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Chiara Kucharski fragt den Münsteraner Yogalehrer Andreas Jakubik

NAMASTÉ, ANDREAS JAKUBIK. –
AUF DIE MATTE, FERTIG, LOS!

Keineswegs mehr verschrien, sondern losgesagt von allen üblichen Vorurteilen der früheren Zeiten, avanciert Yoga zu einem wahren Gesellschaftstrend aus Fitness, Lifestyle und Ausgleich in einem stressigen Alltag. Besonders seit den letzten zwei Jahren treibt es wohl Millionen Menschen in Deutschland regelmäßig vor den Bildschirm, um sich auf der eigenen Matte zu Hause Anweisungen ihrer YouTube-Yogalehrer, wie der erfolgreichen YouTuberin Mady Morrison aus Berlin, zu holen. Doch so weit der oberflächliche Blick von außen. 

Wie bist du als wilder Kerl zum Yoga gekommen?
Das war zum Millenniumswechsel 1999/2000. Ein Freund, mit dem ich zu der Zeit viel Musik machte, hat Seminare mit schamanischen Reinigungsritualen gemacht. Irgendwann sagte er mal „Hey, da gibt’s noch freie Plätze. Komm doch mit.“ Zu der Zeit war ich auf einer ganz anderen Schiene: Rock’n’Roll, Partys, tanzen, rauchen. So. Dort gab es dann morgens Yoga. Nach der ersten Stunde dachte ich: „Wow! Cooles Körpergefühl.“

Du hast den Unterschied direkt gemerkt?
Ja, wir haben das alle sofort gespürt und ab da habe ich aus dem rein sportiven Aspekt auch in der WG jede Woche Sonnengrüße gemacht. Ich war direkt viel beweglicher und meine Energie viel kanalisierter.

Wird das ursprüngliche Yoga noch vermittelt oder wird hier eher „verwestlichtes“ Yoga praktiziert?
Yoga war von jeher ein Hybrid, eine Mischung von verschiedenen kulturellen Einflüssen, dem Gelehrten Mark Singleton nach. Das, was wir hier im engeren Sinne unter Yoga verstehen, ist die Asana-Praxis, wie die Kriegerhaltung zum Beispiel. Vieles ist jahrtausendealt, wurde erst ab den 1950ern dokumentiert und hat viele Einflüsse von westlichen Bewegungen, wie auch Bodybuilding und vieles mehr. Da gab es immer einen Austausch zwischen West und Ost.

Und doch ist das „westliche“ Vinyasa-Yoga weniger spirituell oder würdest du da widersprechen?
Da müsste man den Begriff „Spiritualität“ definieren. Warum ich wie unterrichte, hängt damit zusammen, was ich glaube, warum Leute zum Yoga kommen. Ein ganz wichtiger Begriff ist da „Erleichterung“, in Form von körperlicher Entspannung und Stressabbau. Dass man sich einen Moment rausnimmt, die Erfahrung von Stille und losgelöst von den Rollen, in denen man im Alltag so drin ist. Es geht darum, sich zu spüren.

„Wie gehe ich mit der Umwelt um? Mit mir um, mit Mitmenschen?“ Lässt du die moralischen Grundpfeiler des Yogas einfließen?
Wenn ich Yoga unterrichte, versuche ich zwar, die eine oder andere yogaphilosophisch inspirierte These mit reinzugeben, aber nicht missionarisch zu sein. Wichtiger ist, wenn du im Augenblick bist, dann bist du mit dir selbst freundlich, vorbehaltslos verbunden. Wir kennen es oft genug, dass man im Alltag schnell mit sich hadert: „Wieso habe ich das denn jetzt gemacht? Das war ja doof von mir!“ Im Yoga darf eben alles sein. Das würde ich als einen Zustand inneren Friedens bezeichnen. Der ist maßgeblich für den äußeren Frieden.

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Hattest du Vorbilder oder „Gurus“ im Ausland?
Gelernt habe ich bei deutschen, schwedischen und einem US-amerikanischen Lehrer, der öfter in Münster und Köln ist. Keith Borden finde ich sehr inspirierend: Er macht eine 90-minütige Yoga-Praxis, die sich aber anfühlt wie drei Stunden. Mit Mantras und Dharma Talk, das heißt, dass man einen philosophischen Aspekt aufgreift, abwechslungsreiche Übungen plus Atemübungen am Ende. Das ist schon beeindruckend in so einer kurzen Zeit, aber ohne dass man sich gehetzt fühlt. 

Haben Leute heute ein stärkeres Bedürfnis nach Yoga?
Yoga hat den Reiz des Exotischen und eine Philosophie, die dem Westen überlegen ist, der mehr im Materialismus verankert ist. Es hat aber auch viel mit Lifestyle zu tun. Soziologen in Berlin nehmen die Anzahl von Yogastudios in den Stadtteilen, die Anzahl von Bioläden und veganen Cafés auf, um Gentrifizierungsprozesse aufzuzeigen. Gleichzeitig hat Yoga auch viel mit Fitness zu tun, und der Selbstoptimierung wird heutzutage viel abverlangt.

Yoga als Selbstoptimierung für sich oder andere?
Im größeren Rahmen betrachtet, liegt die Herstellung der Arbeitskraft, ob körperlich oder mental, in der Verantwortung des Individuums, dass er sich fit hält. Ein trainierter oder beweglicher Körper hat mehr Chancen auf dem Arbeitsmarkt, als jemand, der sich gehen lässt. Man könnte jetzt scharf formulieren: Eine Couch-Potato zu sein, ist heute vielleicht die einzige Art, gegen diese Diktatur des schönen Körpers zu rebellieren.

