Tom Feuerstacke und Anne de Wolff musizieren oder ...

 

Geige und Klassik gehören zusammen. Denkt man und das ist auch meistens so. Man braucht großen Ehrgeiz, um die strenge Ausbildung zu überstehen. Dabei kommt manchmal der Punkt, an dem einem der Antrieb fehlt, man fast krank wird, weil man nicht in das starre System der klassischen Ausbildung passt. Dann hört man auf. Das ist gut so. Aber wohin mit dem unglaublichen Talent, welches einem gegeben ist? Man zieht nach Berlin, lässt sich treiben und kellnert. Und manchmal, in einem Moment, wo du nicht damit rechnest, kommt jemand und möchte, dass du dein Instrument spielst. Du spielst, so wie du es liebst, singst, tanzt. Und die musikalische Reise nimmt Fahrt auf.

LEIDENSCHAFT UND KEIN ENDE

 

Anne, du bist Violinistin?

Ich bin eher Multiinstrumentalistin. Ich komme von der Geige, habe mich aber sehr schnell musikalisch breiter aufgestellt. Das war nötig, für das „Gewerk“, in dem ich mich gerne aufhalte.

 

Jetzt wäre es super, wenn du mir verrätst, in welchem Gewerk du dich gerne aufhältst?

Die Pop-und Rockmusik. Ich wäre zu eingeschränkt, wenn ich nur mit meiner Geige um die Ecke käme. Damit das nicht passiert und ich mich dieser Leidenschaft hingeben konnte, habe ich im Laufe der Zeit noch so einige Instrumente dazugelernt. 

 

Ich kannte dich bislang nur als Violinistin. Hast du das Instrument studiert?

Ich war neun Jahre in Dresden auf einer Musikschule. Nach der Oberstufe sollte ich eigentlich zum Studium geschickt werden damals in der DDR, wo alles ziemlich starr war. Ich habe mich aber nie wirklich zuhause gefühlt in dieser klassischen Ausbildung. 

 

Das klingt unglücklich. Hast du dich nicht zuhause gefühlt in der Starre des Regimes oder wurdest nicht eins mit der klassischen Musikausbildung?
Die klassische Ausbildung ist streng und in meinen Augen sehr festgelegt. Ich denke, dass dies eher der Wunsch meines Vaters war als meiner. Mit 16 Jahren bin ich bei meinen Eltern ausgezogen, wechselte auf ein Internat in Potsdam und konnte mich so vor der Karriere der klassischen Geigerin drücken. Es hätte sich eh die Frage gestellt, ob ich gut genug gewesen wäre für die Klassik. Denn mir fehlt dieser große Ehrgeiz, den es für ein erfolgreiches Studium gebraucht hätte.

 

Du hast dich für Popularmusik entschieden, weil du das Gefühl hattest, dass es für die Klassik nicht reicht?
(Lacht) nee, so würde ich das auf keinen Fall sagen. Ich besuchte in Potsdam das KOS, das Kirchliche Oberseminar Hermannswerder. Das Abitur wurde mir damals verwehrt, da ich konfirmiert wurde und keine Jugendweihe machen wollte. Dieses Oberseminar war ein von der Kirche geführtes humanistisches Gymnasium, einzigartig in der DDR.

 

Spannende Geschichte. Ein kirchliches Internat, das wie ein humanistisches Gymnasium lehrt und am Ende keinen schulischen Abschluss geben darf. Alle Mühen am Ende umsonst?

Nicht ganz. Man bekam ein Abitur, dieses berechtigte jedoch nur dazu, Theologie zu studieren.

Wenn ich jetzt richtig recherchiert habe, bist du nicht studierte Theologin?
(Lacht) bin ich nicht. Bei mir wäre es wahrscheinlich eher auf Kirchenmusik hinausgelaufen, in Hermannswerder hatte ich Orgelunterricht und habe vor allem viel gesungen. Weil die Mauer fiel, habe ich dann allerdings überraschenderweise am Ende sogar das Abitur machen können. Also ging es auf nach Berlin, um doch Kunstgeschichte und Theaterwissenschaften zu studieren.

