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Tim Schaepers spricht mit Björn Sickel über afrikanische Nilbarsche

SPROSSEN, DIE DIE WELT BEDEUTEN

Aktien kaufen und teuer verkaufen. In ein Haus am Strand in der Karibik ziehen und sich zur Ruhe setzen. So dürfte der Traum vieler Menschen aussehen. Aber nicht für Björn Sickel. Der Hobbygärtner hat eine andere Idee vom Leben und investierte Geld in die Renovierung der alten Stadtbäckerei in Münsters Norden. Dort züchtet er als urbaner Landwirt sogenannte Microgreens und außerdem Fische. Warum er das macht und was an den kleinen Pflanzen in Verbindung mit einer Fischzucht so nachhaltig ist, erklärt er im Gespräch mit Tim Schaepers.

In Glasgow trafen sich die Vereinten Nationen und besprachen Maßnahmen gegen die Klimakrise. Nachhaltigkeit ist dabei ein zentrales Thema. Was machst du mit deiner Firma, um die Welt nachhaltiger zu gestalten?

Punkt eins: Wir wollen die Produktion von Lebensmitteln, sprich die Landwirtschaft, wieder näher an die Stadt heranbringen. Die Transportwege sind unwahrscheinlich lang in der globalen Nahrungsmittelversorgung. Punkt zwei ist die Schonung aller Ressourcen. Wir nutzen den Quadratmeter besser, weil wir unsere Produkte vertikal anbauen und verbrauchen bis zu 98 Prozent weniger Wasser.

 

Das ist eine ganze Menge. Wie macht ihr das?

Der Anbau erfolgt in einem geschlossenen Aquaponik-System. Auf einem herkömmlichen Feld steht viel Wasser, das einfach versickert und von der Pflanze gar nicht benötigt wird.

 

Aquaponik? Hat das was mit den großen Wasserbecken in deiner Halle zu tun?

Richtig. Aquaponik ist Fisch- und Pflanzenzucht kombiniert. Der Fischdung dient als Pflanzennährstoff. Somit haben wir ein zirkulierendes System. Dieses nährstoffreiche Wasser wird von den Pflanzen gefiltert und fließt zurück in den Fischteich. Zudem sind die Fische, die ich züchte, Flexitarier – sie fressen also auch übrig gebliebene Microgreens. Die Fischzucht ist allerdings etwas sportlicher, als ich mir das vorgestellt habe. Ich züchte Tilapien, afrikanische Nilbarsche. Dieser Fisch ist ein sehr guter Futterverwerter und macht aus einem Kilo Futter ein Kilo Fleisch.

 

Um was genau handelt es sich bei diesen kleinen Pflänzchen?

Das sind kleine essbare Keimlinge von Pflanzen. Im Samenkorn ist bereits extrem viel Energie gespeichert und die lassen wir praktisch raus. Deshalb brauchen sie auch keinerlei Dünger mehr. Pestizide kommen übrigens auch nicht zum Einsatz. Teilweise ziehen wir die Keime auf Kokosmatten, einem Abfallprodukt aus der Kokosmilchproduktion. Wenn diese Matten durchzogen sind von Wurzeln, schmeißen wir sie nicht einfach weg, sondern verwerten sie auf meiner Wurmfarm. Die Würmer zersetzen die Matten zu neuem Substrat. Der Gedanke, ressourcenschonend zu arbeiten, kehrt in jedem Arbeitsschritt wieder.

 

Es handelt sich also um ganz normale Sprossen beziehungsweise Kresse?

Sie werden oft als Kresse verkauft. Sprossen haben noch keine Photosynthese durchgeführt, da es sich quasi um nackte Wurzeln handelt. Bei der Photosynthese werden dann metabolische Prozesse in Gang gesetzt, die mehr Nährstoffe freisetzen. Die Energie vom Licht reicht also aus, um Vitamine und Nährstoffe zu produzieren.

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Und Pestizide benutzt ihr nicht, weil keine Schädlinge in die Halle kommen?

