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Tom Feuerstacke und Branko Tomovic geben sich verbal dem Vampirismus hin

VAMPIR

Vampire und die damit verbundenen Mythen treiben einen fast immer nach Transsilvanien. Die ersten bekannten Fälle von Vampirismus sind allerdings in Serbien dokumentiert. Sagt jener Regisseur und Schauspieler, der seinen familiären Ursprung in diesem Land hat. Die heimischen Bräuche und Traditionen kennt er aus dem Effeff. Aber seit Kindesbeinen fasziniert ihn ganz besonders die dunkle Seite dieser Region. Hexen, Dämonen und Vampirismus. Die Faszination für diese Mythen und Sagen brachte ihn dazu, Realität und Fiktion in einem Film zu vereinen.

Branko, du hast einen serbischen Horrorfilm gedreht: „Vampir“. Ich dachte, dabei geht es um eine traditionelle Hochzeit auf dem Land?
(Lacht) Nicht ganz. Es ist eine deutsch-englisch-serbische Koproduktion. „Vampir“ spielt in Serbien. Es geht um einen Typen aus London, der für eine Weile untertauchen muss. Ihm wird ein Job in einem serbischen Dorf angeboten. Er arbeitet dort auf einem Friedhof. Schnell stellt er fest, dass viele komische Dinge passieren und die Bewohner des Dorfes nicht so freundlich sind, wie sie vorgeben. 

 

Aber wie kommt man darauf, einen Horrorfilm in Serbien spielen zu lassen?
Sobald man „Vampire“ hört, ist die einzige Verbindung Dracula, Rumänien und Transsilvanien. Aber historisch gesehen sind die ersten Fälle von Vampirismus in Serbien vorgekommen. Am Anfang des 18. Jahrhunderts. Da gab es Sava Savanović und Arnold Paole. Das hat mich als Kind total fasziniert.

 

Dass es so ist, kann ich mir vorstellen. Aber wie kamst du darauf, deinen Film in Rujišnik spielen zu lassen? Eigentlich hätte doch Medveđa der Ort sein müssen, weil dort Vampirerzählungen herkommen.
Meine Eltern sind gebürtig aus dem Dorf Rujišnik. Ich habe dort als Kind immer die Sommermonate verbracht. Da Medveđa der Nachbarort ist, blieben mir die spannenden Geschichten um Vampire nicht verborgen. Daher dachte ich, warum nicht, und habe den Film geschrieben, der auf dem Friedhof von Rujišnik spielt. Der ist wirklich uralt und verkommen. Aber auf schöne Weise superinteressant. Er sieht einfach nur schrecklich aus und ist furchteinflößend.

 

Ein Film, der nur auf einem Friedhof spielt, geht das?
(Lacht) Er spielt nicht nur da. Das Haus meines Opas, das seit seinem Tod nicht mehr bewohnt ist, steht genau gegenüber dem Friedhof. Ich habe alles drum herumgeschrieben. Das Drehbuch war bereits letztes Jahr im Januar fertig. Dann kam Corona dazwischen. Im September bekamen wir ein Zeitfenster von drei Wochen, wo wir drehen durften. 

 

Weltpremiere war dieses Jahr auf dem Sitges Festival Internacional de Cinema Fantàstic de Catalunya. Dahin muss man es erst mal schaffen.
Stimmt. Das ist das Cannes des fantastischen Films. In der Stadt Sitges findet das weltweit älteste und größte Filmfestival für dieses Genre statt. Man kann da durchaus von Prestige sprechen, wenn man dort seine Premiere feiert. Hinzu kamen das Festival in Triest und das Raindance Festival in London. Und in Serbien gab es auch eine sehr gelungene Premiere. 

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Hat der Film auf diesem Festival einen Preis erhalten?
Der Film wurde in der Kategorie „New Visions“ gezeigt. Das ist schon ziemlich cool. Um Preise geht es mir dabei allerdings nicht, obwohl wir gerade einen tollen Preis auf einem anderen Festival gewonnen haben. Den Preis für einen bedeutenden Beitrag zur Filmkunst. Wichtiger ist, dass „Vampir“ von den Kritikern wahrgenommen wird. Man über ihn spricht. Dass der Film somit einen guten Start hat.  

