Tom Feuerstacke und Alexander Klaws im Verbal-Casting

Es ist kein einfacher Weg, sich im Showbusiness zu etablieren und zu behaupten. Wichtig ist, dass man den eisernen Willen hat, seinen Weg zu gehen. Alles auf eine Karte zu setzen. Nicht selten endet solch ein Unterfangen im Desaster. Seltener hingegen schafft man den ganz großen Sprung und darf seinen Traum leben. Einen Traum, dem Millionen junger Menschen jährlich in Castingshows nacheifern. Kein Motto bringt es treffender auf den Punkt als der Titel der ersten Platte von Alexander Klaws… 

TAKE YOUR CHANCE

Alexander, bei der Vorbereitung auf dieses Interview habe ich mich gefragt, was aus dir geworden wäre, wenn du die erste Staffel von DSDS nicht gewonnen hättest. Mit 19 warst du in einem Alter, in dem dir vermutlich noch viele Türen offenstanden?

Ich weiß nicht, was ich gemacht hätte, wenn der Gewinn der Castingshow nicht gewesen wäre. Es gab keinen Plan B. Das hat sich bis heute nicht geändert. Ich lebe im „Hier und Jetzt“. Auch wenn es etwas blöd klingen mag. Ich habe mir stets Ziele gesetzt, die ich auch erreichen konnte. 

 

Ich gehe aber nicht davon aus, dass es seinerzeit dein Ziel war, DSDS zu gewinnen. Alles auf diese Karte zu setzen? 

Ich habe mir keine Sorgen gemacht, was passieren würde, sollte ich die Show am Ende nicht als Sieger verlassen. Wenn man sich bereits auf andere Dinge konzentriert, Eventualitäten im Kopf hat, kann man einen A-Plan gar nicht verfolgen. Plan B bedeutet für mich, dass man davon ausgeht, dass das gesetzte Ziel eh nicht zu erreichen ist…

 

… könnte ein Ansatz sein. Klingt zwar etwas leichtsinnig, was man mit 19 Jahren ja aber durchaus sein darf…

… (Lacht) es ist eine interessante Frage und je länger wir sprechen, desto mehr fällt mir auf, dass ich nie darüber nachgedacht habe, was nach einem Aus bei DSDS gekommen wäre. Ich war damals auf einem Berufskolleg in Ahlen, an dem auch meine Schwester Schülerin war. Ein ganz anderer Lerntyp als ich. Sie hatte tiefe Fußstapfen an dieser Schule hinterlassen. Ich wiederum ging dorthin, um Zeit zu schinden, damit ich mehr Zeit im Proberaum verbringen konnte. Eines war mir immer klar: Ich würde nie an einem Schreibtisch sitzen und den Banker geben.

 

Ich war einer der Wenigen, die diese Show nicht gesehen haben. Du wusstest auch nicht, was auf dich zukommt in der ersten DSDS- Staffel. Es war dir aber klar, dass Dieter Bohlen in der Jury sitzt?

Dass ich auf Dieter Bohlen treffen würde, wusste ich erst nach dem Erstcasting. Letztendlich war mir nichts bekannt. Es gab eine Ausschreibung von RTL, dass ein Superstar gesucht würde. Darauf hatte ich mich beworben. Ich bekam kurze Zeit später eine Einladung vom Sender. Was mich da erwarten würde, davon hatte ich keinen Schimmer. Es wurde einem nichts im Vorfeld erklärt.

 

Wann ging dir auf, dass das Ganze eine größere Nummer ist, als du erwartet hattest?

Als ich das Hilton in Köln erreicht hatte, die vielen Menschen sah. Die Kameras, die alles aufnahmen. Allgegenwärtig. Da wurde mir allmählich bewusst, dass das eine größere Sache wird und DSDS eine eigene Welt ist. Langsam sickerte durch, dass neben anderen hohen Tieren aus der Musikszene Dieter Bohlen in der Jury sitzen würde. Damit stand fest: Die Show ist kein Kinderspiel, hier geht es um etwas.

 

Wie es ausgegangen ist, wissen wir. Du hast vorgesungen, durftest weiter – und am Ende kürten dich die Zuschauer im Finale durch ihr Voting zum Sieger. Mit dem Wissen, was auf dich zukommt, dass du bei DSDS gehypt, aber auch vorgeführt wurdest: Würdest du diesen Weg nochmal gehen, wenn sich dir die Möglichkeit böte? 