Genau. Außerdem lebt die Pflanze nicht lange. Der Lebenszyklus eines Microgreens dauert 14 Tage bis maximal drei Wochen.

 

Sie sehen auf jeden Fall sehr lecker aus. Wie kann ich die kleinen Gewächse verarbeiten oder zubereiten?

Bei den meisten kommen sie einfach in Salate – bei mir auch. In der Gastronomie werden sie auch gerne als Garnitur genutzt.

 

Also satt wird man davon nicht, es ist eher eine schmackhafte Beilage?

Nein, satt wird man nicht. Doch sie sind sehr nährstoffreich. 100 Gramm Microgreens enthalten so viele Nährstoffe und Vitamine wie ein Kilo der ausgewachsenen Pflanze. Wenn man zum Beispiel seine Kinder nicht dazu bekommt, ein Kilo gesunden Brokkoli zu essen, reicht es, wenn sie 100 Gramm Brokkoli-Microgreens essen.

 

Das ist ja extrem viel mehr! Dann ist es eine Art Superfood?

Ja, auf jeden Fall!

 

Dann gibt es woanders sicherlich schon einen Hype um die Power-Sprossen?

Das stimmt. Ich bin in den USA über einen Bekannten draufgekommen. Der hat vor drei Jahren damit angefangen und hatte wirtschaftlichen Erfolg. Daran habe ich mich orientiert. Gestern telefonierte ich noch mit meiner Schwester, die in Madrid lebt, und sie hat mir gesagt, dass sie die Microgreens mittlerweile auf jedem Teller im Restaurant sieht.

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Superfood und nachhaltig produzierte Lebensmittel kommen in alternativen Szenen ja bekanntlich sehr gut an. Da dürfte Münster der richtige Markt für deine Produkte sein.

Vor Kurzem hat mir jemand gesagt: „Das hat in Münster gefehlt!” Viele haben schon mal davon gehört und finden das spannend. Jetzt bin ich der Erste, der das hier umsetzt. Das Feedback ist auch sehr gut. Vegan, vegetarisch und Nachhaltigkeit ist in Münster ein großes Thema, da renne ich offene Türen ein. Moritz Sinder zum Beispiel verkauft meine Produkte bereits in seinem Spezialitätenladen „Moritz’ Kiepe“ auf der Wolbecker Straße. Demnächst wird es sie außerdem in einigen Gastronomiebetrieben geben. Und ein Marktbeschicker hat sein Interesse bekundet.

 

Man kann deine Produkte aber auch bestellen und du lieferst sie aus?

Das geht natürlich auch. Vorhin war ich mit meiner Gazelle unterwegs. Im Moment ist das Volumen noch nicht so groß. Ansonsten habe ich ein Lastenrad, mit dem zukünftig die Bestellungen geliefert werden sollen.

 

Wie kommt man auf die Idee, Urban Farmer zu werden?

Pflanzen waren schon immer mein Hobby. Ich habe zum Beispiel eine große Taglilien-Sammlung, auch mit essbaren Blüten. Mein Bekannter in den USA hat dann gesagt: „Schau mal, was ich Essbares produziere.“ Das fand ich sehr interessant. Hinzu kam, dass ich zu einem günstigen Zeitpunkt Tesla-Aktien gekauft und später gewinnbringend verkauft habe. Mit einem Teil des Gewinns habe ich meine Firma Future Food finanziert. Da der Nachhaltigkeitsgedanke bei Tesla ja auch eine gewisse Rolle spielt, wollte ich ebenfalls etwas Nachhaltiges mit dem Geld machen.

 

Also ganz im Sinne Elon Musks investiert?

Ja genau. (lacht) Sein Bruder ist auch Anteilseigner an Tesla und an einem Unternehmen namens „Square Roots“ beteiligt. Das sind Container in Städten, in denen Nahrungsmittel wie Microgreens und andere Produkte angebaut werden.