 

Du hast den Eindruck, dass dein Film wahrgenommen wird und man über ihn redet?
Ja klar. Natürlich, es gibt immer Leute, die Dinge gut oder schlecht finden. Davon muss man sich frei machen, sobald der Film raus ist. Man kann es eh nicht mehr ändern. Ich bin keiner, der es allen recht machen will. Die Geschichte ist speziell. Sie spielt in Serbien und es geht auch um das Volk. „Vampir“ erzählt Geschichten dieser uralten Traditionen und Mythen und der ersten Fälle von Vampirismus. 

 

Branko, du sagst, die Ursprünge des Vampirismus sind in Serbien. Aber was ist die Art, wie ein solcher Film gedreht und gespielt wird? Was ist das Besondere, wenn man eine Vampirgeschichte serbisch erzählt?
In unserem Film geht es vor allem nicht um diese Lust oder Leidenschaft, die normalerweise mit diesen Vampiren in ihren Capes verbunden wird. Es geht um die echten Vampirfälle aus dem 18. Jahrhundert. Dass all dieser Aberglaube, diese Mythen und Traditionen wirklich gefestigt sind in diesem kleinen Dorf. Natürlich ist es ein Fantasyfilm. Aber die Geschehnisse sind noch heute in den Köpfen der Menschen in dieser Region verankert. 

 

Du hattest die Idee, hast das Drehbuch geschrieben. Du hast Regie geführt und spielst natürlich mit. Wie hast du dein Werk finanziert? 
Wir haben den Film selbst finanziert. Es ist eine Independent-Film, der aus der eigenen Tasche bezahlt wurde …

 

… du lebst in London jetzt unter einer Brücke? 
(Lacht) Nicht ganz. 

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Ihr habt keine Fördermittel bekommen? 
Es ist sehr schwer, Förderung für Horrorfilme zu bekommen. Deswegen haben wir es erst gar nicht probiert. 

 

Du drehst in einem Dorf in Serbien, das vermutlich niemand kennt. Ab jetzt ist der Ort bekannt für seinen Vampirismus. Wie hat die Bürgermeisterin reagiert, als sie von deinem Vorhaben erfahren hat? Waren Drehgenehmigungen ein Problem?
Genau das war ein bisschen meine Befürchtung. Die haben aber super reagiert. Wir durften inklusive Ortsschild alles zeigen. Die sind megastolz. Früher habe ich immer mit meinem Vater gescherzt, dass kein Arsch Rujišnik kennt. Jetzt weiß die ganze Welt, wo Rujišnik liegt. Witzig ist, dass Besucher, die den Film gesehen haben, fast erschrecken, wenn sie hören, dass der Ort existiert. Das Dorf ist so begeistert, dass sie eine Straße nach mir benennen wollen.

 

Branko, du hast es geschafft. Scheiß auf Oskar, Emmy und BAFTA und wie die Auszeichnungen alle heißen. Jetzt bekommst du etwas, was dir nicht mehr genommen werden kann. Wenn am Ende der Pope des Dorfes zustimmt, steht der Auszeichnung nichts mehr im Weg. Neben der Weltpremiere gab es noch eine Premiere in Belgrad und eine in Trstenik, dem Nachbarort von Rujišnik. Warum hast du dich für diese weiteren Premieren entschieden?
Es war der Dank dafür, dass wir den Film in Serbien drehen durften, und es tat gut zu sehen, wie sehr sich die Besucher gefreut haben. Wie stolz sie auf das Ergebnis waren. In Serbien ist der Film als Erstes in die Kinos gekommen. In der heutigen Zeit eine Kinoauswertung zu bekommen, ist schon super. Nicht sofort auf einer Streaming-Plattform zu landen. Zu erleben, dass Leute für einen Film in die Kinos gehen, bedeutet mir viel. Ich bin Filmemacher geworden, weil ich im Kino aufgewachsen bin. Ich bin als Kind in die Kinos in Münster gerannt. Das war meine Welt. 

 

Du bezeichnest dich als Filmemacher. Bist du kein Schauspieler mehr?
Doch, klar. Ich habe erst letztens noch in England „Killing Eve“ gedreht. In Deutschland habe ich neben Nadja Uhl in „Die Jägerin – Nach eigenem Gesetz“ vor der Kamera gestanden. Lief gerade erst im ZDF …

 

… was spielst du diesmal?
(Lacht) Was soll ich sagen. Ich spiele den serbischen Mafiaboss eines Rockerklubs in Berlin. 

