Annett Louisan im Gespräch mit Dennis Kunert

SIE WILL DOCH NUR SPIELEN.

Fünf Jahre zogen ins Land , bevor Annett Louisan mit „Kleine Große Liebe“ 2019 zurück in die musikalische Öffentlichkeit trat. Dass die Jahre zuvor keineswegs ungenutzt waren, im Gegenteil sogar so viel passiert ist, dass Annett als komplett neuer Mensch hervortrat, erzählt sie uns im Interview.

Annett, den meisten bist du durch deinen ersten großen Erfolg „Das Spiel“ bekannt. Wie hast du den Erfolg damals empfunden?

 

Unerwartet. Oder ich sage mal so: Ein langsam wachsender Erfolg wäre irgendwie besser gewesen. Zumindest für meine Nerven. (Lacht)

Aber du bereust das Lied doch nicht?

Nein, auf keinen Fall. „Das Spiel“ habe ich geschenkt bekommen und es kam im Grunde genau zur richtigen Zeit. Ich weiß nicht, ob es zwei Jahre früher oder später genauso funktioniert hätte. Das Lied wurde zu einer Riesenchance und die habe ich genutzt. Vielleicht war es auch ganz gut für mich, damals ein bisschen unterschätzt zu werden – das hat mich angestachelt.

 

Du hast in den vergangenen zwei Jahren ebenso viele Alben rausgebracht, eines davon sogar als Doppelalbum, und du hast eine kleine Tochter bekommen. Wie gelingt dir, junge Familie und Arbeit miteinander zu harmonieren?

 

Zu Beginn war es schon sehr anstrengend, aber mittlerweile hat sich alles gut eingespielt. Zunächst gab es Zwischenlösungen zwischen Entspannung und Betreuung. Denn wenn die Kleine gut betreut ist, dann kann ich mich auch fallen lassen und viel mehr auf meinen Job einlassen. Aber man muss halt auch Abstriche machen. Im Grunde ist es doch auch gut, dass sich nicht mehr alles um die Karriere dreht. Es fühlt sich besser an und man wird ein bisschen lässiger. Insgesamt ist dadurch alles ein bisschen gesünder.

 

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man als Eltern durch ein Kind eine völlig neue Gefühlswelt kennenlernt. Wie hat deine Rolle als Mutter deine Musik beeinflusst?

 

Na ja, also ich muss dazu sagen, ich habe keine „Mutti-Alben“ veröffentlicht. In den ersten anderthalb Jahren dachte ich: Oh Gott, als stillende Mutter ist man nun in einen eigenen Kosmos geraten, in eine Blase. Aber irgendwann kam ich auch wieder mehr zu mir und erkannte, was ich erschaffen habe – dies machte mich sehr glücklich und erhöhte die Qualität unseres Familienlebens enorm. Wenn ich nach einem Konzert oder nach einem Arbeitstag nach Hause kam, freute ich mich umso mehr darauf, nochmals Zeit mit meiner Tochter verbringen zu können oder zu spielen. 

 

Das ist großartig, denn wie oft klagen junge Eltern, dass alles so anstrengend sei …

 

Das Einzige, was mir anfangs wirklich zu schaffen gemacht hat, war das Schlafdefizit. Die ersten zwei Jahre konnte ich nachts

kaum zwei Stunden am Stück schlafen. Am Ende sind mein Mann und ich echt auf dem Zahnfleisch gegangen. Das war irre! Aber auch das bekommt man irgendwie hin.

 

Auch wenn du sagst, dass du keine Mutti-Alben gemacht hast, wage ich, trotzdem zu behaupten, dass deine Mutterrolle deine Musik beeinflusst.

