an“. Außerdem erzählt er Stadtgeflüster Interview, was er von einer autofreien Innenstadt hält, und wie die „Göttin“ dem französischen Präsidenten de Gaulle einmal das Leben rettete.

 

GÖTTIN AUF VIER RÄDERN

Können Sie sich an den ersten Anblick der „Göttin“ erinnern? 

Na klar: Seinerzeit kam ein Außendienstler namens von Bülow bei uns in der Autolackiererei vorbei – und da habe ich dann die erste Probefahrt in einem Citroën DS gemacht. Begeisterung pur! Unser damaliges Familienauto war ein Bollerwagen dagegen. Die göttliche Inspiration der Marke versucht man nun auf die neueren, aktuellen Modelle zu übertragen, was auch recht gut gelingt. Der DS war jedenfalls meine Initialzündung.

Was am besonderen, eleganten Design lag…

Nun, schauen sie sich zu jener Zeit – 1969 – einen Ford oder Opel an. Dann wissen Sie Bescheid! (lacht). Das Auto sah nicht nur einzigartig aus, sondern hatte einen einzigartigen Fahrkomfort – mit der legendären Federung. Heute fahre ich einen Citroën D7, und die Federung und der Sitzkomfort sind immer noch Spitze. 

War der Spitzname Göttin seinerzeit „offiziell“ verbreitet?

Ja. Die Ausstrahlung des Wagens zündete sofort, als das Modell 1955 in Paris auf der Autoausstellung Mondial vorgestellt wurde. Damals wurden sofort 9000 Göttinnen verkauft. Das Auto war für die Marke Citroën eine wegweisende Initialzündung. In Deutschland wurde es häufig von Künstlern, Architekten oder Ärzten gefahren; Leute, die sich teils ganz bewusst von BMW oder Mercedes absetzen wollten.

                                                                

Leute meiner Generation haben das Modell oft in den alten Louis-de-Funès-Filmen bestaunt. Oder in coolen französischen Krimis mit Jean Gabin oder Belmondo.

Genau, das war bei mir auch so. Und eben dieses einzigartige Fahrwerk! Man konnte den Wagen ja noch auf drei Rädern fahren, falls ein Reifen platt ist, die Hydraulik glich das aus – was sogar dem französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle einmal das Leben gerettet hat, bei einer Verfolgungsfahrt nach einem Attentat. Der Wagen hatte am Ende 14 Einschüsse, und trotz geplatzter Vorderreifen erreichte der Fahrer noch den Flughafen (Anm.: Auf Wikipedia kann man das „Attentat von Petit-Clamart“ nachlesen). Der DS war damals quasi der französische „Staatswagen“. Entsprechend teuer war er. Heute hat der DS eine im Bau günstigere Luftfederung. 

Was hat Sie nun bewogen, ein Buch über Ihr Leben und die Firma zu schreiben?

Einmal für die nachfolgenden Generationen, aber auch als Motivation für junge Leute – um ihnen einfach zu zeigen, dass man aus einem jungen, kleinen Unternehmen eine ganze Unternehmensgruppe aufbauen kann. Dass Fleiß und Risikobereitschaft sich auszahlen. Mein schnell zu lesendes Buch „Mit Citroën fing alles an“ zeigt das. Übrigens: Auch in der Pandemie-Zeit haben wir um die 17.000 Autos verkauft, neue wie gebrauchte. Keine Kurzarbeit. Sogar ein Bonus am Jahresende war für die Mitarbeiter drin.

 

Wie haben Sie das geschafft?

Das Wichtigste: Keine Angst haben. Außerdem muss man im Online-Bereich stark nach vorne gehen. Darüber hinaus muss man einen guten Kundendienst bieten. Bei uns wird jeder Kunde Tag und Nacht abgeschleppt, bekommt stets einen Ersatzwagen. Nach jedem Werkstattaufenthalt kriegt man sein Fahrzeug gewaschen zurück. Unsere Kundenzufriedenheit beträgt 97 Prozent – die letzten drei bekommt man leider bei aller Mühe nicht hin, klar. (Lacht)

Ist es ein Vorteil, wenn das Unternehmen komplett in Familienhand ist?