 

Immer wenn wir uns getroffen haben, sprachst du von dir als Schauspieler. Heute reden wir von dem Filmemacher. Kurzfilme hast du ja gedreht als Schauspieler und Regisseur. Warum kommt es erst jetzt zu der neuen Bezeichnung?
Ich habe das Gefühl, dass man sich erst nach einem Kino-Langfilm Regisseur nennen darf. Mein Wunsch ist es, noch den ein oder anderen Film zu drehen. Als Schauspieler rede ich vom Spielen und als Filmemacher vom Machen. 

 

Es ist eine spannende Entwicklung bei dir. Diesen Wunsch, immer einen Schritt weiter zu gehen. Keinen Stillstand zu erleben.
Ich wollte schon immer auf eine Filmhochschule und nicht auf eine Schauspielschule. In Münster gab es da allerdings keinen Zugang. Weder für eine Filmhochschule noch für eine Schauspielschule. Ich bekam den Platz in New York. Somit war ich erst mal weit weg von Münster. Mein Wunsch ist es, in meiner Heimatstadt in Deutschland zu drehen. Aber selbst der „Tatort Münster“ wird in großen Teilen in Köln gedreht, was eigentlich absurd ist. Aber so funktioniert das halt. 

 

Ich möchte noch mal zurückkommen auf die Premieren in Belgrad und Trstenik. Wie fühlst du dich da im Blitzlichtgewitter, wo man dich doch als Mann voller Zurückhaltung kennt?
Generell interessiert mich der rote Teppich null. Ich bin glücklich, wenn ich am Set bin. Drei Stunden Schlaf pro Nacht während der Dreharbeiten und den Vorbereitungen. Das ist wie ein Marathon. Das ist meine Leidenschaft. Dafür lebe ich. Dieser ganze Schnickschnack um den roten Teppich ist unwichtig. Natürlich macht man das mit. Wenn etwas daran erfreulich ist, dann der direkte Kontakt zum Filmpublikum, den man bekommt. Die Gespräche, vor allem nach der Filmvorführung, wo Fragen gestellt werden. Die Meinungen zu hören, dieser Austausch ist toll.  

 

Was mir aufgefallen ist: Du bist ein Immigrantenkind, das im Ausland aufgewachsen ist und jetzt in seiner Heimat in einem abgelegenen Dorf in Serbien einen Coming-Home-Film dreht. Ein Stück weit eine Aufarbeitung?
Es ist kein biografischer Film, sondern eine Fantasygeschichte. Eine gewisse Allegorie ist, dass ich bei der Rückkehr eben mit den Traditionen und der Art des Lebens konfrontiert werde. Es ist durchaus schwer, damit zurechtzukommen. Auf einer anderen Ebene ist es dadurch auch ein sehr persönlicher Film.

 

Hast du gespürt, dass du lange weg bist und das nie wirklich erlebt hast?
Schon. Als Kind haben mich meine Eltern gezwungen, Folklore zu tanzen, und ich habe es gehasst. Damit aufhören durfte ich, als ich anfing Wasserball zu spielen. Das habe ich im Film verarbeitet, in dem es eine gruselige Szene mit Folkloretänzern gibt. Neben alledem habe ich es geschafft, die dunkle Seite Serbiens zu zeigen. Denn neben allen schönen Landschaften und Traditionen und Erinnerungen gibt es halt auch das Serbien mit seinen Mythen und Sagen von Hexen, Dämonen und Vampiren.

 

Branko, viel Erfolg mit „Vampir“. Aber noch mehr freue ich mich, wenn wir uns bald mal wieder auf ein Glas Rotwein in Münster treffen und unsere lustigen Geschichten als serbische Migrantenkinder erzählen können.
Darauf freue ich mich auch. Bleib gesund.

 

INFO

Branko Tomovic

Der 1980 in Münster geborene Schauspieler war bereits an der Seite von Brad Pitt, Kiefer Sutherland, Shia LaBeouf, Benicio del Toro und John Goodman zu sehen. Sein Regiedebüt „Red“ brachte ihm verschiedene Nominierungen und Preise auf Filmfestivals ein. Nun ist mit „Vampir“ sein erster Kinofilm als Regisseur zu sehen.

Autor Tom Feuerstacke / Illustration Thorsten Kambach / Fotos Red Marked Films

Erstmalig erschien dieser Text in Stadtgeflüster Interview Dezember 2021

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