Wir wurden ja noch nicht so vorgeführt, sondern eher geschützt. Ich kann mich erinnern, wie wir alle an einem Tisch saßen und unsere Leichen auspackten, die wir im Keller hatten. Damit jeder wusste, mit wem er es zu tun hat. Uns stand ein Team zur Seite, das uns auf all diese Eventualitäten vorbereitet hatte. Wie das heute ist, kann ich nicht sagen. Damals hielten die Macher jedenfalls ihre Hände über uns…

 

Rückwirkend gesehen: Würdest du es wieder tun…?

Die Frage ist schwierig zu beantworten, weil die Show heute nicht mehr die ist, bei der ich seinerzeit mitgemacht habe.    

 

Was hat sich aus deiner Sicht an dem Format verändert?

Wir haben seiner Zeit den Recall in Düsseldorf im Capitol erlebt. Heute steigt der auf den Malediven. Da stellt sich die Frage, wie man auf dem Teppich bleiben will, wenn man ohne Eigenleistung an einem Traumstrand im Sand steht und drei Lieder trällert. Du fühlst dich vermutlich, als hättest du bereits einen Sechser im Lotto gewonnen – mit wirklich geringem Aufwand. Es bedarf harter Arbeit, sich in diesem Business durchzusetzen und zu bestehen. Das wurde uns sehr deutlich eingeschärft. Ob das heute immer noch so ist, weiß ich nicht. Von daher kann ich auch nicht sagen, ob ich teilnehmen würde. Um es auf den Punkt zu bringen: Ich erkenne die Show, die ich damals gewonnen habe, in der heutigen Form nicht wieder.

 

Hältst du noch Kontakt zu Poptitan Bohlen?

Auch wenn gerne andere Dinge geschrieben werden: Dieter und ich sind cool miteinander. Nach einer Phase der Zusammen-arbeit wollte ich neue Wege gehen, habe erneut eine Risikokarte gespielt. Das ist, denke ich, aber auch normal. Diese Entscheidung hatte nie eine negative Auswirkung auf unsere Beziehung.

 

Welche neuen Pfade waren das?

Ich wollte meinen eigenen Stil kreieren, mich neu erfinden. Schließlich war es Dieters Handschrift, die mir den Weg ins Showbiz geebnet hatte. Das war wirklich gut für den Anfang, doch dann wollte ich mich verändern. Ich dachte mir, dass es wichtig sein könnte, andere Personen aus der Branche kennenzulernen, mit ihnen Sachen zu probieren. Ich bin von Haus aus neugierig. Hinzu kam, dass mich die Schauspielerei interessierte, ich mich dort ausprobieren wollte.

 

Du erlerntest das Musicalhandwerk an der „Joop van den Ende Academy“, hast diverse Hauptrollen unter anderem in Produktionen wie „Jesus Christ Superstar“ und „Tanz der Vampire“ gespielt. Für das Musical „Tarzan“ wurdest du sogar von Phil Collins himself gecastet, hast für Disney gesungen – und mit Dieter Bohlen bist du „cool“. Warum bist du ein solcher Leisetreter? Andere Darsteller würden diese berufliche Vita vermutlich herausbrüllen?

Ich mache, was ich liebe. Natürlich könnte ich sagen, dass Phil mich für „Tarzan“ gecastet hatte, dass Roman Polanski mir nach einem Casting die Hauptrolle gegeben hat. Sicherlich sind Phil oder Roman Weltstars. Ich weiß aber auch, dass ich mir davon nichts kaufen kann. Ich habe Tom Jones in einer Sendung kennengelernt – und der sitzt am Ende auch in der Kantine und lässt nichts raushängen. Ich habe festgestellt, dass Weltstars häufig „down to earth“ sind und damit gut fahren. Wichtig ist, dass du immer versuchst, einen draufzusetzen, damit du bestätigst, was du machst. Dich als „der Geilste“ zu bezeichnen, bringt dir weder einen Job noch Anerkennung.

 

Was mich etwas nachdenklich gestimmt: Du spielst namhafte Musicals, singst mit Orchester große Produktionen quer durch die Republik und darüber hinaus. Nur mit deinen eigenen Stücken, die ich mir angehört habe, sieht man dich nicht touren. Was ist da los?

Das ist eine sehr gute Frage und darauf habe ich nur eine langweilige Antwort: Im Musical-Geschäft sind die Verträge oft auf ein Jahr ausgelegt. Während der Hälfte der Spielzeit kommen bereits die nächsten Rollenanfragen. Da sind auf einmal fünf Jahre wie im Flug vergangen, weil man von Rolle zu Rolle gehetzt ist. 

 

Hm. Ist das der einzige Grund – oder fehlt dir doch eher etwas der Mut, deine eigenen Songs auf die Bühne zu tragen? 