 

Wenn ich das richtig auf dem Schirm habe, kam es zu einer besonderen Begebenheit, während du jobbtest?
Ein junger Mann kam in die Kneipe, in der ich kellnerte, und legte mir das Album „Desire“ von Bob Dylan auf den Tresen. Er sagte mir, dass er gehört hätte, dass ich Geigerin bin und dass er auf der Suche nach jemandem wäre, der in dieser Art spielen würde. Ich fand das ziemlich cool, unter anderem, weil ich natürlich Lust hatte, für Leute meines Altes Musik zu machen, welche im Kirchenmusik-Publikum etwas rarer vertreten waren. Ich hörte mir das Album, machte die ersten Proben und Konzerte und merkte, wie sehr ich mich hier zu Hause fühlte. 

 

Jetzt bin ich durcheinander. Du machst dein Abitur und verschwindest nach Berlin, um zu studieren, keine Musik. Jobbst in einer Kneipe und jemand kommt und zack, es ist der Beginn einer riesigen Karriere. Musik hast du seit deinem siebten Lebensjahr gemacht. Hattest du denn in Berlin mit der Musik abgeschlossen und nur der Zufall hat dich wieder in den Rhythmus geführt?

Musik habe ich die ganze Zeit gemacht, bis zu den ersten Bands in meinem tourenden Kirchenchor Athesinus Consort. Was eine ganz schöne Geschichte ist, weil sich hier momentan mehrere Kreise schließen: Dieser in Potsdam gegründete Kirchenchor, den es immer noch gibt, ist im Intro des aktuellen BAP-Albums „Alles fließt“ zu hören. Dessen Leiter, Klaus Martin Bresgott, war zudem der erste Mensch, von dessen Lippen ich Kölsch hörte, und zwar in Form von BAP-Songs (!), die er damals auf Schulfesten mit seiner Band spielte.

 

Was mich bei dir fasziniert hat, dass es bei dir eine Menge an Zufälle gibt. Du dich doch ganz der Musik verschrieben hast und deine musikalische Gabe lebst. Wenn ich deine Diskografie betrachte, frage ich mich, wann du nicht im Studio stehst und Alben einspielst?

 

Ich empfinde es als großes Glück, dass sich immer wieder Neues ergibt und dass ich vieles von dem so liebe, was mir musikalisch an Projekten begegnet. Ich bin sehr dankbar, dass der Kalender so gut gefüllt ist. Trotzdem habe ich nach wie vor trotz all der Jahre schnell Respekt und Sorge, wenn sich zwei Tage niemand meldet. Es beschleicht mich dann manchmal das Gefühl „Oh… Jetzt scheint also der Schwindel doch aufgeflogen zu sein…“ Ich glaube, man nennt das den „Scharlatan-Komplex“.

 

…(lache) Hast du deine Diskografie noch nicht selbst gelesen? Was würde dort stehen, wenn du eine Nichtskönnerin wärst?

 

(lacht) okay. Mittlerweile habe ich vielleicht doch etwas mehr Vertrauen in mein Können und meine Erfahrung als früher. Mit 50 werde ich auf jeden Fall wahrscheinlich nicht mehr gefragt, weil ein blondes Mädchen dabei sein soll. Stattdessen verunsichert mich natürlich diese Zahl in schwachen Momenten dann doch auch wieder, da die Branche nicht unbedingt für Begleitmusikerinnen meines Alters steht. Aber vielleicht ändert sich das ja auch. Wäre schön und ein wichtiges Signal für alle Mädchen und Frauen.

 

Es gibt niemanden, den ich gefunden habe, mit dem du nicht das Studio oder die Bühne geteilt hast. Aber es gibt einen, wegen dem wir vom Stadtgeflüster auf dich gekommen sind. Das ist der Wolfgang Niedecken. Er ist ja sowas wie die graue Eminenz der deutschen Rockmusik. Getroffen habt ihr euch bei einem Konzert und nach diesem sagt der Wolfgang zu dir, wenn du Lust hast, dann könntest du bei BAP mitmachen. Wie kam es dazu?

 

Ich hatte dir ja von der Einstiegsplatte für mich in die Rockmusik erzählt. Also die „Desire“ von Dylan. Mit der Band des jungen Dylan-Fans aus der Kneipe, dem späteren Vater meines Sohnes, hatte ich eine Platte aufgenommen, wo diese Einflüsse zu hören waren. Kurz nach deren Erscheinen war ich mit Rosenstolz zu Fernsehaufnahmen eingeladen, bei denen auch BAP auftrat. Wolfgang galt ja so ein bisschen als der deutsche Dylan, und die Leute meiner Band beauftragten mich, ihm unbedingt dieses Album zu geben.