Ja, ein Riesenvorteil. Die Entscheidungswege sind viel kürzer. Unsere beiden Geschäftsführer sind bei uns während 20 Jahren „groß geworden“.  Je zwei Töchter von mir und meinem Bruder sind ebenfalls in leitender Funktion tätig.

Muss man in Ihrer Branche das sprichwörtliche Benzin im Blut haben?

Das ist für mich Grundvoraussetzung! Im Vergleich etwa zur EDV-Branche sind die Umsatzrenditen bei uns ja eher schmal. Das heißt, man muss gut wirtschaften und immer liquide bleiben. Außerdem muss man seinen Mitarbeiten Disziplin und Engagement vorleben. Nix mit Golfplatz in der halben Woche! Ich werde demnächst 65 und bin seit etwa 50 Jahren in der Branche. Allerdings habe ich das alles nicht alleine geschafft – mein Bruder Bernd hatte einen großen Anteil am Erfolg. Unser dritter Bruder ist vor Jahren allerdings ausgeschieden und in Rente.

Meinem Gefühl nach sehen sich die Autos in den letzten 20 Jahren immer ähnlicher. Würden Sie da zustimmen?

Das stimmt – allerdings geht man bei Citroën da noch andere Wege. Es kommt nun ein neuer DS 4 heraus, der in Frankreich designt und entwickelt wurde und in Rüsselsheim gebaut wird. Das hebt sich doch noch ab, aber nicht mehr so stark wie früher. Früher erkannte man viele Marken bereits von Weitem. 

Mir kamen die französischen Modelle immer eine Nuance eleganter vor, auch die von Renault und Peugeot. 

Das ist in der Tat so. Der Ursprung der besseren Fahrwerke liegt übrigens darin begründet, dass die Franzosen in den 50er und 60er Jahren noch schlechtere Straßen hatten als wir. Darauf waren die Fahrwerke ausgelegt, das ist Tatsache. 

                                                                 

Sie sind Jahrgang 1956. In Ihrem Buch haben Sie ja die Geschichte der Republik ein wenig Revue passieren lassen, vom Wirtschaftswunder mit Vollbeschäftigung über die ebenfalls boomenden Achtziger bis heute. Was für Gedanken kommen Ihnen in diesen düsteren Corona-Zeiten, wo die Zeichen auf Abschwung stehen?

Was heißt Abschwung? Deutschland ist von allen westeuropäischen Ländern wirtschaftlich am stärksten. Wir werden daher die Pandemie auch besser überstehen. Manche Geschäftsmodelle wird es danach wohl nicht mehr geben – dafür werden neue entstehen. Gewinner ebenso wie Verlierer. Da Deutschland kapitalstark ist, rechne ich mit einem Aufschwung. Wir können viel investieren, auch in Umwelttechnologien, sei es Windkraft oder Solarenergie. Das Geld dafür ist da. Dieses Wachstum wird natürlich einige Jahre dauern, aber ich rate davon ab, den Kopf in den Sand zu stecken. Stets positiv nach vorne blicken!

Beim Auto scheinen die Zeichen zum einen auf Elektromobilität zu stehen, andererseits ist auch der Wasserstoffantrieb im Gespräch. Wo sehen Sie die Zukunft?

Die Elektro-Entwicklung wird in den kommenden Jahren fortschreiten, was allerdings auch mit deren Förderung zusammenhängt. Die Wasserstofftechnologie scheint mir durchaus auch vielversprechend – und: den umweltfreundlichen synthetischen Kraftstoff nicht zu vergessen. Alles eine Frage des Geldes. Der Verbrenner bleibt uns aber sicher noch 20 Jahre erhalten.