 

Das vorletzte Album „Kleine große Liebe“ ist in der Zeit von 2014 bis 2019 entstanden und ich bin auch ganz froh, dass ich mir so lange Zeit gelassen habe, denn vieles musste ich mir damals erst einmal selbst beantworten: Ich war zum Beispiel nicht mehr richtig zufrieden, trug eine große Sehnsucht in mir und musste mir darüber klar werden, was mir fehlte. Dann hatten wir uns entschlossen, dass wir Eltern werden wollten, aber ich war ja auch schon fast 40. Dies alles waren Fragen, die ich mir dann in Liedern später beantworten konnte. Alles spielt in die Musik mit hinein und viele Lieder sind vor und während der Schwangerschaft entstanden, danach hab ich sie dann produziert.

 

Dann war das Doppelalbum ein zweites Baby?

(Lacht) Ja, solche Alben sind schon das Größte und Intensivste, was ich mit meiner Arbeit machen kann. Andere Projekte oder Cover-Alben sind einfacher und ein großer Spaß, da ich dort nicht die Sorge habe, alles schreiben zu müssen.

 

Was hast du aus den letzten paar Jahren mitgenommen?

Zeit zu haben, ist ein neuer Luxus, welchen man viel mehr genießt, mit dem man besser umgeht und deutlich mehr zu schätzen weiß. Aber ich erkenne mich selbst auch nicht wieder – ich habe mich sehr verändert.

Hast du ein Beispiel?

Die Sorge um andere und damit verbunden auch die Sorge um mich selbst. Mit Kindern kommt eine Verantwortung und man möchte immer für sie da sein. Dies sind Dinge, die mich manches Mal ganz schön quälten und an die ich mich erst gewöhnen musste.

Du hast einmal gesagt, dass du nicht den Anspruch hast, Musik zu machen, die in irgendeiner Form zeitgemäß ist. Dies behaupten zu können, musstest du dir sicherlich erst erarbeiten.

Sicherlich ist das ein Privileg. Oder besser gesagt: Es war viel mehr eine Entscheidung, die ich recht früh getroffen habe, denn meine Musik war nie sonderlich „in“. Vielmehr fand ich in einer Nische statt. Das siehst du auch daran, dass ich kaum im Radio gespielt

werde. Viele Leute wissen gar nicht, dass ich überhaupt noch Musik mache. (Lacht)

 

Und es gibt dir sicherlich eine größere kreative Freiheit.

Klar, solange man lange genug da ist und geschafft hat, die Menschen einzukreisen,

die deine Musik mögen und auch noch nach 15 Jahren da sind.

Guter Punkt. Ist es schwierig, sich eine solche Fanbasis über die Jahre zu erhalten?

Da spielen viele Punkte rein, ob deine Fans dir treu bleiben. Und es ist wirklich schwer, in der Popmusik älter zu werden. Allerdings muss ich sagen, dass es für mich als Sängerin jetzt erst richtig interessant wird, weil ich gerade erst anfange, schwere oder

spezielle Themen tragen zu können. Und genau aus dem Grund habe ich auch keine Angst vorm Älterwerden – musikalisch und auch persönlich. Ich find’s toll!

Würdest du in deiner Karriere rückblickend irgendetwas anders machen?

Naja, ich glaube, ich hätte alles gerne mehr genossen. Ich bin immer ein „Lampenfiebertyp“ gewesen und durch meine Karriere ganz schön durchgerast. Heute würde ich schauen, mich nicht mehr so abhängig vom Erfolg zu machen oder von der Anerkennung oder überhaupt von dem, was andere Leute über mich denken oder sagen. Aber das ist, glaube ich, ein ganz normaler Reifeprozess, der mit dem Älterwerden kommt. Jetzt kann ich sehr viele Dinge besser genießen.

INFO

Annett Louisan

wurde 2004 mit dem Song „Das Spiel“ bekannt, ihr erstes Album erreichte kurz darauf Gold- und Platin-Status. Ihr letztes Album entstand während der Pandemie und wurde im August 2020 veröffentlicht.

annettlouisan.de

Autor Dennis Kunert / Illustration Thorsten Kambach

Erstmalig erschien dieser Text in Stadtgeflüster Interview Februar 2021

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