 

Das klingt doch recht einfach und unspektakulär…

…meinst du. Wir hatten zwei Tage Licht-Proben und am dritten Tag die Aufzeichnung. Ich bin jeden Tag in Richtung Garderobe von Wolfgang und habe allen Mut zusammengenommen. Die Garderobe war immer leer, BAP hatten einfach als echte Stars Lichtdoubles. Am dritten Tag hatte ich kurz vor der Show endlich Erfolg. Die Tür öffnete sich, ich weiß noch, wie ich anfing, übermäßig zu schwitzen, und mein Kopf glühte. Wolfgang nahm sehr freundlich und interessiert die CD entgegen bedankte sich und unterhielt sich gänzlich ohne Stargehabe kurz mit mir.

 

Welche Reaktion gab es auf deine CD?

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob er sie jemals wirklich gehört hat. Wir trafen uns dann Jahre später in Karlsruhe wieder, wo ich in einer Band spielte, die ihn für einen Song begleitete. Da fragte er mich nach dem Soundcheck, ob ich das Album „Desire“ von Dylan kenne, welches wir dann vor Ort auf dem Parkplatz neben der Halle fast durchspielten. Danach lud er mich zu ein paar Konzerten seiner Dylan-Lesung ein und bald auch zu BAP-Konzerten. Ich glaube, er hatte schon länger nach einer Geigerin gesucht, die diese Form des Spielens und diese Art Musik kennt und versteht. 

 

Mittlerweile bist du ein festes Mitglied der Band BAP?

Seit der Akustik-Tour bin ich festes Bandmitglied und auch Produzentin. Mein Mann Ulrich Rode ist seit dieser Tour im Jahr 2014 der Gitarrist der Band, und wir kümmern uns zusammen in engem Austausch mit den großartigen Bandmitgliedern um die musikalischen Angelegenheiten, die Produktion der Alben und die Live-Arrangements. 

 

Wenn ich mich an den Beginn unseres Gespräches erinnere. Du warst nicht so ganz glücklich mit der Musik, konntest aber auch nie aufhören. Hattest ein paar andere Dinge ausprobiert und per Zufall in Berlin durch eine Begegnung mit Dylan deine musikalische Liebe gefunden. Heute spielst du für Niedeckens BAP und ziehst nebenher noch musikalisch die Strippen für die Alben. Das ist ein großes Vertrauen, welches dir entgegengebracht wird und am Ende ist es eine wirklich große Nummer?

Auf jeden Fall. Es ist für mich selber manchmal unvorstellbar, wenn zurückschaut auf all das, was ich dir erzählt habe. Wolfgang ist ein empathischer Mensch und er macht es einem ziemlich leicht. Er hat kein Rockstar-Gehabe und ist allem sehr zugewandt. Das zeigt sich auch in seinem Umgang mit Fans. Wenn da jemand an der Tankstelle auf seine Schulter haut, würde manch einer schon nervös. Aber Wolfgang bleibt immer ruhig und freundlich, fragt und hört zu.

 

Anne, stelle dir mal vor, wie dein Leben verlaufen wäre, wenn du dich doch der klassischen Musik zugewandt hättest ... Was würdest du dir wünschen, was da noch so kommen dürfte in deinem Leben?

Ich würde mir wünschen, dass alles so weiter geht wie bisher (natürlich ohne Corona!). Ich bin niemand, der dringend nach etwas strebt, mich treibt nicht das nächste Erreichen voran. Ich liebe es, mit Menschen zusammen zu sein. Und das größte Glück und wirkliche Erfüllung für mich ist, mit diesen vielen wunderbaren Menschen zusammen Musik machen zu dürfen.

Anne, bleibe so, wie du bist, und danke für dieses kurzweilige, spannende und lustige Gespräch.

 

Anne de Wolff

Die 1971 in Dresden geborene Multiinstrumentalistin hat an der Dresdener Musikschule eine 9-jährige Ausbildung genossen. Die Entwicklung ihrer Leidenschaft hat sie Bob Dylan zu verdanken. Dass sie nicht der einzige Dylan-Fan ist, bemerkte sie, als zusammen mit Wolfgang Niedecken das Album Desire anhörte. Heute teilen sie sich mit BAP die Bühne.

Autor Tom Feuerstacke / Illustration Thorsten Kambach

Erstmalig erschien dieser Text in Stadtgeflüster Interview Februar 2021

​Alle Rechte bei Stadtgeflüster – das Interviewmagazin vom

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