Arndt Zinkant fragt Adam Riese nach Corona-Gegenwart und Show-Zukunft

Er ist Münsters wohl bekanntester Moderator und hat mit seiner „Adam Riese Show“ 14 Jahre ein Highlight nach dem andern gesetzt. Aber was macht ein echter Showman, wenn er nicht mehr auf die Live-Bühne darf? Wie geht es mit seiner Show weiter, nachdem ihr durch den ersten Lockdown im vergangenen Mai der Publikums-Hahn abgedreht wurde. Die Fans ahnen es: Der Schelm mit der Krawatte hat noch Asse im Ärmel...

 

EIN RIESE IM LOCKDOWN

 

Hast du Entzugserscheinungen?

Und wie! Die letzte Adam Riese Show mit Purple Schulz und Münsters Gastro-Spezi Pitti Duyster ist immerhin über ein Jahr her! Ich weiß noch, wie im März der erste Lockdown kam und ich gefragt wurde, ob die Show mit Ingo Appelt im Mai stattfinden kann. Ich habe die Leute für verrückt erklärt: „Natürlich können wir im Mai veranstalten. Ihr glaubt doch nicht im Ernst, dass wir hier länger als zwei Wochen das öffentliche Leben lahmlegen!“ Ich hatte mich leicht geirrt.

 

Was macht ein Showmaster ohne Publikum? 

Was er macht? Livestreams. Ein sehr schönes Format, das aber Veranstaltungen mit Publikum niemals ersetzen kann. Auf der anderen Seite kann man damit mehr Menschen erreichen. Zu Beginn der Pandemie durfte ich mit Nicholas Müller von Jupiter Jones einen über dreistündigen Stream moderieren. Tolle Menschen wie Thees Uhlmann, Gil Ofarim oder Atze Schröder wurden per Skype zugeschaltet und haben Geschichten erzählt oder Musik gemacht. Und mehr als 20.000 Menschen haben sich das angesehen. Von solchen Zuschauerzahlen ist die Adam Riese Show noch ein kleines bisschen entfernt.

 

Viele wohlbekannte und beliebte Menschen aus Münsters Kulturszene sind hart getroffen. Denen hast du mit dem Culture Club Münster Unterstützung gegeben. Wie kam es dazu? 

Meine frühere Show-Assistentin Isabelle Bettmer ist mit der wunderbaren Idee an mich herangetreten, mit einem Livestream-Format den hiesigen Kulturschaffenden eine Bühne und Support zu geben. Isabelle ist ja inzwischen Geschäftsleiterin vom Placebotheater und hatte das Konzept mit Leuten von der Filmwerkstatt Münster und dem Technik-Verleiher AE Rental ausgeheckt.

 

Das sind ja alles Institutionen, die der Riese-Show innig verbunden sind. Also wieder mal eine große „Münster-Familie“, oder?

Der Culture Club Münster war ein Projekt unter Freunden. Das hat ihn ausgemacht. Die Drehs unter Corona-Bedingungen waren eine echte Herausforderung. AE Rental haben in ihre Lagerhalle am Hawerkamp ein professionelles Fernsehstudio mit Showkulisse derart gezaubert, dass Abstände immer eingehalten werden konnten. Abgepudert wurden wir in einem Gang zwischen Regalen voll Equipment, die Künstlergarderoben wurden provisorisch auf dem Hof gebaut.

 

Hast du bewusst in Kauf genommen, dass die vier Aufzeichnungen irgendwie den Eindruck einer „Riese-Online-Show“ erwecken?

Der Eindruck wäre mir neu. Die Talks, die bei meiner Show im Vordergrund stehen, waren beim Culture Club ganz kurz. Dafür gab es mehr Improvisationstheater, was nicht verwundert, wenn Placebo an Bord ist. Über den Chat gab es witzige Interaktionen mit den Zusehenden, während in der Show Zwischenrufe eher selten sind. Mal abgesehen von einer volltrunkenen Zuschauerin in der Ausgabe mit Ingo und Guido von den Donots im Februar 2013. Wer damals dabei war, wird die Dame nie vergessen, die mehr grölend auf dem Boden lag, als auf ihrem Stuhl zu sitzen.