Das heißt, du bist dann doch sehr angepasst an diese Zeit?
(Lacht) Vielleicht nimmt das Gesundheitsbewusstsein mit dem Alter auch zu. Sodass man statt eines Kaffees auch mal einen Yogitee trinkt. Ich sehe das Ganze ja auch immer durch meine soziologische Brille. Es sind schon bestimmte Leute, die zum Yoga kommen, genauso wie auch ganz bestimmte Gruppen ins Fitnessstudio gehen.

Wobei Yoga doch für jeden gut und machbar ist?
Trotzdem hat man beim Yoga hauptsächlich Teilnehmerinnen. Nur beim Firmenyoga hatte ich schon mal einen reinen Männerkurs in einem Architekturbüro. Der Chef wollte seine Begeisterung für Yoga teilen, indem er seine Mitarbeiter zu einem Kurs verdonnerte. 

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Ist das Interesse da tatsächlich einfach bei Kampfsport oder „männlicheren“ Sportarten?
Ich glaube, Männer haben oft dieses Bild, dass Frauen viel beweglicher sind und Yoga vor allem Beweglichkeit und Dehnen erfordert. Sie fürchten vielleicht, sich zu blamieren. Doch eigentlich hat Yoga vor allem mit Kraft zu tun. Nicht die Kraft anhand der Muskeln, die man beim Bodybuilding sieht, sondern den „Core“. Die Power, die Wirbelsäule und Gelenke ummantelt und zu Körperbeherrschung führt.

Merkst du, dass es online immer mehr Yoga-Angebote gibt? Stellst du Unterschiede fest, seitdem du auch Zoom-Stunden gibst?
Seit YouTube ist das in die Höhe gegangen. Viele haben sich auf Online-Yoga spezialisiert und machen auch ästhetische Videos. Ich glaube schon, dass das eine andere Tiefe und Erfahrungsqualität ist, wenn man hier sechzig, fünfundsiebzig oder neunzig Minuten Yoga macht, auch mit mehreren Leuten und einer Gruppendynamik als allein zu Hause. Wenn du zu Hause am Laptop bist, dann ploppt vielleicht etwas auf, eine E-Mail oder der Postbote klingelt. Man kann ständig abgelenkt werden.

Hast du eine Lieblings-Asana?
Den Handstand. Generell finde ich Umkehrhaltungen gut. Morgens gehe ich immer drei, vier Minuten in den Kopfstand-Hocker. Das hat mit Blutwäsche zu tun.

Klingt brutal. 
Wenn wir die ganze Zeit stehen, wird das Blut nie ganz nach oben gepumpt und bleibt „stehen“. Wenn du dich umgedreht hast, wird der ganze Körper quasi einmal gereinigt. Du trainierst deine Zwerchfell-Atmung und das Herz. Speziell im Handstand ist es ein tolles Gefühl, sich selbst auf den Händen zu balancieren. Fünfzehn Minuten Handstand-Training ist wie neunzig Minuten Workout. Weil du dadurch deinen ganzen Körper bis in die Fingerspitzen aktivierst. 

Kommen Kursbesucher manchmal mit konkreten Beschwerden?
In der Gruppe kann ich nicht therapeutisch arbeiten, wenn jemand Meniskus-Probleme hat oder so. Eine physische und psychische Grundbelastbarkeit sollte da sein. Aber es gibt so wiederkehrende verspannte Nacken und Schultern. Yoga ist wie eine Selbstmassage. Es geht darum, zu lernen, die eigenen rund sechshundertvierzig Muskeln auf physische Weise anspannen, halten und auch wieder entspannen zu können. Loslassen ist oft das Problem.

Und dann?
Dann gehen viele zum Physiotherapeuten oder zur Massage. Die kneten das dann weich und zwei Wochen später gehen sie wieder hin. Es hat also viel mit Selbstwirksamkeit zu tun. Ich hatte mir auf einer Gartenparty das Knie verdreht. Das war meine erste größere Verletzung und habe dann Yogahaltungen therapeutisch rausgesucht und drei, vier Minuten gehalten und es ist erstaunlich, welche Verbindungen man dann spürt. Mein erster Gedanke war ja auch: „Oh, Knie kaputt.“

Was hast du gemerkt?
Alles hängt miteinander zusammen, es findet quasi eine Dekodierung statt. Das ist nicht einfach ein Knieschmerz, sondern er besteht aus ganz vielen Sensationen. Es zieht plötzlich ganz woanders und geht bis in die Schulter. Dann ist es kein lokaler Schmerz, sondern man spürt, wie sich durch Loslassen und Langsamkeit vieles wieder einrenkt.

Wie erklärst du dir das?
Ich glaube, es gibt so eine Weisheit im Körper, die in jeder Zelle über ganz viele Millionen Jahre entstanden ist. Das sind so viele fein abgestimmte Abläufe, die passieren, ohne dass man etwas machen muss. Daran glaube ich. Und ich glaube an das Leben vor dem Tod. Das sind so meine beiden Glaubenssätze. 

 

INFO

Andreas Jakubik

Er ist Yogalehrer und betreibt das Maitri Yoga Studio an zwei Standorten in Münster. Nach dem Studium der Erziehungswissenschaft, Soziologie und Philosophie absolvierte er mehrere Yogalehrer-Ausbildungen in unterschiedlichen Ausrichtungen und Stilen. Heute feiert er das zehnjährige Bestehen seines Studios.  

Autorin Chiara Kucharski / Illustration Thorsten Kambach / Fotos shutterstock

Erstmalig erschien dieser Text in Stadtgeflüster Interview Dezember 2021

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