ARNDT ZINKANT FRAGT DANIEL HUHN VON DER
FILMWERKSTATT, WAS MÜNSTER ALS FILMSTADT AUSMACHT

Filmfans gibt es unzählige – zumal im studentisch geprägten Münster. Ab dem 16. September findet an zehn Tagen das Filmfestival Münster statt. Damit die Szene insgesamt lebendig bleibt und auch das Sperrige eine Chance hat, werkeln viele hinter den Kulissen; natürlich auch in der Filmwerkstatt, die gerade ihr 40-jähriges Bestehen feiert. Noch weit älter ist der Filmclub Münster. Über beide hat Daniel Huhn eine Menge zu erzählen.
Der Dokumentarfilmer ist einer der Geschäftsführer der Filmwerkstatt.

CINEASTEN UND BRÜCKENBAUER

Was genau macht die Filmwerkstatt – und was der Filmclub?

Die Filmwerkstatt ist ein gemeinnütziger Verein, der sich seit vier Jahrzehnten erfolgreich der Kunstgattung Film widmet. Wir sind ein Ort, an dem die Vermittlung, Präsentation und Produktion von Film und Medienkunst zusammen gedacht wird. Unsere Standbeine sind zum einen die Seminare, die Weiterbildung für Jugendliche und auch für Profis. Zum anderen machen wir seit 40 Jahren das Filmfestival in Münster. Außerdem gibt es bei uns den Technikverleih und die Unterstützung für Filmproduktionen in der Region. Filmschaffende rufen uns oft an mit Ideen für einen Kurzfilm oder Ähnliches und
oft können wir sie mit Beratung und Technik unterstützen.

 

Und wo kommt der Filmclub ins Spiel?

Im Bereich der „Abspielflächen“. Der Filmclub ist viel älter als die Filmwerkstatt, aber seit mehr als 20 Jahren ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeit. Er wird in einer Kooperation von vier Partnern organisiert: der Burg Hülshoff – Center for Literature, dem Westfälischen Kunstverein, den Münsterschen Filmtheaterbetrieben sowie der Filmwerkstatt.

 

Der Filmclub ist sogar der älteste in Deutschland. Gibt es da eine bestimmte Tradition, die Sie wahren?

Er ist in der Tat der älteste noch existierende Filmclub, gegründet 1948. Vieles, was damals Ansinnen der Gründergeneration war, verfolgen wir noch heute: vor allem den künstlerischen Film präsentieren. Weil das Angebot hier insgesamt größer als die Kinokapazitäten ist, kümmern wir uns dabei auch um Filme, die sonst vielleicht nicht berücksichtigt würden. Oder auch ältere, die teilweise in Vergessenheit geraten sind. Mit dem Filmclub ist auch die Idee verbunden, Diskurse anzuregen. Speziell in unserer neuen Reihe „Filmplädoyer“ haben wir diese Tradition wieder aufgegriffen. 

 

Hatte er damals tatsächlich über 1000 Mitglieder?

Ja, in der Filmclub-Zeitschrift der Gründer stand zu lesen, dass der Filmclub bereits nach sechs Wochen 700 Mitglieder umfasste. Ein Jahr später waren es dann bereits über 1000 Mitglieder. Wohlgemerkt zu einer Zeit, als weder Fernsehen geschweige denn Streaming existierte. Kino war der einzige Ort, um Filme zu erleben.

 

Wie sind Sie zur Filmwerkstatt gekommen und was sind Ihre Aufgaben?

Ich bin über eines der Seminare dazugekommen: „Master School Dokumentarfilm“. Das war vor zehn Jahren, später bin ich dann Mitglied im Verein geworden. Winfried Bettmer hat den Verein über  20 Jahre geprägt. Als er im vergangenen Jahr in den Ruhestand ging, habe ich gemeinsam mit der Kollegin Steffi Köhler die Geschäftsführung übernommen.