Beim Culture Club ist noch ganz wichtig: Den habe ich nicht alleine präsentiert, sondern zusammen mit meinem charmanten und gutaussehenden Freund Oliver Pauli. Auch kamen wesentliche Elemente der Show im Culture Club nicht vor, wie die musikalischen Duette oder die Ratespiele. Ausnahme war ein Filmquiz. Allerdings habe ich dabei mal nicht die Fragen gestellt, sondern musste gegen Olli Pauli antreten. Gegen meine Natur habe ich mich mit einem Unentschieden zufriedengegeben. Ansonsten bin ich natürlich derselbe geblieben und damit auch meine Art zu moderieren.

 

Stimmt, Du warst beim Culture Club ganz der Alte – auch viele Show-Gäste von früher waren wieder dabei, allen voran die Zucchini Sistaz. Andererseits war der „Stab“ dieser Sendung ein anderer; war diese Umstellung schwierig, oder hast du es gar genossen?

Ich habe mit wunderbaren Menschen zusammengearbeitet und das genossen. Die Umstellung war auch nicht groß: Der Techniker Adrian von AE Rental hat meine Show viele Jahre im Pumpenhaus begleitet und Isabelle stand dort über 10 Jahre mit uns auf der Bühne.

Auf etwas anderes musste ich mich aber einstellen: Ich habe immer schon lieber vor Publikum als in eine Kamera moderiert. Beim Culture Club gab es da kein Entrinnen. Wenn ich meine, ich sage etwas Lustiges, kriege aber keine Reaktion, dann ist das schon befremdlich. Der freundliche Filmwerkstatt-Kameramann hätte mich gerne zumindest mit einem Lächeln belohnt. Leider musste er Mundschutz tragen.

Übrigens waren beim Culture Club auch tolle Gäste, die noch nie in der Adam Riese Show waren. Die stehen jetzt auf meiner Wunschliste.

 

Der Hintergrund der vier Online-Shows war ja auch vor allem Hilfe für die Kulturszene. So konnten die Zuschauer „Support-Tickets“ erwerben, etwa für das in finanzielle Nöte geratene Theater Titanick. „Wir retten 2020 die Titanick!“ sagtest du humorig. Ist sie schon gerettet? 

Die Titanick schwankt noch und möchte am liebsten über die Reling kotzen. Die Zeiten sind für Kulturschaffende und Soloselbständige immer noch hart. Die Einnahmen fehlen und der Zugang zu den Fördergeldern ist recht kompliziert. Da blicken oft nicht mal gewiefte Steuerberatende durch. Beim Theater Titanick kommt erschwerend hinzu, dass das Ensemble riesig ist und die hohen monatlichen Kosten weiterlaufen.

 

Seid ihr denn insgesamt mit den Zuschauer-Spenden zufrieden? 

Vor allem waren wir von dem großen Zuspruch begeistert. Über 4.000 Menschen haben uns zugesehen; die Videos werden immer noch auf YouTube angeklickt. Gefreut hat uns jede Spende, unabhängig davon, wie viel die oder der Einzelne entbehren konnte. Zusammen mit einem großzügigen Zuschuss vom Kulturamt ist eine erfreuliche Summe zusammengekommen. So konnten wir viele Menschen und Einrichtungen in einem bescheidenen Rahmen unterstützen. Zur Existenzrettung konnten wir damit natürlich niemandem verhelfen. Nicht nur die Titanick ist noch am Schwanken!

 

Bei einem unserer früheren Interviews sagtest Du: „Das Alleinstellungsmerkmal meiner Show ist, dass sie nicht aufgezeichnet wird. Es muss auch noch Momente geben, die vorbei sind, wenn man sie erlebt hat.“ Wirst du zu deinen alten ‚Tugenden‘ zurückkehren? 