 

Im September dieses Jahres bist du mit deiner Farm an den Start gegangen? 

Die Halle habe ich schon länger gemietet. Das ist die ehemalige Stadtbäckerei. Es waren extrem viele Renovierungsarbeiten notwendig. Meine Lebensgefährtin lacht mich immer aus, wenn sie sich erinnert, dass ich am Anfang sagte: „Da streichen wir einmal weiß drüber und gut.“ Dabei hat sich das Monate hingezogen. (lacht) Ich war etwas zu optimistisch.

 

Konntest du danach sofort anfangen und auf Erfahrungen anderer zurückgreifen?

Ganz so leicht war es nicht. Im Sommer habe ich einiges getestet. Mit unterschiedlichen Anbaumethoden. Manche Pflanzen haben andere Ansprüche. Die Lichtverhältnisse habe ich ebenso ausprobieren müssen. Es gibt Microgreen-Züchter, die setzen auf rein weißes Licht. Ich habe aus Untersuchungen in den USA gelesen, dass rotes und blaues Licht eine besondere Wirkung auf die Pflanzen haben. Blaues Licht wirkt sich zum Beispiel positiv auf die Vitamin-C-Produktion aus.

 

Du bist also selbst noch am Forschen und Rumprobieren, wie was am besten funktioniert?

Ja, das ist ein Prozess, in den ich mich einarbeite.

 

Du hast noch viel Platz in deiner Halle und möchtest bestimmt noch mehr anbauen. Wie viele Mitarbeiter hast du schon?

Noch gar keine. Bis jetzt mache ich das noch fast alles alleine. Wobei ich jemanden habe, der mich im Marketing unterstützt, und ein paar helfende Hände aus meinem Freundeskreis. Doch ich muss sagen, dass ich kaum hinterherkomme.

 

Du brauchst also bald fleißige Erntehelfer?

Die brauche ich. Da denke ich integrativ und würde gerne Menschen mit Einschränkungen beschäftigen, beispielsweise aus der LWL-Klinik. Es gab auch schon Gespräche mit der Universität, die gerne ihre Studierenden an der Idee teilhaben lassen würden, um vielleicht ihre Abschlussarbeiten über Urban Farming zu schreiben.

 

Auf deiner Website habe ich gelesen: Urban Farming hat das Potenzial, den Hunger weltweit zu beenden. Wie das?

Es kann einen Beitrag leisten. Die Agrarfläche der Welt wächst ja nicht im Verhältnis zur Menschheit. Darum ist es hilfreich, in die Vertikale zu gehen. Die UN hat einige Ziele bezüglich nachhaltiger Entwicklung, Hunger, Klimaschutz und dergleichen formuliert, von denen Urban Farming mehrere bedient.

 

Ist es auch das, was dich antreibt?

Ja, überwiegend. Denn ich bin finanziell unabhängig und beziehe als Geschäftsführer kein Gehalt. Es ist die Idee, die ich vorantreiben möchte.

 

Finanziell unabhängig wegen der Tesla-Geschichte?

Ja.

 

Dann finde ich es großartig, dass du etwas Sinnvolles mit deinem Geld machst, anstatt irgendwo ...

Ich könnte auch am Strand auf den Bahamas leben. (lacht)

 

Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg dabei, dein Superfood auf den Tellern dieser Stadt zu etablieren.

Danke!

 

INFO

Björn Sickel

Der 1972 in Gelsenkirchen geborene Björn Sickel ist gelernter Sozialversicherungsfachangestellter. Mit dem Geld aus Aktienverkäufen hat er sich selbstständig gemacht und eine ehemalige Bäckerei renoviert. Dort züchtet er Sprossen, sogenannte Microgreens. Als Urban Farmer will er den Münsteranern das Superfood aus nachhaltigem Anbau schmackhaft machen.

Autor Tim Schaepers / Illustration Thorsten Kambach / Fotos Future Food Gmbh

Erstmalig erschien dieser Text in Stadtgeflüster Interview Dezember 2021

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