 

Offiziell stellt sich der Filmclub gerade neu auf. Was genau ist das Neue?

Mit der Burg Hülshoff – Center for Literature haben wir einen neuen Partner hinzugewonnen. Somit sind wir also nun vier Institutionen und können mit Jörg Albrecht, dem Leiter des Centers, neue künstlerische und kuratorische Perspektiven einbringen. Außerdem wollen wir das Programm mit frischen Formaten bereichern, zum Beispiel mit der Reihe „Filmplädoyer“, bei welcher Kunstschaffende und andere Persönlichkeiten der Stadtgesellschaft jeweils einen Film mit einem Plädoyer eröffnen. Dazu kommt das Jahresthema, zu dem wir eine Filmreihe kuratieren. 2021 lautet es „Ausbrüche/Aufbrüche“. In der „Freifläche“ haben wir zudem die Möglichkeit, auch kurzfristige Reihen oder Einzelevents zu konzipieren. Hier haben wir jüngst zu Afghanistan den Film „Kabul, City in the Wind“ gezeigt sowie eine Reihe zu Dokumentarfilm-Debüts in diesem Herbst.

 

Dann muss man ja ganz fix an die entsprechenden Streifen herankommen. Wie geht das?

Das läuft über die Verleihfirmen. In der Regel kümmert sich bei uns Carsten Happe darum. Gerade bei älteren Filmen kann das herausfordernd sein, denn im Kino gab es ja vor circa zehn Jahren den Wandel von der Filmrolle zur digitalen Vorführkopie. Viele ältere Filme sind nicht als digitale Kopie zu bekommen. Nur in wenigen Kinosälen existiert noch die Möglichkeit, eine Filmrolle abzuspielen. Wenn man dann einen solchen alten Klassiker besorgen und abspielen will, beginnt oft eine knifflige Recherche. Da muss dann geklärt werden, wo die Rechte liegen, teilweise existieren die entsprechenden Firmen gar nicht mehr. Oder man findet dann eine Firma in England, die zwar die Rechte hat, aber eben nur für England. 

 

Wo wird der Filmclub denn gespielt?

Der Filmclub ist im Schloßtheater zu Hause. Dort war er bereits in den 1950er-Jahren angesiedelt. Dann wanderte er durch viele Institutionen der Stadt und kehrte in den 1990er-Jahren wieder zurück ins Schloßtheater. Damals stiegen die Münsterschen Filmtheaterbetriebe zusammen mit der Filmwerkstatt beim Filmclub ein, beide sind ihm bis heute treu geblieben. Letztes Jahr beim „Litfilms-Festival“ haben wir den noch nutzen können. Sonderevents des Filmclubs spielen wir auch im Westfälischen Kunstverein, der schon seit den 1970ern Teil des Filmclubs ist, oder aber mal zusammen mit Cinema & Kurbelkiste. Zumindest im Schloßtheater gibt es im großen Saal noch die Möglichkeit, Film von der 35-mm-Rolle zu spielen. Langfristig wird die digitale Entwicklung aber wohl bewirken, dass Filme, die nicht digital gesichert werden, immer schwieriger zu bekommen sind. Gerade eben haben wir ja „My Blueberry Nights“ von Wong Kar-Wai gezeigt, der ist von 2007, aber auch den gibt es schon nicht mehr als digitale Kinokopie, sondern nur als DVD oder Blu-Ray. 

 

Und wie sieht es mit dem Edgar-Wallace-Film „Der Frosch mit der Maske“ aus, der ebenfalls in der Reihe „Filmplädoyer“ gezeigt werden soll?

Den gibt es auch nicht als digitale Kinokopie – das heißt, man muss ihn von der DVD spielen, was einen deutlichen Qualitätsverlust bedeutet.

 

Mit einem solchen Film rechnet man in diesem Kontext eigentlich nicht, sondern eher mit Kunstfilmen oder sperrigen Gesellschaftsanalysen. Hat nostalgisches Unterhaltungskino einen übersehenen künstlerischen Aspekt?