In Ihrem Buch schreiben Sie: Ihre Mutter hat seinerzeit Ihren Vater nur mit dem Versprechen geheiratet, dass er nicht selbstständig wird. Verstehen Sie diese Haltung?

Die Einstellung kam daher, dass meine Mutter ebenfalls aus einem Unternehmer-Haushalt kam. So wusste sie, dass in solchen Familien das Geschäft immer an erster Stelle steht. Aber nach dem Krieg gab‘s ja nix zu fressen – es musste vorwärts gehen. Heute verstehen viele Jugendliche diese Verhältnisse nicht mehr. Eine Nachkriegs-Situation, wie ich sie teils noch in den 60er Jahren erlebte, kann sich die heutige Jugend kaum noch vorstellen. Der Kunde war immer der Erste, nicht der Zweite. Wir haben in der Pandemie sogar das beste Geschäftsjahr aller Zeiten hinbekommen.

Wie war das möglich?

Wenn alle Anderen in Deckung gehen – Kurzarbeit, geschlossene Läden und so weiter – sollte man gerade in die andere Richtung laufen. Wir haben vieles online geregelt, sind aber auch zu den Kunden nach Hause, um ihnen die Schlüssel zur Probefahrt zu bringen. Ähnlich wie ja auch viele Restaurants nun einen Bring-Service bis zur Haustür anbieten. Das hat uns das Lob unserer Kunden eingebracht. Teilweise mussten wir auch „tricksen“, wenn durch Lücken in der Lieferkette manche Teile schwer zu bekommen waren. In Münster haben wir dann sogar 40 Prozent mehr verkauft als im Jahr davor. Daher musste auch kein Mitarbeiter in Kurzarbeit oder auf Geld verzichten.

Gratulation!

In Münster bekommen wir jedoch allmählich ein Standortproblem – durch die geplante Verbannung der Autos aus der Innenstadt. Man kann das durchaus reduzieren, damit kann man leben, auch ich. Aber mit den Plänen, die da im Schwange sind, werden Einzelhändler kaputtgemacht! Dann haben wir am Ende keine Händler mehr vor Ort, die auch eine kompetente Beratung anbieten – das ist wichtig, wenn‘s auch manchmal teurer ist. Fragen Sie mal einen 25-Jährigen, dessen Vater ein Geschäft in der Innenstadt hat: „Würden Sie das übernehmen?“ Der antwortet Ihnen: „Auf keinen Fall!“

 

Apropos übernehmen: Sie selbst sollten ja als junger Mann einen Bauernhof in der Familie übernehmen. Wie wäre Ihr Leben dann wohl verlaufen? 

Mütterlicherseits gab es tatsächlich einen Bauernhof, auf dem ich großteils aufgewachsen bin. Die harte, disziplinierte Arbeit hat mir auch viel gebracht. Der Lackiererbetrieb der Familie hätte mich dagegen nicht interessiert. Aber wie gesagt: Dann kam 1969 die Göttin, der Citroën DS, dazwischen. Da war es um mich geschehen. (Lacht) 

INFO

Hermann Bleker stieg früh in den Betrieb seines Vaters ein, der zunächst eine Autolackiererei in Borken betrieben hatte, die im Jahr 1969 in ein Autohaus umgewandelt wurde. Gemeinsam mit den drei Söhnen wurde der kleine Familienbetrieb Stück für Stück zum größten Citroën-Händler in Deutschland mit rund 800 Mitarbeitern ausgebaut.

Das Buch namens "Mit Citroën fing alles an: Der Weg zur Bleker Gruppe", das hier Erwähnung findet, gibt es in jeder gut sortierten Amazon-Online-Buchhandlung und natürlich im stationären Einzelbuchhandel. 

Einen Link gibt's auch noch, gönn dir: bleker-gruppe.de

Autor Arndt Zinkant / Illustration Thorsten Kambach

Erstmalig erschien dieser Text in Stadtgeflüster Interview März 2021

​Alle Rechte bei Stadtgeflüster – das Interviewmagazin vom