Vielleicht spielt Mut unterschwellig eine Rolle. Nehmen wir das Album von 2015. Das war sehr experimentell. Und wenn ich mir die Lieder anhöre, merke ich, dass ich das gar nicht mehr bin. Ich habe mich verändert, mich weiterentwickelt. Ich weiß nicht, wie glaubhaft diese Stücke auf der Bühne heute klingen würden. So ein Album ist ja immer eine Momentaufnahme. Und vielleicht glaube ich mir selber nicht mehr, was ich da damals gesungen habe. Ich stehe zwar noch zu den Platten, die ich aufgenommen habe, glaube aber, dass sie für eine Tournee nicht ausreichen. Fakt ist, für neue Dinge fehlt mir schlicht die Zeit. Was ich dir aber versprechen kann: Wir beide werden hier eines Tages zusammensitzen und über meine neuen Songs reden. Es braucht halt alles seine Zeit.

 

Es gibt etwas, das wir im heutigen Gespräch nicht ausblenden können: Den Suizid von Daniel Küblböck, der mit dir Kandidat in der ersten DSDS-Staffel war und deinen Umgang damit, für den du nicht nur Zustimmung erhalten hast.

Das stimmt. Es gab einen Sammelbrief der Finalisten aus unserer Staffel. „Abschiedsbrief“ würde das Schreiben vermutlich genauer treffen. Ich hatte alles mitbekommen, war geschockt, wie die meisten, denen Daniel bekannt war. „Wir werden dich vermissen“, so der Tenor der Botschaft. Ich hatte zu dem Zeitpunkt 15 Jahre nichts mehr mit Daniel zu tun, keinerlei Kontakt. Für mich fühlte es sich einfach falsch an, diesen Brief zu unterschreiben. 

 

In Zeiten von Social Media wahrscheinlich nicht die unumstrittenste Reaktion? 

Über mich brach ein Shitstorm herein. Der Kern der zum Teil unsachlichen Kritik lautete, was ich für ein schlechter Mensch sei, diesen Brief nicht zu unterschreiben.

 

Du hast das sehr souverän gekontert, wie ich finde.

Naja. Letztendlich ist mir der Kragen geplatzt. Ich habe die Frage in den Raum gestellt, wo wir mittlerweile eigentlich leben. Wenn man nichts auf Facebook oder Instagram postet, um seine Gemütslage zu erklären, gehen die Leute, die diesen Medien folgen, davon aus, dass man keine Meinung zu dem Drama hätte. Ich bin bloß auf meine Art mit dem Tod von Daniel umgegangen – nicht mit der Art, die sich Menschen wünschen. Das ging mir auf den Sack. Davon abgesehen: Hätte ich den Brief doch unterschrieben, wäre die Kritik genau in die andere Richtung ausgefallen!

 

Die da wäre?

Wie heuchlerisch es doch sei, dass ich einen solchen Brief unterschreibe, obwohl ich über die Jahre gar keinen Kontakt mehr zu Daniel hatte. Bevor auch an dieser Stelle etwas missverständlich erscheint: Ich bedaure zutiefst, was Daniel durchgemacht hat, welchen Schritt er zum Schluss wählte. Vermutlich werden wir nie nachvollziehen können, was einen Menschen mit solchen Problemen bewegt. Aber jeder trauert individuell – und das war mein Umgang damit.

 

Bevor wir jetzt zum Schluss kommen, noch eine Frage…

Schade! Ich könnte noch drei Stunden quatschen.

 

Ich auch, aber du musst in ein paar Minuten zum Soundcheck. Ich stelle fest, du hast ein überschaubares Catering in deiner Garderobe: Nüsse, Mandarinen, einen Schokoriegel und Wasser. Da habe ich aber schon deutlich mehr gesehen.

(Lacht). Ich auch, da lassen sich Künstler eine ganze Sushibar in die Garderobe schieben und am Ende wird alles weggeschmissen. So einer bin ich nicht. Ich esse Gemeinschaftscatering – das hier ist nur was für zwischendurch. Und für die Vitamine eine Mandarine.

 

Guten Appetit.

Danke.     

INFO

Der 1983 im Münsterland geborene Sänger, Schauspieler und Musicaldarsteller nutzte seinen Sieg bei DSDS, um die Bretter, die die Welt bedeuten zu erklimmen. Damit der Sieg am Ende auch seiner sein würde, trainierte er fleißig als Zehnjähriger in der Mini-Playback-Show.

Viele, viele weitere Infos zum Alexander Klaws erfahrt Ihr am besten hier:

Autor Tom Feuerstacke / Illustration Thorsten Kambach

Erstmalig erschien dieser Text in Stadtgeflüster Interview

Februar 2019

​Alle Rechte bei Stadtgeflüster – das Interviewmagazin vom

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