Natürlich. Die Adam Riese Show funktioniert meines Erachtens nur live und mit Publikum. Wenn Henning Wehland 400 Menschen von ihren Stühlen holt und zum Tanzen bringt, wenn sich Steffen Henssler und Markus Paßlick ein Live-Koch-Duell liefern oder der Reptilienforscher Heiko Werning frittierte Heuschrecken zum Probieren verteilt, braucht man Zuschauer.

Wir machen mit der Show weiter, sobald das wieder ohne Auflagen möglich ist. Solange wir nicht jeden Platz besetzen dürfen, lässt sich die Show nicht finanzieren und es würde nicht die familiäre Atmosphäre entstehen.

 

Womit wir bei der Zukunft der Riese-Show sind. Es wird gemunkelt, du hättest da etwas in der Pipeline – und zwar mit deutlichen Veränderungen zum Show-Konzept in der Cloud. Was ist dran? 

Die Show gibt es seit 14 Jahren und hat sich stetig weiterentwickelt. Ich werde jetzt nicht das Konzept komplett ändern. Aber wir wechseln den Raum. Ich habe mich in einen Saal mitten in Münster verliebt, im sechsten Stock mit weitem Blick über die Stadt. Vielleicht ahnen Deine Leserinnen und Leser, wohin ich will…

Und meine neue Show-Assistentin ist ein Mann. Ein lustiger Mann. 

Momentan kann zwar niemand genau sagen, wie sich irgendetwas in der Kulturszene entwickeln wird. Aber: Ans Aufhören denkst du doch nicht, oder?

Niemals! Und wie erwähnt moderiere ich ja auch während des Lockdowns. Nicht nur kulturelle Veranstaltungen, auch Business-Events. Und ich kehre im Oktober für zwei Auftritte ins Pumpenhaus zurück. Zum Festival der Demokratie, einer Veranstaltung der Erfinderinnen von „24 Stunden Münster“. Ich werde, oh Wunder, mit einem kleinen Talkformat dabei sein. Da spreche ich dann z.B. mit Udo Lielischkies, dem einstigen Leiter des ARD-Fernsehstudios in Moskau. Dort hatte ich ihn im März 2018 besucht und er hat mir erstaunliche Einblicke hinter die Kulissen russischer Politik und das russische Alltagsleben beschert. Da waren es minus 20 Grad und ich dachte, in Münster wird es niemals annähernd so kalt. Wie ich eingangs schon erwähnte, neige ich zu gelegentlichen Fehleinschätzungen.

Du hast im Culture Club gesagt: „Mir fehlt meine Show – und: Umarmungen“. Wann glaubst du, kann man wieder unbekümmert Leuten um den Hals fallen, die nicht zum engsten Kreis zählen?

Wie gesagt bin ich bei solchen Prognosen nicht sehr gut. Aber wenn sich die Menschen überall so vorbildlich verhalten wie in Münster, haben wir Corona bald besiegt. Wobei man sich auch in dieser Stadt manchmal wundert. Ach, ich hoffe, dass es zumindest ab Ostern bergauf geht. Spätestens ab Pfingsten werde ich durch Münster laufen und wildfremde Menschen umarmen! Und ich freue mich schon, auf die vielen Kinder, die während der Coronazeit gezeugt wurden. Ich ahne schon, wie die heißen: Impfke, Superspredgar und Inzijens.

INFO

Adam Riese ist in Münsters Szene seit den 80er Jahren bekannt, sei es als Punksänger oder bei den „Fidelen Schwagern“, zu denen auch Götz Alsmann zählte. Die „Adam Riese Show“ wurde vor 14 Jahren ins Leben gerufen, wanderte vom Pumpenhaus in die Cloud und wird bald ein neues Zuhause finden. Der studierte Mathematiker Riese verdient seine Alltags-Brötchen als IT-Fachmann.

Viele, viele weitere Infos zum Adam Riese erfahrt hier am besten hier:

Autor Arndt Zinkant / Illustration Thorsten Kambach

Erstmalig erschien dieser Text in Stadtgeflüster Interview März 2021

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