„Der Frosch mit der Maske“ läuft im Kontext einer Veranstaltung des Center for Literature, in der sie sich kritisch mit den Wallace-Filmen auseinandersetzen und ein kleines Remake anvisieren. Es ist ein gutes Beispiel, wie der Filmclub die Programme der einzelnen Partner rahmen kann.

 

Was viele nicht wissen: Auch Quentin Tarantino ist ein bekennender Fan der alten Wallace-Filme und speziell der Regisseure Reinl und Vohrer.

Wir haben zwar nicht Quentin Tarantino, jedoch die Dramatikerin Lisa Danulat für ein Filmplädoyer zu Gast, die in ihrem Plädoyer sicherlich eine spannende Perspektive auf den Film werfen wird.

 

Haben Sie persönlich Lieblingsfilme oder Lieblingsgenres?

Mein Herz schlägt für den künstlerischen Autoren-Dokumentarfilm. Das ist der Bereich, in dem ich selber aktiv war und bin. Ich mag Dokumentarfilme, die eine starke Autorenhandschrift tragen. Einige spannende Beispiele dafür laufen auch im aktuellen Filmclub-Programm. 

 

Was hat die Filmwerkstatt in den letzten 20 Jahren in der Hauptsache erreicht?

Wir organisieren neben dem Filmclub mittlerweile zwei Festivals hier in Münster, das „Filmfestival Münster“ und „Litfilms“. Es gibt zudem eine starke Verankerung in der Kulturszene und viele Kooperationen mit anderen Kultureinrichtungen. Wir sind zum Beispiel auch Teil des Festivals „Flurstücke“. Darüber hinaus betreuen wir immer wieder diverse Filmprojekte und gestalten auch eigene Filmproduktionen. Wir wollen die Filmschaffenden in der Region auf verschiedenen Ebenen vernetzen und fungieren als eine Art Brücke für junge Filmschaffende, um sie in Kontakt mit der Branche zu bringen. Zugleich sind wir auch eine Brücke für das münsterische Filmpublikum, indem wir etwa für unsere Seminare und Filmgespräche spannende Filmschaffende nach Münster holen.

 

Stichwort „Filmstadt Münster“: Was müsste noch besser werden?

Sicherlich ist die Filmsparte in Münster, etwa im Vergleich zur Theaterlandschaft der Stadt, noch eher eine kleine Sparte und die Filmszene hier natürlich nicht vergleichbar mit der in Köln, Berlin oder München. Doch ich denke, dass sich in Münster, auch durch die Arbeit der Filmwerkstatt, in den letzten Jahrzehnten viel im Filmbereich getan hat. Schön wäre es, wenn wir perspektivisch die Filmschaffenden nicht nur mit Technik und Beratung unterstützen, sondern mit einer kleinen lokalen Filmförderung noch mehr Anreize bieten könnten, ihre Werke hier entstehen zu lassen. Mit einem Residenzprogramm, das wir im Rahmen von „Litfilms“ entwickelt haben, gehen wir in diese Richtung.

INFO

Daniel Huhn

Er ist Dokumentarfilmer und hat unter anderem für das LWL-Medienzentrum und für Museen gearbeitet. Zur Filmwerkstatt kam er vor zehn Jahren. Mittlerweile ist er neben seiner Kollegin Steffi Köhler deren Geschäftsführer. Die Filmwerkstatt sieht sich als Ansprechpartner für junge Filmemacher, welche sie bei Technik oder Anträgen unterstützt, und gibt auch Seminare, etwa für Drehbuchschreiben. 

Autor Arndt Zinkant / Illustration Thorsten Kambach

Erstmalig erschien dieser Text in Stadtgeflüster Interview Oktober 2021

​Alle Rechte bei Stadtgeflüster – das Interviewmagazin vom

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